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Schleswig-Holstein am Sonntag

24. August 2016 | 23:26 Uhr

Gehänselt, geschlagen, gedemütigt : Mobbing in Schulen: Immer auf den einen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mobbing ist in Schulen weit verbreitet, doch es wird oft nicht als solches erkannt. Mit schwerwiegenden Folgen für die Opfer.


Louis ist ein fröhlicher und beliebter Siebtklässler.

Doch sein Leben ändert sich, als seine Familie umzieht und er in eine neue Klasse kommt. Eine Jungenclique um seinen neuen Mitschüler Jonas fängt an, ihn wegen seiner schmalen Figur zu verspotten. „Da kommt der Laternenmast“ oder „Iiiiih, das lebende Skelett“, bekommt Louis immer wieder zu hören. Doch dabei bleibt es nicht. Die Jungen nehmen ihm Schulsachen weg und verstecken sie, lassen ihn nicht mit Fußball spielen, machen ihn in sozialen Netzwerken lächerlich. Freunde wenden sich von ihm ab. Zu Hause wird Louis immer mürrischer. Dann kommen Schlafstörungen und Bauchschmerzen dazu. Louis’ Eltern sind ratlos. Erst nach zwei Jahren kommen sie zufällig dahinter, was ihren Sohn belastet: Er ist zum Mobbingopfer geworden.

Dieses Schicksal teilt Louis mit vielen anderen Kindern und Jugendlichen. Man geht in Deutschland von mindestens einer halben Million Opfern an weiterführenden Schulen aus, die über längere Zeit hinweg unter dem Mobbing von Mitschülern zu leiden haben. Aber obwohl das Problem Mobbing in nahezu jeder deutschen Schulklasse vorkommt, kursiert dennoch unter Eltern und Lehrern viel Falschwissen. Und diese Unkenntnis verhindert oft ein wirksames Eingreifen der Erwachsenen.


Vorurteil 1

„Mobbing in Schulen geht mit Gewalt, Diebstahl oder anderen kriminellen Taten einher.“ Stimmt nicht. Mobbing kann sich auch an ganz kleinen, subtilen Aggressionen zeigen: Ein Lachen oder eine ironische Bemerkung, jedes Mal wenn das Opfer sich in der Klasse zu Wort meldet. Die Jacke des Opfers, die immer wieder vom Haken genommen und woanders hingehängt wird. Ein wie zufällig wirkender Schubser auf der Treppe.

Nicht jede Mobbing-Attacke sieht für sich genommen schlimm aus, weshalb sie von Erwachsenen auch oft gar nicht als Mobbing wahrgenommen wird. Aber Mobbing-Angriffe wiederholen sich über einen langen Zeitraum hinweg, gehen von mehreren Kindern aus und richten sich immer gegen ein- und dasselbe Opfer. Für das Kind, das zur Zielscheibe wird, ist es eine schlimme Erfahrung, denn sein Selbstbewusstsein und soziales Ansehen werden gezielt beschädigt.


Vorurteil 2

„Jeder Mobbing-Fall ist anders.“ Stimmt teilweise. Natürlich ist jeder Fall individuell, aber es gibt auch erstaunlich viele Parallelen zwischen unterschiedlichen Fällen von Schul-Mobbing. Denn Mobbing ist ein Gruppenprozess, der bestimmten Mustern folgt. Es gibt immer einen Haupt-Täter oder eine Haupt-Täterin, der oder die nach Macht und Dominanz in der Klasse strebt und dabei aggressiv vorgeht. Dieses Täterkind sucht sich ein Opfer, das zu diesem Zeitpunkt nicht allzu viele Unterstützer in der Klasse hat. – Deshalb wurde Louis Opfer: Er war neu in der Klasse und hatte noch keine Freunde. – Der Täter startet wiederholte Aggressionen und versucht dabei, Klassenkameraden zum Mitmachen oder zumindest zum Dulden dieser Attacken zu animieren. Wenn das funktioniert, bekommt der Aggressor in diesem Prozess immer mehr Macht über die Klasse, da jeder Angst hat, er könnte selbst zum Opfer werden.

