zur Navigation springen

Bundestagswahl 2017 : Virtuelles Klinkenputzen: Die CDU probt Wahlkampf

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die CDU setzt im Bundestagswahlkampf auf das Gespräch an der Haustür. Die Schulung der Wahlkämpfer läuft schon.

Berlin | „Was wollen Sie?“ fragt ein unwirscher älterer Herr, als Peter Tauber die Wahlkampf-Übungstür in der CDU-Parteizentrale öffnet, einer Apparatur mit Holztür und mannshohem Bildschirm dahinter. „Guten Tag, ich bin von der CDU und würde Ihnen gerne Material über unser Wahlprogramm geben“, sagt der Generalsekretär der Christdemokraten mit bester Verkäuferlaune zu seinem virtuellen Gegenüber – ohne Erfolg. „Hauen Sie ab, oder ich rufe die Polizei!“, droht der Mann, der auf dem Bildschirm erscheint und wütend zu schimpfen beginnt. Trockenübung im Konrad-Adenauer-Haus.

In den vergangenen Wochen ist dort im zweiten Stock der „Maschinenraum“ für den Bundestagswahlkampf aufgebaut worden. Eine zehnköpfige Social-Media-Redaktion, ein Kreativteam der Werbeagentur Jung von Matt und rund 15 Mitarbeiter der Jungen Union und der CDU, die unter dem Schlagwort „Connect 17“ den Häuserkampf für Kanzlerin Angela Merkel mit dem MacBook organisieren. Die Übungstür ist einer ihrer Clous. Drei dieser Apparate sind bundesweit im Einsatz, um die Straßenwahlkämpfer zu schulen, auf die Gespräche an den Haustüren vorzubereiten. „Wir haben neben dem latent aggressiven Nichtwähler auch den Unentschiedenen und eine Merkel-Anhängerin im Programm“, sagt Connect-17-Chef Conrad Clemens. Dabei gehört das Üben mit der virtuellen Merkel-Anhängerin zu den wichtigsten Aufgaben. Denn im echten Wahlkampf darf sich niemand von wohlgesonnenen CDU-Wählern zum Kaffee einladen lassen, muss stattdessen höflich absagen. „Dafür fehlt einfach die Zeit“, sagt Hennewig entschuldigend.

Die gute alte Überzeugungsarbeit an der Haustür –- „ihr kommt in diesem Wahlkampf eine besondere Bedeutung zu“, sagt Peter Tauber nach seiner Übungseinheit im Gespräch mit Schleswig-Holstein am Sonntag. Die sozialen Medien sind zwar auch wichtig, aber bei vielen Menschen auch in Misskredit geraten. Alle Parteien setzen deswegen verstärkt auf den direkten Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern. Die Grünen-Spitzenkandidaten sind schon auf Deutschland-Tournee, auch SPD-Herausforderer Martin Schulz sucht die Bürgernähe. Die CDU hat im Landtagswahlkampf im Saarland schon an 75.000 Haustüren geklingelt und sieht sich durch den Erfolg in ihrer Strategie bestätigt.

Zwei weitere Instrumente haben sich die überwiegend jungen Leute von Connect 17 ausgedacht, um die Merkel-Anhänger am 24. September an die Wahlurnen zu treiben: Eine Handy-App, um die Straßenwahlkämpfer exakt zu steuern und zu motivieren: Per GPS werden die Helfer in die Straßen gelotst, in denen sich das Klingeln am stärksten lohnen dürfte. Und ihre jeweiligen Erfahrungen müssen sie in der App bewerten. Mit den so gewonnenen Daten verfeinern die Experten in Berlin die Wahlkreispotenzialanalyse und können im nächsten Durchgang noch zielgenauer klingeln. Dabei gilt es nicht, stramme Sozis oder Grüne ins konservative Lager herüberzuholen. „Das wichtigste ist es, unsere eigene Klientel zu mobilisieren“, sagt Connect-17-Chef Clemens und freut sich, dass die SPD über kein so ausgefeiltes „Analyse-Tool“ verfüge.

Weiterer Kniff seiner App: Sie ist ein hervorragendes Kontrollinstrument, mit dem die Wahlkampfleiter sehen können, wer am fleißigsten von Tür zu Tür eilt – und wer beim Tempo noch zulegen sollte. Statt als Kontrolle verkauft Clemens die Möglichkeit natürlich als Motivationsfaktor. Wer 60 Türen geschafft hat, wird zum „Hans Dampf in allen Gassen“ gekürt. Bei 120 Türen erhält Mann oder Frau den Titel „Marathonläufer“. Und diejenigen, die kurz vor der Wahl die meisten Klingelnachweise erbringen, die will die Kanzlerin persönlich anrufen. So hat sie es versprochen.

Neben Connect 17 und dem digitalisierten Wahlkampf setzt CDU-Wahlkampfstratege Tauber auch auf Werbung und hat mit Jung von Matt eine der renommiertesten Agenturen an Bord holen können. Zum ersten Mal werbe er in Deutschland für eine Partei, berichtet Agenturgründer Jean-Remy von Matt im Adenauer-Haus. Im Herbst sei er gefragt worden, damals habe er die Demokratie in Gefahr gesehen und sich auf die heikle Mission eingelassen. Von Matts wichtigste Aufgabe: „Den“ Wahlkampfslogan für Merkel zu finden. Mit „Geiz ist geil“ – einem Jung-von-Matt-Klassiker, wird es nicht klappen. Der Agenturgründer schwärmt vom Adenauer-Spruch von 1957, „Keine Experimente“, der habe der CDU die absolute Mehrheit eingebracht.

Auch US-Präsident Trump sei Dank des Claims „Make America Great Again“ richtig durchgestartet. Gelingt seiner Agentur ein ähnlicher Coup? Verraten wird natürlich nichts, nur, dass er „im Sommer“ spätestens liefern muss. Und dass – natürlich – die Kanzlerin im Mittelpunkt stehen dürfte. Die Regierungschefin sei „eine tolle Persönlichkeit“, da wäre es doch „völlig verfehlt“, die Marke Merkel nicht zu nutzen. Die erste Politik-Werbung machte Jung von Matt übrigens im vergangenen Jahr für den österreichischen Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen, ein früherer Grüner. Das war gelungen. Aber für Martin Schulz zu werben? „Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Von Matt, und dreht seine Krawatte um: JU ist auf die Rückseite gestickt – für Junge Union.

Häuserwahlkampf, Werbung – und Social Media: Das ist die dritte Säule im Tauber-Konzept. Stefan Hennewig leitet die Redaktion, und er setzt im Wahlkampf auch sogenannte „dark posts“ ein: Wahlaufrufe, die an sämtliche Facebook-Nutzer gehen. Auch Werbung verbreiten die Wahlkämpfer über Social Media. 50 Euro pro Posting kostet das. Ein Angebot, dass Facebook neu ins Programm genommen hat. Mit den verpönten Social Bots habe das aber nichts zu tun, betont Hennewig. Das sind automatisch generierte Inhalte, die daherkommen, als hätte sie jemand geschrieben. Bis auf die AfD haben alle Parteien Social Bots eine Absage erteilt. Insgesamt 20 Millionen Euro setzt die CDU für ihren Bundestagswahlkampf ein. Ob es sich auszahlt, wird am Abend des 24. September feststehen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen