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Schleswig-Holstein am Sonntag

24. März 2017 | 03:13 Uhr

Delfine, Lederschildkröten und ein Albatros : Verschleppt, verirrt, vermehrt – so kommen tierische Einwanderer nach SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wale, Delfine, ein Albatros: Die Meldungen über seltene „tierische“ Besucher in Nord- und Ostsee häufen sich. Schleswig-Holstein am Sonntag hat den Ursachen nachgespürt.

Helgoland | Buckelwale, ein Beluga, Delfine und ein Tunfisch in der Ostsee, ein Albatros auf Helgoland: Die Meldungen über tierische Besucher aus anderen Regionen der Welt vor den Küsten Schleswig-Holsteins häufen sich. Kommen sie, um zu bleiben oder haben sie sich einfach nur verirrt? Und welche Rolle spielen menschliche Einflüsse bei diesen tierischen Wanderbewegungen? Eine Spurensuche.

Zunächst die aus Sicht der Wissenschaft wichtigste Unterscheidung: Handelt es sich um Invasoren oder Zufallsgäste? Es sind die Erstgenannten, die Ökologen Sorgen bereiten. Sie können sich auf eigene Faust in neue Lebensräume aufgemacht haben, sind meist jedoch sogenannte Neozoen – Tiere also, die „absichtlich oder unabsichtlich durch den Menschen in andere Gebiete verbracht worden sind und sich dort fest etabliert haben“ (Definition im Online-Lexikon Wikipedia).

An Land sind für Schleswig-Holstein Marderhund und Waschbär die wohl bekanntesten Beispiele. Marderhunde, ursprünglich im asiatischen Raum heimisch, wurden Vermutungen zufolge in den 1930er Jahren im europäischen Teil der UdSSR ausgesetzt und haben sich seitdem schnell Richtung Westen ausgebreitet. Ebenfalls in den 1930er Jahren entkamen einige Waschbären aus einer Pelztierzucht hierzulande, vermehrten sich munter und tun es noch.

Für die Natur können solche tierischen Neubürger durchaus eine Bereicherung sein. Zum Problem werden sie allerdings, wenn sie sich in der neuen Heimat allzu breit machen und ansässige Bewohner verdrängen. „Durch die immer häufigere und schnellere Einschleppung fremder Arten kann das heimische Ökosystem aus dem Gleichgewicht geraten“, haben die Wissenschaftler Thorsten Reusch und Cornelia Jaspers vom Kieler Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung diese Gefahr erst kürzlich in einem Beitrag für den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag beschrieben.

Und sie haben deutlich gemacht, dass „die Globalisierung vor der Meeresumwelt nicht halt macht“. Schätzungen zufolge leben in Nord- und Ostsee heute rund 200 nicht-heimische Tierarten, die durch den Einfluss des Menschen hierher gelangt sind, durch das Ballastwasser von Frachtschiffen zum Beispiel. Und auch im Meer können die tierischen Einwanderer zur Bedrohung für die vorhandene Fauna werden.

Dafür gibt es ebenfalls ein prominentes „hiesiges“ Beispiel – eines, von dem der Mensch auf den ersten Blick sogar profitiert: die Ausbreitung der pazifischen Auster an der Nordseeküste. Durch Aquakulturen auf Sylt und in den Niederlanden dorthin gelangt, erobert dieses (schmackhafte) Schalentier von Norden und Süden aus das Wattenmeer und besetzt dabei die Lebensräume der Miesmuscheln.


Anders stellt sich die Sache bezüglich der Delfine dar, die sich kürzlich vor Fehmarn tummelten, und der Wale, die immer mal wieder in der Ostsee auftauchen: Ursache ihrer Stippvisite dürfte eher der Zufall sein. Wale und Delfine würden schon seit Langem hin und wieder in die Ostsee schwimmen, bestätigt Geomar-Pressesprecher Jan Steffen.

Dass solche Besucher kein neues Phänomen sind, dafür steht die Lederschildkröte, die sich bereits 1965 in die Ostsee vor Mecklenburg-Vorpommern verirrt und in einer Reuse verfangen hatte. Das Präparat des Reptils gehört unter dem Namen „Marlene“ bis heute zu den Attraktionen im Stralsunder Meeresmuseum. Und Marlene blieb nicht die einzige, die sich bei einer für diese Tierart typischen Wanderung aus ihrer angestammten tropischen und subtropischen Heimat verirrte: 2006 wurde der leere Panzer einer Lederschildkröte auf der nordfriesischen Insel Amrum angespült, von der niederländischen Küste wurden in den darauffolgenden Jahren mehrere Sichtungen lebender Exemplare gemeldet.