In jedem Mobbingfall in der Klasse sind die anderen Kinder gezwungen, sich zu positionieren. Entwicklungspsychologen wie Mechthild Schäfer von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität haben festgestellt, dass es fünf Rollen gibt, in die Kinder dann schlüpfen:

Die aggressive Gruppe besteht aus „Tätern“, „Assistenten“ und „Verstärkern“. Die Täter initiieren aktiv Mobbingsituationen, die Assistenten beteiligen sich an den Aggressionen, aber nicht in führender Rolle, und die Verstärker feuern an und verstärken dadurch die Aggression.

Und dann gibt es die nicht-aggressiven Kinder. Man unterscheidet hier die „Verteidiger“ und die „Außenstehenden“. Die Verteidiger beschützen ein Opfer, zum Beispiel indem sie Hilfe holen. Die Außenstehenden halten sich heraus und unternehmen nichts, womit sie allerdings den Prozess indirekt auch verstärken.

Wie sich ein Kind im Mobbing-Prozess verhält, hängt stark von seiner Stellung in der Klasse ab. Schüler, die ein Opfer verteidigen, sind meistens Kinder, die eher beliebt und anerkannt sind. Nur sie können es sich leisten, sich für ein Opfer einzusetzen. Ein Kind mit einem mittleren oder niedrigen Status riskiert dagegen, selbst zur Zielscheibe zu werden, wenn es sich auf die Seite eines Mobbingopfers stellt. Deshalb halten sich solche Kinder fast immer entweder heraus oder stellen sich auf die Täterseite. „Sie versuchen, vom Glorienschein des Täters etwas abzubekommen“, sagt Mobbingforscherin Mechthild Schäfer.


Vorurteil 3

„Schüler-Mobbing findet nicht im Beisein von Lehrern statt.“ Stimmt nicht. Mechthild Schäfer: „ Es ist nicht richtig, dass man Mobbing im Klassenraum nicht sehen kann. Man hat festgestellt, dass 50 Prozent der Mobbing-Attacken vor den Augen des Lehrers stattfinden.“ Besonders wenn ein Mobbingprozess schon länger läuft, nehmen Attacken auch vor Lehrern zu.

Nicht selten spannen Mobbingtäter sogar Lehrer für ihre Ziele ein. Auch Mobbingopfer Louis hat das erlebt: Die Mobber-Clique provozierte ihn einige Male so lange, bis er irgendwann nur noch um sich schlug und dabei einen der Aggressoren traf. Die Täter wandten sich sofort an die Lehrerin, woraufhin Louis bestraft wurde. Ohne es zu merken wurde also seine Lehrerin zur Mobbing-Helferin.

„Lehrer, die nicht gewohnt sind, die Kennzeichen von Mobbing richtig zu deuten, sagen in Mobbing-Fällen oft: Macht das unter Euch aus. Ein Mobbing-Täter freut sich über eine solche Aussage, denn er kann erst einmal weiter machen“, sagt Mobbing-Expertin Mechthild Schäfer.


Vorurteil 4

„Mobbing-Täter kommen aus einem sozial schwachen odergewalttätigen Milieu.“ Stimmt nicht. Mobbing-Täter kommen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten. Mobbingforscher haben aber herausgefunden, dass es bestimmte Elternhäuser sind, aus denen die Täterkinder stammen. Mechthild Schäfer: „Wenn man im Rahmen der frühen Sozialisation, was nichts anderes heißt als zu Hause, erlebt, dass aggressive Strategien akzeptiert und angewendet werden, dann wird man das in der Schule auch versuchen.“


Vorurteil 5

„Opferkinder sind anders als andere Kinder.“ Stimmt nicht. „Zielscheibe von Mobbing“, sagt Mobbing-Expertin Mechthild Schäfer, „kann grundsätzlich jeder Schüler werden. Der Extrovertierte wie der Introvertierte, der Leistungsschwache wie der Klassenprimus, der Auffällige wie der Überangepasste.“ Gemeinsam ist den Kindern, die in die Opferrolle gedrängt werden, nur der in einem bestimmten Moment eher niedrige Status in der Klassenhierarchie. Denn sie erlaubt es dem Täter, bei seinen Attacken mit wenig Gegenwehr anderer Mitschüler rechnen zu müssen. Ein- und derselbe Schüler kann in der einen Klasse zum Mobbingopfer werden, in einer anderen Klasse dagegen eine völlig unauffällige Entwicklung nehmen.


