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Schleswig-Holstein am Sonntag

10. Dezember 2016 | 23:31 Uhr

Integration in Schleswig-Holstein : Was von der großen Flüchtlingswelle in SH geblieben ist

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor einem Jahr kamen auf einmal doppelt so viele Flüchtlinge wie im Monat zuvor. Das Land ringt immer noch mit den Auswirkungen.

„Das war’s“. Lars Bessel hat seinen Job gemacht. Gerade hat der ehemalige Leiter einer der größten Erstaufnahme-Einrichtungen im Land den Schlüssel für das Camp Prinovis in Itzehoe abgegeben. Jetzt geht er die Treppe der ehemaligen Großdruckerei hinunter – und man merkt, dass ihm der Abschied nicht leicht fällt. „Es war eine besondere Zeit – und ja, ein wenig stolz bin ich darauf, was wir hier geschaffen haben“, sagt der 46-Jährige. Ein letzter Blick auf das Container-Dorf, das auf dem Parkplatz des Industrieareals enstanden ist, dann steigt Bessel auf sein Motorrad und fährt davon.

Wohl nirgendwo lässt sich so gut wie in Itzehoe zeigen, was in Schleswig-Holstein in den vergangenen zwölf Monaten passiert ist. Der Zeit seit das Land im vergangenen Herbst von Flüchtlingen überrannt wird. Die Zeit, in der die Bürokratie überfordert ist, und um Kontrolle ringt. Die Zeit, in der erst zu wenige und dann zu viele Plätze für Flüchtlinge da sind. Und die Zeit, in der Deutsche den Neuankömmlingen helfen, und in der Flüchtlinge versuchen, Fuß zu fassen, in einer fremden Umgebung.

Es ist der 25. September 2015 als um 15.02 Uhr Lars Bessels Telefon klingelt. Am anderen Ende meldet sich sein Regionalleiter von den Johannitern. Der fragt, ob Bessel die Betreuung einer Erstaufnahmeeinrichtung in Itzehoe übernehmen kann. Bessel hat in den Tagen zuvor bereits im benachbarten Kellinghusen ehrenamtlich die Helfer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) unterstützt, die damals alle Erstaufnahmen betreuen. „Doch die waren am Rande der Belastungsgrenze, deswegen sollten wir Itzehoe übernehmen“, sagt Bessel, der als freiberuflicher TV-Journalist arbeitet. „Das war der Vorteil an der Selbstständigkeit, ich konnte das einrichten.“

Sein Regionalleiter habe ihm gesagt, er solle direkt zum Prinovis-Gelände fahren. „Ich habe nur gefragt: Wohin?“ Bessel kann sich nicht vorstellen, dass in dem seit Monaten leer stehenden Industriekomplex Menschen übernachten sollen, aber er fährt los und trifft dort Rüdiger Smal von der Landespolizei. Der telefoniert viel. Sehr viel. Smal hat in den vergangenen Monaten eine Erstaufnahme nach der anderen aufgebaut. Unkonventionell, aber höchst effizient.

Im Innern der riesigen Fabrikhallen sieht Bessel, wie Reservisten der Bundeswehr Betten zusammenschrauben. „Ich wusste, dass schon 72 Stunden später die ersten Flüchtlinge kommen sollten, ich wusste aber nicht wie viele“, sagt Bessel. Am Ende werden im Camp 1100 Menschen leben, 500 schlafen gemeinsam in einer riesigen Halle.

„Für mich ist es heute noch ein kleines Wunder, dass es außer einigen kleineren Schlägereien und einem Mini-Brand, keine großen Auseinandersetzungen gegeben hat“, sagt Bessel. „Da müssen wir bei der Betreuung doch etwas richtig gemacht haben.“

Doch in diesen letzten Septembertagen des Jahres 2015 ist er sich nicht so sicher, dass alles ruhig bleibt. Es herrscht Chaos. Niemand weiß wo die immer zahlreicher ins Land strömenden Flüchtlinge untergebracht werden sollen. Das Land mietet und kauft Gebäude und Flächen, schließt Verträge mit Cateringfirmen und Betreuungsorganisationen. Die Kosten sind erstmal relativ egal, es geht darum, die Menschen unterzubringen. Im November erklärt Innenminister Stefan Studt (SPD), dass er die Zahl der Erstaufnahmeplätze von 12.000 bis Jahresende auf 25.000 erhöhen will. Am Ende sind es 20 Erstaufnahmen und Landesunterkünfte, darunter solche wie in Husum, die nie ein Flüchtling betritt.

