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Schleswig-Holstein am Sonntag

03. Dezember 2016 | 12:48 Uhr

Europameisterschaft in Frankreich : Schwarz-Rot-Schwierig: Deutsche Flaggen, die AfD und die Fußball-EM

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

10 Jahre nach dem Sommermärchen könnte der Sommer wieder Schwarz-Rot-Gold werden. Oder verdirbt uns die AfD den EM-Spaß?

Vor zehn Jahren, im Juni 2006, erlebte Deutschland sein WM-Sommermärchen und lernte einen weniger verkrampften Umgang mit seiner Nationalflagge. Überall wehte plötzlich Schwarz-Rot-Gold. Doch seit die Anhänger von Pegida und die AfD die Deutschlandfahne für ihre Zwecke flattern lassen, ist der Umgang mit der bundesdeutschen Trikolore wieder schwieriger geworden, analysiert Walter Schmidt.

Vor 36 Jahren, im Juli 1980, verblüffte mich ein kleiner Junge in Irland. Selbst erst 15 Jahre alt, stand ich im Zentrum Dublins, der Hauptstadt der irischen Republik, vor einer Bäckerei und wartete auf die anderen Jungs aus unserer Pfadfindergruppe, die sich im Laden noch mit Kuchen versorgten. Plötzlich stand der Acht- oder Neunjährige keinen Schritt weit vor mir und starrte auf meinen Brustkorb. Er sah geradezu versonnen auf mein blaues Pfadfinderhemd, auf dem in Höhe meiner linken Brust ein Aufnäher angebracht war – eine winzige Deutschlandflagge in den Farben Schwarz-Rot-Gold. Ich kam gar nicht mehr dazu, den Kleinen zu fragen, warum er so merkwürdig glotzte. Stattdessen fragte er mich auf Englisch: „Bist du aus Deutschland?“ Und als ich das bejahte, lächelte er mich noch einen Moment lang an, als sei ich ein Held seiner Kinderträume, und lief dann weg.

Ich weiß noch genau, welche gemischten Gefühle dieses Erlebnis in mir auslöste. Im Wesentlichen erschien mir die Sache als unverdientes Lob – nicht ich war schließlich bestaunt worden, sondern die Flagge meines Heimatlandes. Hatte der deutsche Endspiel-Sieg bei der Fußball-EM am 22. Juni 1980 dazu beigetragen, den Knirps beim Anblick der Bundesflagge andächtig zu stimmen? Ich wusste nur, dass die Deutschen bei den Iren schon lange vergleichsweise beliebt sind.

Schon als Jugendlicher war mir zudem aufgefallen, dass es für Italiener oder Spanier und später auch für Türken völlig normal war, nach einem Sieg ihrer jeweiligen Nationalmannschaft mit dröhnenden Autohupen durch die Straßen zu brausen und dabei ihre Landesfahnen zu schwenken oder sie aus dem geöffneten Wagenfenster in den Fahrtwind zu halten. Italiener hissten ihre Flagge auch viel eher in ihren Schrebergärten als Deutsche, und kein Mensch hätte sie deshalb für Nationalisten gehalten. Als Deutscher aber, der über seinen Radieschen oder Lauchzwiebeln die Deutschlandfahne wehen ließ, setzte man sich leicht dem Verdacht aus, ein Ewiggestriger zu sein, bestenfalls ein rückwärtsgewandter Patriot.

Schwarz-Rot-Gold – Fahne des Hambacher Festes und der Weimarer Republik

Das war schon deshalb merkwürdig, weil die schwarz-rot-goldene Flagge beim Hambacher Fest 1832 die Fahne aufmüpfiger, wenngleich national gesonnener Kräfte um die Publizisten Siebenpfeiffer und Wirth war, die das zersplitterte Deutschland einen und der Provinzfürsten-Willkür ein Ende bereiten wollten. Später, im revolutionären Jahr 1848, wurde Schwarz-Rot-Gold dann von der Frankfurter Nationalversammlung als deutsche Flagge proklamiert. Diese Trikolore war später, nach der Kaiserzeit, dann auch die Fahne der Weimarer Republik. Ausrangiert wurde sie nach Hitlers Machtergreifung durch die Nazis.

