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Schleswig-Holstein am Sonntag

05. Dezember 2016 | 03:35 Uhr

Seehundstation Friedrichskoog : Trainingslager für Kulleraugen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Heuler sind los: Wenn im Sommer die Geburtenzeit bei den Seehunden in vollem Gange ist, hat die Seehundstation Friedrichskoog gut zu tun. Über 150 Jungtiere werden dort pro Saison aufgepäppelt.

Piefke, Heintje und Smutje träumen. Vielleicht von ihren Seehundmüttern, die sie nur kurz kennenlernen durften. Oder von einem Meer voll leckerem Fisch. Die drei jungen Heuler dösen am Rand ihres Aufzuchtbeckens dicht aneinandergeschmiegt vor sich hin, als sich plötzlich das Tor öffnet und eine große, dunkelhaarige Frau in Wathose hereinstapft. „Aufwachen!“ Ihr Ruf ändert erstmal gar nichts am Dämmerzustand der Seehundjungen. Nur Piefke öffnet die Augen und bemerkt offenbar schlagartig, wie hungrig er ist. Der kleine Heuler schreit wie ein Menschenbaby, das Muttermilch ersehnt. Seine Mitbewohner befinden sich immer noch in tiefsten Träumen. Also greift die Tierpflegerin zur Hauruck-Methode: Am Schwanz zieht sie die Seehundjungen ins Wasser. Sie motzen, quieken und krabbeln tolpatschig und trotzig wieder ins Trockene.

Piefke bekommt als erster seine Portion Fisch – in Form von Brei, per Trichter und Schlauch direkt in die Speiseröhre. Er schluckt eifrig. Zum Nachtisch gibt es noch einen ganzen Hering ohne Kopf. Auch den wuppt das Jungtier schon gut weg – und ziept dann an der Wathose der Tierpflegerin. Wo bleibt der Nachschub? Fehlanzeige, bis zur nächsten Fischration muss sich Piefke nun vier Stunden gedulden. Genügend Zeit für ein ausgiebiges Schläfchen. Damit hält er es wie mit dem Fisch – man kann nie genug davon haben. Die Kühlschränke in der Seehundstation Friedrichskoog sind prall gefüllt mit silbrig schimmerndem Hering. Eine halbe Tonne pro Tag verschlingen die hungrigen Heuler-Mäuler pro Tag, wenn – wie jetzt zur Hauptgeburtenzeit der Seehunde – alle Becken voll belegt sind.

Nach der Fütterung ist vor der Fütterung: Janine Böhm zerkleinert Heringe im Fleischwolf. Fünf Mal am Tag bekommen die Heuler ihre Breiportionen.
Nach der Fütterung ist vor der Fütterung: Janine Böhm zerkleinert Heringe im Fleischwolf. Fünf Mal am Tag bekommen die Heuler ihre Breiportionen. Foto: Michael Ruff
Babynahrung nach Plan: 200 ml püriertes Heringsfilet angereichert mit einer Elektrolytlösung bekommt dieser Heuler in Becken „Q6“ – einem Quarantänebecken.
Babynahrung nach Plan: 200 ml püriertes Heringsfilet angereichert mit einer Elektrolytlösung bekommt dieser Heuler in Becken „Q6“ – einem Quarantänebecken. Foto: Michael Ruff
 

180 Tiere waren es im Vorjahr, die Tendenz ist steigend, denn der Bestand in Schleswig-Holstein entwickelt sich mit zuletzt rund 3000 Geburten pro Jahr gut.

„Piefke hat in diesem Jahr am 11. Mai die Saison eröffnet“, sagt Eva Baumgärtner, Biologin in der Seehundstation. Einen Tag war er alt, als er am Damm der Lorenbahn zwischen Dagebüll und der Hallig Oland gefunden und nach Friedrichskoog gebracht wurde. Läuft alles nach Plan, dürfte er sich nach zehn bis zwölf Wochen das für die Auswilderung nötige Mindestgewicht von 25 Kilogramm angefuttert haben. Ein Kilo Körpergewicht pro Tag ist die ideale Zunahme. Je fetter, desto besser lautet das Motto. Oder: „Die sollen eine ordentliche Wampe kriegen“, wie Eva Baumgärtner es formuliert. Dann heißt es: Abschied nehmen von der behüteten Welt in der Aufzuchtstation, ab ins raue Nordseeleben.

Eva Baumgärtner ist heute früh aufgestanden. Schon die erste Fütterung um 6 Uhr stand auf ihrem Dienstplan. Sie trägt eine blaue Fleecejacke und eine an den Knien etwas zerfetzte Jeans – Seehundzähne sind verdammt scharf. Von den zahlreichen Arbeitsstunden an der frischen Luft sind Gesicht und Unterarme gut gebräunt. Die 35-Jährige hat in Heidelberg Biologie studiert und kam 2008 für ein Praktikum nach Friedrichskoog. „Da bin ich hängen geblieben, obwohl Seehunde vorher gar kein Thema für mich waren. Ich wollte einfach raus, was anderes sehen. Da kam die Nordsee gerade richtig.“ Was sie an ihrem Job schätzt? Die Vielfalt. Die Arbeit mit den Seehunden, Bürokram, Museumsgestaltung, auch mal ganz Praktisches wie Becken säubern. „Und es sind einfach tolle Tiere.“ Besonders zu den älteren Seehunden, die aus verschiedenen Gründen dauerhaft in der Station leben, sei die Beziehung oft intensiv. „Es sind unglaublich schlaue Tiere. Wahnsinn, in welchem Tempo die lernen.“