Nach Genehmigungen, Brandschutzbestimmungen oder sonstigen Vorschriften fragt in diesem Moment keiner. Vieles von dem, was scheinbar den deutschen Staat organisiert, ist aufgehoben – und lässt Gestaltungsräume. Für Leute wie Bessel und Smal. Und die machen einfach. Sie organisieren Betten, Essen und ärztliche Versorgung. Die Johanniter richten eine Empfangshalle ein, die sie sogar mit Pflanzen bestücken, damit es hübscher aussieht. Sie schaffen eine Facebook-Seite, über die sie erfolgreich um Sachspenden werben. Später entstehen im Camp eine Freizeithalle, in der die Flüchtlinge Fußball spielen können. Es gibt eine Kleiderkammer, Kinderbetreuung, und eine Nähstube, sogar eine Schule.

Die Bürokratie kommt nur langsam hinterher. In Itzehoe plant das Innenministerium ein Container-Dorf, weil niemand riskieren will, dass 2000 Flüchtlinge in Industriehallen schlafen, und es vielleicht doch noch zu Unruhen kommt. Wenige Tage vor Weihnachten werden alle Flüchtlinge des Camps auf Kreise und Kommunen verteilt. Camp Itzehoe schließt die Tore – für immer. Doch das weiß damals noch keiner. Das Container-Dorf ist wenige Wochen später bezugsfertig, immer wieder wird die Eröffnung verzögert, weil diesmal alle Bestimmungen peinlich genau eingehalten werden sollen. Die Bürokratie ist zurück. Doch weil die Zahl der Flüchtlinge weiter sinkt, zieht niemand ein. „Es ist schon bitter“, sagt Lars Bessel. „Wir haben alles um Flüchtlinge zu versorgen und im Mittelmeer ertrinken immer noch Menschen.“

Das Camp kostet nach wie vor Geld: Für Miete und Unterhalt der Container zahlt das Land im Moment 530.000 Euro. Für die rund 70.000 Quadratmeter große Fläche der Landesunterkunft werden rund 300.000 Euro Monatsmiete fällig, der Vertrag läuft noch bis September 2017. Überall verhandelt das Land mit Vermietern über vorzeitige Vertragsauflösungen.

Das Finanzministerium in Kiel geht davon aus, dass die Kosten für Miete und Bewirtschaftung für alle nicht genutzten Container und Liegenschaften in diesem Jahr rund 40 Millionen Euro betragen werden. Den Löwenanteil von 36 Millionen Euro kosten die aufgelösten oder in Auflösung befindlichen Standorte. Auch im kommenden Jahr werden laut Ministeriumssprecher Eugen Witte noch rund 17 Millionen Euro fällig, da die Mietverträge oft erst Mitte des Jahres auslaufen. Der Rest der Kosten wird für die Unterkünfte fällig, die noch bereitgehalten werden, falls doch wieder mehr Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein kommen sollte.

Ab 2017 reduziert sich dieser Betrag auf 1,7 Millionen. Wie viel der Aufbau und Betrieb der Camps insgesamt gekostet hat, das wissen verschiedene Ministerien nicht zu beantworten.

In dem Chaos, das im Herbst 2015 in den Aufnahmen herrscht, werden nicht alle Neuankömmlinge, die es nach Itzehoe geschafft haben, registriert. Noch heute sind bundesweit 250.000 Asylanträge unbearbeitet. So wie der von Ayman Abdela, der mit seinem acht Jahre alten Bruder Omar aus Damaskus gekommen ist. Über Jordanien und das Mittelmeer sind die beiden nach Deutschland geflohen. Genau vor einem Jahr sind sie unter den ersten 200 Flüchtlingen, die das Camp in Itzehoe beziehen.

„Die erste Nacht in der großen Halle habe ich gar nicht geschlafen“, sagt der 23-Jährige. Er habe gegrübelt wie es weiter gehen soll, ohne die Eltern, die nicht aus Jordanien herauskommen und nicht nach Syrien zurückwollen. Und was aus Omar wird, der wie er kein Wort deutsch spricht und damals ganz vorne links in einem erst wenige Stunden zuvor aufgebauten Bett schläft – beleuchtet von Fabriklampen, nur durch einen Bauzaun getrennt von den anderen Flüchtlingen.

