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Schleswig-Holstein am Sonntag

03. Dezember 2016 | 18:50 Uhr

Burka-Debatte : Selbstversuch: Im Nikab durch Flensburg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Derzeit wird viel über ein Burka- und Nikab-Verbot in Deutschland diskutiert. Doch wie ist es eigentlich, vollverschleiert durch die Stadt zu gehen?

Flensburg | „Ekelhaft“, sagt eine Passantin kopfschüttelnd. „Eine Sklavin“, mutmaßen zwei Männer im Café. „Die wird unterdrückt.“ Die Kommentare gelten wohl mir – oder vielmehr dem schwarzen Stoff, den ich mit mir herumschleppe. Einen Nikab – in Deutschland meist fälschlicherweise als Burka bezeichnet. Das Outfit besteht aus einem schwarzen, langen Gewand, dem Khimar. Es wird mit einer Schleife um die Hüfte gebunden, die weiten Ärmel enden in Gummizügen. Auf dem Kopf trage ich den Gesichtsschleier, Stofflagen, die einen Augenschlitz lassen. Dazu schwarze, dünne Handschuhe mit gestickten schwarzen Blumen darauf.

Ich möchte der Frage näher kommen, warum Stoff vorm Gesicht, getragen von ein paar Frauen, solch einen sozialen Zündstoff birgt. Laut einer aktuellen Umfrage sind 81 Prozent der Deutschen dafür, die Gesichtsverschleierung ganz oder zumindest teilweise zu verbieten. Auch die Innenminister diskutierten über ein „Burka-Verbot“, im FAZ-Feuilleton heißt es, die liberale Gesellschaft würde von „solchen schwarzen Löchern von innen zerfressen“.

Hafsa Sell, die Muslima, die mir den Nikab geliehen hat, erzählt, dass sie regelmäßig von völlig Unbekannten angefeindet wird. „Scheiß Islam“, heißt es dann zum Beispiel. Sie empfiehlt mir, zum Schutz noch jemanden mitzunehmen. Selbst will sie nicht mit in die Flensburger Innenstadt.

Gewalttätige Angriffe befürchte ich nicht. Das passt nicht zu meinem Flensburg. Oder? Immerhin ist mir ein wenig mulmig, da ich als einzige im Nikab herumlaufen werde. Zu zweit wäre es mir lieber gewesen. Doch der befürchtete Spießrutenlauf bleibt aus. Flensburg zeigt sich norddeutsch-distanziert gegenüber dem anonymen Stoff-Wesen.

Die wenigen Kommentare fallen nur hinter meinem Rücken – eine Kollegin, die ein paar Meter hinter mir geht, schnappt sie für mich auf. Stattdessen ernte ich Blicke. Irritierte, erstaunte. Einer Frau entfährt ein eulenhaftes „Huch?“. Ein paar Blicke suchen meine Augen – und huschen schnell wieder weg.

Im Gesichtsfeld stört der Nikab in erster Linie, wenn man nach unten blickt. Das Atmen wird etwas erschwert, was sich bemerkbar macht, wenn man bergauf geht. Außerdem ist der schwere, schwarze Stoff an diesem Hochsommertag bei 30 Grad nicht besonders angenehm zu tragen. Vor allem an der Stirn wird es drückend. Auch stelle ich mich beim Eisessen ungeschickt an (was aber nicht nur an der Kleidung liegt).

Man muss für jeden Bissen kurz den Stoff vom Mund lüpfen. Ich schmiere ein wenig Waldfrucht-Vanille ins Schwarz. Mehr stört es mich aber, nicht einfach die Handschuhe ausziehen zu können. Eine Freundin habe sich für das Smartphone ein kleines Loch am Zeigefinger des Handschuhs gemacht, berichtet mir Hafsa Sell.

Am Strand von Solitüde: Zwischen Bikinis und Badehosen.

Am Strand von Solitüde: Zwischen Bikinis und Badehosen.

Foto: Lippmann
 

Wen auch immer ich anspreche, der antwortet mir nach kurzem Verblüffen freundlich. Ob nun der Erdbeerverkäufer auf dem Wochenmarkt oder Passanten, die ich nach dem Weg zum Nordertor frage. Nur zwei Frauen gehen ebenso hastig wie wortlos davon. Auch am Strand, zwischen all den Leuten in Bikini und Badehose, bleibt es bei Blicken. Ein älteres Pärchen, das mit Dosenbier auf einem Dünenknubbel sitzt, grinst.

Ist dieses Ringen um die Verschleierung also eine Geisterdebatte? Eine diffuse Skepsis, die sich zur Angst verschärft, wenn Innenminister zu oft „Innere Sicherheit“ und „Burkaverbot“ in einem Atemzug nennen? Immer wieder wiederholt von diversen Medien. Auch hier.

Und: Geht es wirklich um das fehlende Gesicht – oder nicht vielmehr um das, was man dahinter vermutet? Der Schleier als sichtbares Symbol für einen allzu streng ausgelegten Islam. Als Rückschritt in der Gleichberechtigung. Dieses Infragestellen unserer hehren Werte der Freiheit. Aber: Ist es Freiheit, wenn wir Kleidungsstücke verbieten? Mit Motorradhelm oder im Taucheranzug habe ich mir solche Gedanken jedenfalls nie gemacht.

Die praktischen Hürden des Schleiers kommen mir geringer vor als die sozialen. Dabei bekomme ich die beruflichen Nachteile und das Dilemma, sich zwischen den kulturellen Welten entscheiden zu müssen, nicht einmal mit. Es ist nur eine Verkleidung für mich, ein Versuch.

Und doch sind das alles nicht die Gründe, warum ich den Nikab irgendwann unbedingt wieder loswerden will. Es wird zu stickig, sicher. Doch in erster Linie will ich ihn ausziehen, weil er mir nicht entspricht, weil mein Äußeres das Gegenteil von dem aussagt, das ich bin. Die Atheistin, die keine religiösen Symbole trägt. Die Frau, die diese Verhüllung nie mögen wird. Die Schüchterne, die nicht gern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Und jemand, der möchte, dass jeder selbst über sein Äußeres bestimmt – egal ob er damit andere Werte zum Ausdruck bringt, als ich sie habe. Doch diese kognitive Dissonanz zwischen der einen und der anderen Freiheit nagt ein wenig. Und sie verschwindet auch nicht, wenn man den Schleier wieder abnimmt.

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erstellt am 29.Aug.2016 | 09:51 Uhr

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