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Schleswig-Holstein am Sonntag

04. Dezember 2016 | 23:18 Uhr

Steigende Immobilienpreise : Wohnen als Luxus: Zahl der Obdachlosen in SH steigt

vom

In vielen Städte ist günstiger Wohnraum im Norden Mangelware. Vor allem Wohnungslose trifft das hart – und ihre Zahl steigt. Schätzungen gehen inzwischen von 10.000 Betroffenen im Land aus.

Kiel/Lübeck | Gerichtsvollzieher und Schlosser rücken an, tauschen die Schlösser aus. Wer nicht mehr mithält, der muss gehen. Wer dies nicht freiwillig tut, dem droht die Zwangsräumung. In manchen Fällen rücken noch die Möbeltransporter an – doch dies ist immer seltener der Fall, der Staat will sparen. Auch dann, wenn er seine Bürger auf die Straße setzt. Also werden nur die Schlösser ausgewechselt.

Der Weg in die Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist eine Sache weniger Minuten. Alle fünf Stunden wird in Schleswig-Holstein eine Wohnung zwangsgeräumt. 1762 Mal im Jahr. So geht es aus Angaben des Justiz-Ministeriums in Kiel für das vergangene Jahr hervor. 1814 Räumungen waren es noch ein Jahr zuvor. Doch die Zahlen erzählen nur einen kleinen Teil der Geschichte –  da viele Menschen ihre Wohnung nicht erst verlassen, wenn die Staatsmacht vor der Tür steht und sie zum Gehen zwingt.

In Schleswig-Holsteins Städten steigen die Immobilienpreise. Bezahlbarer Wohnraum wird knapp. Die Lohnentwicklungen halten in vielen Teilen Deutschlands inzwischen nicht mehr mit den steigenden Mieten Schritt. Immer mehr Menschen im Land stehen ohne eigene Unterkunft da. Allein im vergangenen Jahr zählte die Diakonie Schleswig-Holstein 6500 Wohnungslose im Land – tausend mehr als noch im Jahr zuvor. Es sind nicht allein die steigenden Mieten, die sie auf die Straße treiben. Doch der Mangel an bezahlbarem Wohnraum verhindert oft, dass sie von dort wieder zurückkehren können.

Auch in diesem Jahr steigen die Zahlen unvermindert weiter. Friedrich Keller, Sprecher der Diakonie in Schleswig-Holstein, berichtet mit Blick auf das erste Halbjahr, dass die Nachfrage in den Beratungsstellen der Einrichtung zunehme. Die Diakonie selbst geht in Schätzungen von rund 10.000 Betroffenen zwischen Nord- und Ostsee  aus. Wobei – wie so oft – eine Dunkelziffer bleibt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) geht für die kommenden Jahre von zweistelligen Wachstumsraten bei der Zahl der Wohnungslosen in Deutschland aus. Zuletzt warnte das Bündnis, dass bis 2018 mehr als 530.000 Menschen in Deutschland ohne feste Unterkunft sein könnten.

„Die Auffangmöglichkeiten bestehen“, sagt Keller bei der Diakonie. Doch es gebe eben einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Auch bei Hempels – dem Straßen-Magazin in Schleswig-Holstein – wird die Entwicklung bestätigt. Der Druck auf den Wohnungsmarkt sei inzwischen so stark, dass Wohnungslose kaum noch eine Chance haben, sagt der erste Vorsitzende des Vereins,  Jo Tein.  Vor allem Kiel und Lübeck trifft das. Auch Flensburg wird von Experten der Sozial-Dienste und Wohlfahrtsverbände inzwischen regelmäßig genannt. „Viele jüngere Leute sind auch wohnungslos“, so Tein.

Die Vorwerker Diakonie in Lübeck versucht seit Anfang des Jahres mit einem speziellen Projekt Abhilfe für die Probleme zu schaffen, mit denen Wohnungslose konfrontiert sind – und mit Vorbehalten der Immobilien-Eigentümer aufzuräumen. Die Einrichtung mietet selbst Wohnungen an und vermietet diese später an Menschen weiter, die bis dahin ohne Wohnung waren. „Wir übernehmen das Vermieter-Risiko“, erklärt Lutz Regenberg. Allerdings ist es bislang ein Tropfen auf den heißen Stein: Zehn Wohnungen hat die Vorwerker Diakonie auf diese Weise vermittelt.

Hempels geht noch einen Schritt weiter. „Wir haben wegen der steigenden Zahl eine Stiftung gegründet“, sagt Tein. In einem ersten Schritt möchte der Verein Mobile Heime errichten, Tein zufolge seien diese letztlich mit mobilen Ferienhäusern vergleichbar. Mittelfristig plant Hempels den Ankauf von Wohnungen. Geld dafür kommt seinen Angaben zufolge auch von anderen Stiftungen – die nicht zuletzt nach Anlagemöglichkeiten in Zeiten niedriger Zinsen suchen.

Die Auslöser für den Verlust der Wohnung sind vielfältig. Jan Dreckmann vom Paritätischen in Schleswig-Holstein spricht von einer „Gemengelage aus finanzieller Not und Überforderung“ sowie von „Konflikten in Familie, Ehe, Partnerschaft“. Mietschulden, Scheidung gelten als Gründe. „Gewalt als Auslöser des Wohnungsverlustes ist von besonderer Bedeutung bei Frauen“, sagt er.

Dreckmann zufolge leiden wohnungslose Menschen „häufiger als die Mehrheitsbevölkerung unter Mehrfacherkrankungen und unter psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen mit den entsprechenden Folgeerkrankungen“. Dreckmann plädiert für Präventionsmaßnahmen – um den Verlust der Wohnung zu verhindern. Denn die Folgen der Wohnungslosigkeit sind hart. „Wohnungslosigkeit ist die extremste Form sozialer Ausgrenzung.“

Hempels warnt bereits vor den Grenzen, bei der Beschäftigung der Magazin-Verkäufer, die die Hälfte des Verkaufs-Preises erhalten. „Man hat nicht unbegrenzt viele Plätze zur Verfügung“, so Tein. Die Verkaufsstellen werden behördlich genehmigt. Alternativ stehen sie auf privaten Grundstücken – beispielsweise von Supermärkten, die die Aktion unterstützen. Die Auflage steigt. 22.000 Exemplare verkauft Hempels derzeit durchschnittlich im Monat – so viele wie noch nie.

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erstellt am 31.Jul.2016 | 09:01 Uhr

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