Das Hambacher Fest
Das Hambacher Fest. Foto: Picture Alliance

Man kann also zu dieser Fahne als Republikaner durchaus stehen, wenn man nicht gänzlich gegen nationale Symbole ist oder die Europa-Flagge bevorzugt. Doch nach dem generellen Missbrauch von allem Nationalen durch Hitlers Nazi-Bande – und beklatscht von Millionen Mitläufern – war es nur allzu verständlich, dass viele Bundesbürger – zumal die jüngeren – sich nach 1949 mit dem Schwenken und Hissen selbst von Schwarz-Rot-Gold sehr schwertaten. Bis heute kann einen Skepsis befallen, wenn man das Brimborium und Getue betrachtet, das selbst manche mit Deutschland befreundete Staaten rund um ihre nationalen Symbole rituell aufführen – so etwa die Franzosen an ihrem ehrenwerten Nationalfeiertag am 14. Juli, die Briten bei Auftritten ihrer unverwüstlichen Queen oder die US-Amerikaner bei jeder möglichen Gelegenheit. Viele Vorgärten in den USA ziert (oder verunziert, je nachdem) eine US-Flagge. Und so mancher, der beim weihevollen Hissen oder Einholen des blau-weiß-roten Sternenbanners anwesend war, dürfte sich angesichts des triefenden Patriotismus unwohl gefühlt haben.

Obskure Fahnentreue

Als ich im Sommer 1990 während eines einjährigen Studienaufenthaltes in Nordamerika drei Monate im Custer State Park im US-Bundesstaat South Dakota verbrachte und im Park für den Besucherdienst tätig war, gehörte an manchen Tagen morgens das Aufziehen der Sterne-und-Streifen-Fahne ebenso zu meinen Aufgaben wie das Einholen der Flagge abends oder bei einsetzendem Regen. Die Fahne soll nämlich niemals wie ein nasser Sack im Regen hängen. Das US-Flaggengesetz gibt ohnehin vor, sie bei Regen und Sturm möglichst nicht wehen zu lassen, es sei denn, es handele sich um eine robuste Allwetterfahne. Nachts soll das Banner nur draußen hängen, wenn es angemessen beleuchtet wird – darin könne dann „ein patriotischer oder motivierender Effekt“ liegen.

Nur zu gut kann ich mich noch an einen Fehler und Verstoß gegen das Flaggengesetz erinnern, den ich eines Tages beim Einholen der US-Fahne machte, als es vor dem Besucherzentrum des Parks zu regnen begonnen hatte: Ich legte die Fahne nämlich kurz auf dem Rasen ab, und der war obendrein nass. Das hatte jemand beobachtet, sprang mir buchstäblich bei, hob die heilige Fahne auf und wies mich freundlich, aber bestimmt zurecht. Mir war die Sache einerseits wegen meines Fehlers peinlich, doch zu meinem Gefühlsmix gehörte auch eine Portion Fremdscham für diese obskure Fahnentreue.

Kurze, lässige Fahnenseeligkeit

Dann aber, 2006, wurde das deutsche Sommermärchen unter einem oft wolkenlosen Fußballhimmel aufgeführt. Mehr und mehr fanden die deutschen Fans zu einem überraschend unkomplizierten Umgang mit ihrer Flagge. Plötzlich flatterten überall Wimpel an Autos, wehten Fahnen in Vorgärten oder hingen von Balkonen herab. Die Fans trugen schwarz-rot-goldene Hüte oder Umhänge und hatten sich bundesrepublikanische Trikoloren auf die Wangen geschminkt. Und das Beste war: Die ausländischen Fans und die Medien in deren Heimatländern fanden das gut. Und überfällig!