Aus dem Blickwinkel von Ökologen sind solche Vorkommnisse nichts Besonderes in einem dynamischen System wie der Natur – eine Dynamik, die sich auch in der Vogelwelt zeigt. Ein Kristallisationspunkt dafür ist die Hochseeinsel Helgoland: Hier, am vogelartenreichsten Standort Deutschlands, ja vielleicht ganz Europas, finden sich immer wieder seltene gefiederte Gäste ein.

Symbolisch dafür ist der „Helgoländer“ Schwarzbrauenalbatros: Ein Vertreter dieser schwerpunktmäßig rund um das Südpolarmeer vorkommenden häufigsten Art aus der Familie der Albatrosse schaut seit April alle paar Tage auf der Hochseeinsel vorbei und gesellt sich zu der dortigen Basstölpel-Kolonie, berichtet der Leiter des Instituts für Vogelforschung/Vogelwarte Helgoland Jochen Dierschke im Gespräch mit Schleswig-Holstein am Sonntag.

Eine Besonderheit im Gefieder sowie sein Verhalten deute darauf hin, dass es derselbe ist, der schon letztes Jahr auf Helgoland sowie in Dänemark und Schweden gesehen wurde. „Der hat sich verflogen“, vermutet Dierschke. Aber auch Albatrosse sind keine neue Erscheinung in nördlichen Gefilden: Nachweise gehen zurück bis ins 19. Jahrhundert, den Angaben zufolge sind es europaweit mindestens 120.

Dass gerade auf Helgoland solche Exoten vergleichsweise häufig dokumentiert sind, hängt nach Dierschkes Einschätzung nicht zuletzt damit zusammen, dass die Insel in der Deutschen Bucht ein Magnet und wichtiger Rastplatz für über die Nordsee ziehende Vögel sei. Zudem ist hier, durch die Präsenz der Vogelwarte, die Beobachtungsintensität hoch. So mancher seltene Vogel mag auch anderswo mal Rast machen, wird aber schlicht nicht bemerkt.

Die modernen Medien tun ein Übriges: Über Netzwerke wie die Online-Plattform „ornitho.de“ werden Beobachtungen meist zeitnah kommuniziert. Ist der Albatros also wieder auf der Insel, „weiß es eine Stunde später die ganze deutsche Ornithologenszene“, so der Leiter der Vogelwarte.

Weitere Aspekte sind die Wahrscheinlichkeit (je häufiger eine Art, desto häufiger auch „abweichendes“ Verhalten), Wetter und Strömung, die Disposition des Individuums – aber eben auch menschengemachte Faktoren. Zu diesen zählt die Wissenschaft die dem Klimawandel zugeschriebene Erwärmung der Meere, die sich in der Nordsee besonders bemerkbar macht: Die Wassertemperatur ist hier seit 1962 um nahezu zwei Grad angestiegen, haben die langfristigen Datenreihen der zum Alfred-Wegner-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) gehörenden Biologischen Anstalt Helgoland ergeben.

Zu den Folgen gehört laut Meeresbiologen unter anderem, dass bisher eher im Mittelmeer heimische Fischarten sich zunehmend auch in der Nordsee einstellen; Streifenbarben, Doraden und Sardellen sind dafür nur einige Beispiele. Manche klassischen Wattenmeerbewohner wie Scholle, Seezunge und Kliesche dagegen verlagern ihren Lebensraum im Sommer immer früher in die tiefere Nordsee, das Hauptverbreitungsgebiet des Kabeljaus wandert gen Norden.

Die einen kommen, die anderen gehen – das ist der Lauf der Dinge in einem dynamischen System. Viele Ökologen sehen tierische Wanderbewegung dennoch mit Sorge. Denn es sind die anpassungsfähigen Arten, die profitieren, während die hochspezialisierten, auf besondere und eng begrenzte Lebensräume angewiesenen an den Rand gedrängt werden.

„Globalisierung der Ökosysteme“ ist ein in diesem Zusammenhang viel zitiertes Stichwort. Es meint, dass die Biodiversität, also die Vielfalt verschiedener Lebensräume, und in der Folge die der Tier- und Pflanzenarten sowie deren genetischer Ausstattung zurückgeht. Insofern könnte so mancher der tierischen Wanderer Botschafter einer Globalisierung der ganz anderen Art sein.

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