Vorurteil 6

„Einmal Opfer, immer Opfer.“ Stimmt teilweise. Die Hälfte der in die Opferrolle gedrängten Kinder geraten in einer neuen Schule oder Klasse wieder in die Opferposition. Aber nicht deshalb, weil sie eine „Opferpersönlichkeit“ haben, sondern aus Resignation. Denn viele Mobbingopfer haben zuvor lange versucht, den Mobbingangriffen in der Klasse mit unterschiedlichen Strategien zu begegnen. Sie haben sich gewehrt, sind weggegangen, waren freundlich oder haben Hilfe geholt. Doch keine dieser Optionen führte die gewünschte Besserung herbei. Denn Mobbing-Täter münzen jede Reaktion des Opfers sowieso wieder gegen das Opfer.

Wer länger unter Mobbing zu leiden hat, hat oft später mit Langzeitfolgen zu kämpfen. Depressionen, Essstörungen, ein geringeres Selbstbewusstsein oder gestörte Kontaktfreudigkeit können zum Beispiel die Folge sein. Gerade in der Pubertät sind funktionierende Beziehungen zu Gleichaltrigen sehr wichtig für die soziale und emotionale Entwicklung. Deshalb ist schnelle Hilfe für Mobbingopfer entscheidend.


Vorurteil 7

„Gegen Schüler-Mobbing kann man als Erwachsener nichts tun.“ Stimmt nicht. Das zeigen viele Fälle, in denen Lehrer und Erzieher angemessen mit dem Problem umgehen und Mobbing unterbinden. Aber immer noch fühlen sich viele Pädagogen hilflos dem Problem gegenüber. Sie erkennen Mobbingverhalten nicht als solches und sind überzeugt, in ihrer Klasse käme es nicht vor. Im Mobbing-Fall ergreifen sie auch oft gut gemeinte, aber ungeeignete Mittel. Wie zum Beispiel in Louis’ Fall: Nachdem seine Mutter sich in der Schule beschwert hatte, organisierte die Klassenlehrerin ein Gespräch zwischen Louis und der Täterclique um Haupttäter Jonas. Die Täter wiesen alle Vorwürfe von sich und gaben Louis sogar die Schuld an vielen Situationen. Später rächten sich seine Peiniger an ihm für sein „Petzen“. Louis’ Ausgrenzung wurde durch die Intervention der Lehrerin also noch zementiert. Das ist typisch, denn Mobbingtäter geben ihre gewonnene Machtposition natürlich nicht einfach wieder auf. Deswegen vermeiden erfahrene Anti-Mobbing-Trainer grundsätzlich auch Gespräche in der Klasse über den konkreten Mobbing-Fall oder Gegenüberstellungen von Täter und Opfer.

Schüler-Mobbing folgt ganz anderen Regeln als ein Konflikt unter Schülern. Da er kein Streit, sondern eine aggressive Dominanzstrategie ist, kann er auch nicht wie ein Streit um eine bestimmte Sachfrage gelöst werden. Lehrer können aber, vor allem im Frühstadium, Mobbing wirksam bekämpfen, indem sie in der Klasse grundsätzlich soziales Verhalten einfordern und Ärgern, Hänseln oder Auslachen von vornherein ächten und sanktionieren. Auf diese Weise bleibt das „Erfolgserlebnis“ für Mobbingtäter aus.

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erstellt am 20.Feb.2016 | 18:44 Uhr

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