Damals hätte Abdela sich nicht träumen lassen, dass Omar heute die dritte Klasse besucht, sie eine kleine Wohnung in Kremperheide bewohnen. Dass beide Brüder so gut deutsch sprechen, dass sie in Deutschland zurecht kommen. Dass Ayman als Bundesfreiwilliger in der Kindertagesstätte der Johanniter in Itzehoe arbeiten kann – er vom Flüchtling zum Helfer geworden ist.

Und die anderen Helfer? Von den 19 Johannitern, die in Voll- oder Teilzeit im Camp gearbeitet haben, sind alle in anderen Einrichtungen der Johanniter oder in anderen Erstaufnahmen untergekommen. Und auch für die vielen hundert DRK-Helfer arbeitet das Land an einer Lösung, sagt Innenminister Stefan Studt (SPD). „Sie werden für die aufsuchende Integration eingesetzt“, sagt DRK-Sprecherin Ulrike Holznagel. In den Kommunen sollen sie den Flüchtlingen bei den nächsten Schritten in Deutschland helfen – bezahlt werden sie vom Land, das im Zuge der Flüchtlingswelle langfristige Verträge geschlossen hat. Denn niemand hat im Sommer 2015 geahnt, dass so viele Flüchtlinge kommen, und niemand im Herbst, dass es schon im Frühjahr deutlich weniger werden würden.

Erstaufnahmen gibt es heute nur noch vier, in Rendsburg, Boostedt, Neumünster und Glückstadt, dazu die Landesunterkunft in Kiel. Knapp 6000 Plätze stehen dort zur Verfügung, von denen aber nur 20 Prozent genutzt wird. 2016 hat Schleswig-Holstein bisher 8344 Asylsuchende aufgenommen, im vergangen Jahr waren es allein im November über 7000.

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Foto: Grafik: Lundt
 

Kinder wie Omar Abdela besuchen die allgemein bildenden Schulen im Norden und werden in Deutsch als Zweitsprache (Daz) unterrichtet: Im September 2015 gab es im Norden 271 Daz-Klassen in etwa 100 Daz-Zentren mit 3945 Schülern in der Basisstufe. Dafür gab es 358 Lehrerstellen. Neun Monate später beschult das Land 7627 Schüler in den Basisstufen. Sie verteilen sich auf 196 Daz-Zentren und werden in 476 Daz-Klassen unterrichtet. Dafür gibt es 427 Lehrerstellen. Dazu kommen die Berufsschüler, insgesamt hat sich die Zahl der Daz-Schüler seit vergangenen September verdoppelt.

Sie lernen nicht nur deutsch, sondern auch die Kultur kennen. So wie Ayman Abdela, der in seiner Heimat Tourismus studiert hat. Er würde das gern weiter machen. „Doch Tourismus in Syrien – wie soll das gehen?“ Dennoch will er zurück – irgendwann wenn Frieden ist, sagt er. Für Abdela bleibt seine Heimat Syrien – auch wenn dort vieles von dem zerstört ist, was Heimat ausmacht. „Irgendwer muss das Land wieder aufbauen“, sagt der junge Mann. Er will dabei sein. Bis dahin will er weiter lernen in Deutschland, so viel er kann. Nach seinem Bundesfreiwilligendienst will er eine Ausbildung anfangen.

Wie viele Flüchtlinge noch nach Schleswig-Holstein kommen werden, weiß niemand. Ayman Abdela nicht, Stefan Studt nicht und auch nicht Lars Bessel. Der aber glaubt, dass die meisten Menschen zurückwollen in ihre Heimat – so wie Abdela. Gern erzählt Bessel von dem Jahr 1994 als 438.000 Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina in Deutschland lebten. „Davon sind heute noch sieben Prozent hier.“

Doch der Weg nach Hause ist lang. Vor einem Jahr war Ayman Abdelas größte Hoffnung, seine Familie wieder zu sehen. Doch das sei schwer, seine Eltern hätten nicht die Möglichkeit aus Jordanien nach Deutschland zu kommen. Und weil die Behörden noch immer den Stau an nicht-registrierten Flüchtlingen abbauen müssen, und er und Omar deswegen noch immer keine Anerkennung als Asylbewerber haben, kann er auch keinen Antrag stellen, um seinen Eltern den Nachzug nach Deutschland zu ermöglichen. Nun betet Ayman, dass er seine Eltern noch einmal wiedersehen kann. „Aber die Hoffnung habe ich verloren.“

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erstellt am 01.Okt.2016 | 17:18 Uhr

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