Sommermärchen 2006: Die Flensburger jubelten während der Life-Übertragungen an der Hafenspitze.
Sommermärchen 2006: Die Flensburger jubelten während der Life-Übertragungen an der Hafenspitze. Foto: sh:z
 

Ich selbst ertappte mich dabei, ein am Rheinufer angespültes Deutschland-Fähnchen aus dem Sand zu retten und irgendwo bei mir auf der Terrasse anzubringen – immer noch unsicher, ob das wohl statthaft oder dämlich oder einfach normal sein könnte. Oft musste ich an den irischen Jungen denken.

Doch die lässige Fahnenseligkeit war nicht von Dauer, auch wenn sie bei Länderspielen und weiteren großen Turnieren wieder aufflammte. Es gab einen Bruch – und was mich selbst angeht: einen nachhaltigen.

Im Oktober 2014 begannen in Dresden selbsternannte „Patriotische Europäer“ gegen die Einwanderung von Ausländern und die „Islamisierung des Abendlandes“ zu demonstrieren. In vielen Städten fanden sich seither Nachahmer der Pegida. Die Ziele und Inhalte dieser schwer durchschaubaren, unterm Strich aber rechtslastigen und zum Teil wohl auch rechtsextremen Menschenzüge durch unsere Städte sollen hier nicht weiter interessieren: Doch alleine der Umstand, dass bei diesen tendenziell ausländerkritischen oder gar -feindlichen Demonstrationen meist ein stattlicher Haufen Deutschlandfahnen mitgeführt wird, hat mein zwischenzeitlich gelockertes Verhältnis zur Bundesflagge wieder sehr viel krampfiger werden lassen.

Pegida-Demonstranten haben in Dresden eine Deutschlandfahne ausgebreitet. /Archiv
Pegida-Demonstranten haben in Dresden eine Deutschlandfahne ausgebreitet. /Archiv Foto: Ralf Hirschberger
 

Die Erfolge der Alternative für Deutschland (AfD) haben diesen Wandel in mir verschlimmert. So richtig heikel wurde es, als Björn Höcke, Fraktionschef der AfD im thüringischen Landtag, im vergangenen Oktober in einer von Günther Jauch moderierten TV-Diskussionsrunde eine kleine Deutschlandfahne zückte und sie über die Lehne seines Sessels breitete – verbunden mit dem Ansinnen, „1000 Jahre Deutschland“ bewahren zu wollen. Auch Hitler hatte vom tausendjährigen Reich gefaselt.

Kritischer denn je

Und nun? Wo immer ich heute in einem Schrebergarten eine deutsche Fahne wehen sehe, denke ich nicht mehr ans Hambacher Fest oder das fußballrunde Sommermärchen vor zehn Jahren. Ich denke an Pegida oder an die AfD und an die mal verschwiemelt, mal unverhohlen ausländerfeindlichen Parolen der Mitläufer bei Aufmärschen und Kundgebungen. Und ich sehe manchmal auch die alten Nazis vor mir, obwohl sie die Deutschlandfahne der Weimarer Republik verbannten und dafür die Hakenkreuz-Flagge des Verderbens hissten.

Vor allem aber wüsste ich nicht, ob ich mir heute als 15-Jähriger auch nur ein winziges Deutschland-Fähnchen auf die Hemdbrust nähen lassen würde. Und das ist schade, denn wir sollten unsere Fahne nicht den Dumpfbacken und Hasspredigern im Lande überlassen.

Sie hat das nicht verdient! Und schon gar nicht gebührt es ihr, auf Forderung ausgerechnet der irrlichternden AfD, Landesverband Rheinland-Pfalz, jeden Morgen an allen staatlichen Schulen aufgezogen und abends wieder eingeholt zu werden – angeblich zur „Bekräftigung der gemeinsamen Identität“ in einem Integrationsland. Nichts wirklich Gravierendes spricht gegen diese Idee. Doch das ändert sich, wenn sie der Falsche äußert.

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erstellt am 08.Mai.2016 | 17:14 Uhr

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