Als Heuler werden die jungen Seehunde bezeichnet, wenn Mutter- und Jungtier voneinander getrennt sind. Das kann durch den Menschen verursacht werden, oder auch aufgrund natürlicher Ursachen wie Strömungen, die das Junge von der Mutter wegtreiben. Täglich klingelt momentan das Stationstelefon. „Oft sind es Touristen, die am Strand Heuler finden, oder aber professionelle Seehundjäger, die gezielt schauen.“ Wichtig sei dann: „Auf keinen Fall anfassen und am besten einen Seehundjäger informieren“, rät Baumgärtner. 300 Meter Abstand sollten eingehalten und Hunde unbedingt angeleint werden. Je nach Fundort wartet man ab, ob der Kontakt zur Mutter nach ein bis zwei Tiden ganz natürlich wiederkommt. Gerade ahnungslose Touristen verhalten sich aber oft falsch. „Wir haben auch mal Leute mit einem Heuler im Arm hier stehen. Die wollen Gutes tun, schaden dem Tier aber.“

Häufig werden die Jungen noch mit Nabelschnur in die Station gebracht. Ein Tierarzt untersucht das Tier, es erhält eine Flossenmarke und einen Chip unter der Haut, damit keine Verwechslung auftritt und seine Herkunft auch bei späteren Sichtungen nachvollzogen werden kann. Wie in einer Arztpraxis hat jeder Patient hier eine eigene Akte, in der Gewicht, Gesundheitszustand, Medikamente und Futterdosis vermerkt werden. Die Überlebenschancen der Heuler sind hoch. „90 Prozent kriegen wir durch“, sagt Baumgärtner. Im natürlichen Lebensraum liege die Sterblichkeit hingegen bei 30 Prozent. „Im Spätsommer und Herbst kommen nochmal viele geschwächte Tiere zu uns, die ausgehungert sind.“ Denn die Mütter säugen ihre Jungen nur sechs Wochen lang, dann müssen die Kleinen das Fischfangen lernen. Nicht bei allen reiche der angefutterte Babyspeck zur Überbrückung der Hungerzeit.

An einer Garberobe hängen Dutzende Wathosen, alle mit Gummiflicken übersät. Gegen scharfe Seehundzähne hat das Gummi keine Chance. Kein Mitarbeiter, der nicht mindestens einen Bluterguss am Bein hat. Oder wie Eva Baumgärtner viele zerfetzte Stellen in der Jeans. „Wenn die Heuler eine Woche alt, klein und niedlich sind, kann man sich das vielleicht nicht vorstellen, aber sobald sie etwas kräftiger sind, geht das Beißen los“, verrät die Biologin. „Die meinen das überhaupt nicht böse, sondern haben einfach Schmacht.“ Bissfeste Handschuhe sind ein Muss beim Umgang mit den Kulleraugen. Und schaffen die Zähne es trotzdem hindurch, ist schnelle Wunddesinfektion das A und O. Ansonsten können Bakterien aus dem Mundraum der Tiere den Weg in den Körper finden. So plagt die Stationsleiterin seit Jahren ein steifer Daumen, das Resultat eines Seehundbisses.

Jede Wathose ist mehrfach geflickt, Seehunde erproben daran gern ihre Zähne.
Jede Wathose ist mehrfach geflickt, Seehunde erproben daran gern ihre Zähne. Foto: Michael Ruff
 

Friedrichskoog ist die einzige Seehundstation in Schleswig-Holstein. Sie finanziert sich über Eintrittsgelder und Spenden. Während der Hauptsaison kümmern sich rund 30 Mitarbeiter im Schichtdienst um das Wohl der Heuler, elf Betten gibt es für Praktikanten direkt im Gebäude der Station. „Manche kommen mit der Vorstellung, mit den süßen Seehunden zu kuscheln. Den Zahn ziehen wir ihnen schnell“, sagt Eva Baumgärtner.

Um 12 Uhr dröhnt lautes Poltern aus der Futterküche gegenüber der Aufzuchtbecken. Janine Böhm stapelt große Metallkisten auf einer Arbeitsfläche und schrubbt dann mit einer Zahnbürste darin herum – „das beste Werkzeug gegen hartnäckige Fischschuppen“. Dann stellt sie sich an den Fleischwolf und füttert die laute Maschine mit einem Fisch nach dem anderen. Denn in einer halben Stunde steht die nächste Fütterung an, für die ganz jungen Heuler muss der Heringsbrei bereitet werden. Ihr Kollege Joshua mixt die graue Masse mit einem Pürierstab nochmal feiner, damit sie beim Füttern besser durch den Schlauch fließt. „Mit der Zeit wird der Knochenanteil langsam gesteigert, bis die Heuler sich dann ganze Fische selbst aus dem Wasser schnappen“, erklärt die Auszubildende. Doch das klappt nicht immer. Wie bei uns Menschen auch gibt es die schnellen und die langsamen Lerner. Letztere landen – so gemein es klingt – im „Trottelbecken“. Jene Heuler, die sich beim Futtern etwas tüdelig anstellen, bekommen dort den Hering direkt in den Mund geschoben.

Der Fischgeruch in der Luft ist streng. Aber wer sich davor ekelt, ist hier falsch. Das Hantieren mit rohem Fisch gehört zum Job mit den Seehunden einfach dazu. „Wenn die Leute abends an der Supermarktkasse die Nase rümpfen, merkt man, wie sehr man auch selbst nach Fisch stinkt“, schmunzelt die Tierpflegerin. „Aber man gewöhnt sich an alles.“

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erstellt am 03.Jul.2016 | 18:16 Uhr

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