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Schleswig-Holstein am Sonntag

26. April 2017 | 00:28 Uhr

Auswandererkultur : Plattdeutsch in New York

vom

Frederik Hansen ist waschechter New Yorker. Gleichwohl spricht er fließend Deutsch - und Plattdeutsch. Das ist nicht selten in New York.

New York | Wenn Frederik Hansen lacht, berühren die Enden seines gezwirbelten Schnurrbarts beinahe die Wangenknochen. Fröhlich beobachtet er durch die Scheibe des kleinen Cafés das Treiben auf der Straße: 9. Avenue, Manhattan, USA. "Das ist meine Heimat", sagt er in perfektem Deutsch. "Hier bin ich geboren." Er bestellt eine Mais-Suppe - weil er Eintöpfe und Suppen liebe, sagt Hansen. "Das sind wohl meine norddeutschen Gene."
Frederik Hansen kam am Nikolaustag 1942 in New York City zur Welt. Als Sohn deutscher Auswanderer wuchs er im Stadtteil Queens auf, inmitten einer großen deutschen "Community". "Wir hatten einen deutschen Bäcker, einen Metzger, eine eigene Kirchengemeinde", erzählt Fred. So wird er in New York genannt, das sei einfacher für alle, sagt er.

Deutsche Glückssuche in der "neuen Welt"
1925 wanderte seine Mutter aus der Nähe von Cuxhaven in die USA aus, fünf Jahre später trat sein Vater den gleichen Weg an. "Durch die Inflation und Wirtschaftsdepression gab es in Deutschland kaum Arbeit. Viele haben ihr Glück deshalb in der ,neuen Welt’ gesucht", sagt Hansen. Seine Eltern fanden es in New York: 1940, kurz nachdem sie 1939 ein letztes Mal in Deutschland gewesen waren, heirateten sie. Wenige Jahre später machten sie sich mit einem Delikatessen-Geschäft in Queens selbstständig.
Schon vor dem Übergang ins 20. Jahrhundert siedelten viele Deutsche in die USA über. Dort angekommen bildeten sie regelrechte Kolonien deutscher Gemeinden - die Communities. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Krankenunterstützungsvereine, die nach dem jeweiligen Herkunftsort der Auswanderergruppen benannt wurden. So gab es im New Yorker Raum zum Beispiel den "Föhrer und Amrumer Krankenunterstützungsverein" oder den "Pinneberger Krankenunterstützungsverein". "Damals waren die Vereine eine Art privat organisierter Krankenversicherung. So etwas kannte man in den USA nicht", erklärt Fred Hansen. Wurde ein deutsches Mitglied krank, sprangen die Krankenunterstützer mit einem Dollar am Tag ein.

Plattduetscher Volksfest Vereen
Viele der Vereine existieren noch heute - allerdings nicht mehr nur in ihrer ursprünglichen Funktion. Hansen: "Es geht mittlerweile mehr um das Gesellschaftliche: Man trifft sich, feiert zusammen, pflegt das gemeinsame deutsche Kulturerbe." Auch den damaligen Dachverband der norddeutschen Auswanderer in New York, den "Plattduetsche Volksfest Vereen New York & New Jersey", gibt es noch. Er war 1875 entstanden, nachdem im Jahr zuvor 125 .000 plattdeutsche Emigranten ein sechstätiges, deutsches Festival veranstaltet hatten.
In 13 Mitgliedsvereinen kommen Deutschstämmige - und mittlerweile auch Amerikaner - zu Festen, Bällen, Kultur- oder Sportveranstaltungen zusammen. 1899 gründete der "Plattduetsche Vereen" das Fritz-Reuter Altenheim in New Jersey. In den ersten Jahrzehnten wurde es nur von Deutschen bewohnt, heute verbringen dort Menschen vieler Nationen ihren Lebensabend.
Frederik Hansen ist Ehrenvorsitzender des Vereins - obwohl er in den USA geboren wurde und keinen deutschen Pass besitzt."Ich bin auch gefühlter Deutscher", sagt er. Und wechselt problemlos zwischen englischer, hoch- und plattdeutscher Sprache. Als Mitglied der Speeldeel in Brooklyn war er neulich zu Besuch bei Theaterfreunden in Norddeutschland. Ein Darsteller fiel bei den Proben kurzfristig aus - Hansen ersetzte ihn spontan: "Ich kann sofort auf Platt umstellen. Auch hier in Manhattan", sagt er und bestellt schmunzelnd noch mehr Kaffee - auf Plattdeutsch. Die Bedienung versteht ihn, Hansen erstaunt das nicht.
"Eigentlich ähneln die Amerikaner und die Deutschen sich mehr, als man denkt", sagt er. Nie habe er Probleme mit dem Leben zwischen beiden Kulturen gehabt. Und dass die Norddeutschen etwas kühl im menschlichen Umgang seien, halte er für ein Gerücht. "Das gilt nur fürs Wetter."

Zum Schützenfest nach Deutschland
Deshalb tritt der pensionierte Lehrer lieber im Sommer die Reise zu seinen Wurzeln an - Jahr für Jahr. "Ich habe eine sehr emotionale Beziehung zu Deutschland", sagt er. 1968 war er zum ersten Mal "drüben", seitdem pflegt er einen regen Kontakt zu Freunden und Verwandten in ganz Norddeutschland. Als Ehrenhauptmann des New Yorker Schützencorps versucht er, an so vielen Schützenfesten in Deutschland teilzunehmen, wie möglich. "Danach richtet sich mein Urlaubsplan."
Gisela Lewis, eine deutschstämmige Freundin von Hansen, organisiert jährlich mehrere Deutschlandreisen für Auswanderer und ihre Nachfahren. Außerdem ist sie verantwortlich für deutsche Veranstaltungen in den USA, wie die "Christmas Show", bei der deutsche Weihnachtslieder gesungen und Stollen gegessen werden.
Vor kurzem bat sie Fred Hansen um Hilfe: Ihr fehlte ein Shantychor. Hansen erinnerte sich, dass Pauline Höfer, eine New Yorker Bekannte und Tochter schleswig-holsteinischer Auswanderer, vor nicht langer Zeit zurück nach Amrum gezogen war. Er nahm Kontakt mit ihr auf - und sie vermittelte einen nordfriesischen Männergesangsverein nach New York.
"Pauline wurde in New York geboren, nachdem ihre Eltern von Föhr und Amrum ausgewandert waren. Sie wuchs wie ich zunächst in Queens auf, ist aber als junges Mädchen wieder nach Amrum gezogen. Bis es sie nach der Ausbildung zur Bankkauffrau auf der Insel für viele Jahre an die Wall Street zog", erzählt Fred Hansen. Jetzt vermietet sie auf Amrum Ferienwohnungen im Haus ihrer Eltern. Er selbst wolle nicht mehr nach Deutschland ziehen, sagt Hansen. Der Zug sei abgefahren. "Ich habe hier in New York ja alles, was ich brauche."

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erstellt am 13.Dez.2011 | 08:20 Uhr

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