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Schleswig-Holstein am Sonntag

09. Dezember 2016 | 16:39 Uhr

Hubschrauberabsturz in Bimöhlen : Kreiselnd in den Tod: Hatten die Piloten falsche Anweisungen?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hat die Crew des Bundespolzeihubschraubers falsch gehandelt, weil sie falsche Anweisungen für den Notfall erhalten hatte? Der Staatsanwalt ermittelt.

Bad Segeberg | Ihr Hubschrauber begann plötzlich, sich um die eigene Achse zu drehen: Nach dem Absturz des Bundespolizeihubschraubers bei Bimöhlen (Kreis Segeberg) gibt es jetzt den Verdacht, dass die Crew falsche Handlungsanweisungen für einen solchen Notfall erhalten haben könnte. Die Staatsanwaltschaft Kiel prüft entsprechende Anhaltspunkte, die sich aus dem Zwischenbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) ergeben. „Wir haben einen Sachverständigen beauftragt, der klären soll, ob ein Fremdverschulden vorliegt“, erklärte Oberstaatsanwalt Michael Bimler.

Der Eurocopter EC 135 war am 25. Februar von der Basis der Bundespolizei in Fuhlendorf bei Bad Bramstedt gestartet. Die Besatzung übte bei einem Nachtflug die „Freund/Feind-Erkennung“ mit der Wärmebildkamera, ein Verfahren, das bei der Jagd auf Einbrecherbanden genutzt werden soll. Die Crew prüfte, bis zu welcher Entfernung spezielle Blinklichter an der Kleidung von SEK-Beamten am Boden erkannt werden können. Der Copilot (32) flog den Hubschrauber. Der verantwortliche Pilot (33) fungierte als sogenannter „Pilot Non Flying“. Er kommunizierte mit dem Systemoperator (42) an der Kamera und der Bodenstation, die das Wärmebild ebenfalls sehen konnte.

Über Bimöhlen bewegte sich der Hubschrauber in 120 Metern Höhe in einem seitlichen Schwebeflug, als er plötzlich ungewollt begann, sich im Uhrzeigersinn um die eigene Achse zu drehen – innerhalb von zwölf Sekunden viereinhalb Mal. Dann schlug er mit hoher Geschwindigkeit auf einem Feld auf. Der verantwortliche Pilot und der Systemoperator starben.

Als die Drehung einsetzte, rief der Copilot: „Oh, ups“ und wollte die Bewegung mit dem Heckrotor ausgleichen. Dazu trat er ins linke Pedal – aber nicht sehr kräftig, wie die Aufzeichnungen des Flugschreibers belegen. Die Drehung ging weiter. Danach registrierte die Blackbox einen weit kräftigeren Tritt ins rechte Pedal. Der „Pilot Non Flying“ rief mehrfach: „Fahrt, Fahrt, Fahrt ...“

Aus den Daten des Flugschreibers hat die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig die Flugbewegungen des Eurocopters rekonstruiert und grafisch dargestellt. .
Aus den Daten des Flugschreibers hat die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig die Flugbewegungen des Eurocopters rekonstruiert und grafisch dargestellt. . Foto: Quelle: BFU
 

Der BFU-Bericht hebt hervor, dass der Eurocopter EC 135 keinen herkömmlichen Heckrotor hat, sondern ein sogenanntes Fenestron, das im Schwebeflug kräftigere Steuerbefehle braucht. Der Hersteller empfiehlt, das linke Pedal gegebenenfalls bis zum Anschlag zu treten, sollte es im Schwebeflug zu einer ungewollten Rechtsdrehung kommen.

Warum hat der Copilot das nicht getan? Knapp drei Wochen vor dem Unglück war es zu einem vergleichbaren Zwischenfall bei einer Bundespolizei-Fliegerstaffel gekommen, nach Informationen unserer Zeitung in Bayern. Dort befand sich ebenfalls ein Eurocopter im Schwebeflug. Er begann, sich um seine Hochachse zu drehen, als der Pilot Gas gab. Daraufhin wurde am 12. Februar ein Vermerk an alle Bundespolizeipiloten und alle Polizeihubschrauberstaffeln der Länder verteilt – mit einer Handlungsanweisung. Vom Treten des linken Pedals darin kein Wort. Vielmehr wurde geraten, die Motorleistung zu reduzieren, Fahrt aufzunehmen (ist durch Senken der Helicopternase möglich) und aus der Drehung zu fliegen. Dies alles sollte „zusammen mit einer Steuereingabe ins rechte Pedal“ erfolgen.

Ob der Copilot des Unglücksflug von Bimöhlen danach handeln wollte, als er das rechte Pedal trat, ist nicht geklärt. Er lag lange Zeit im Koma, konnte noch nicht vernommen werden. Fakt ist: Nach dem Unglück hat die Bundespolizei die Notfall-Anweisungen signifikant geändert: Am erster Stelle steht nun, das linke Pedal gegebenenfalls bis zum Anschlag zu treten und in dieser Position zu halten. Das Notverfahren „Herausfliegen aus der Drehung“ an zweiter. Der Tritt ins rechte Pedal ist gestrichen.

Wer war für diese offenbar fehlerhafte Anweisung verantwortlich? Die Bundespolizei gibt darauf keine Antwort. „Da es sich um ein laufendes Ermittlungsverfahren handelt“, erklärt Nadine Marschner, Sprecherin im Bundespolizeipräsidium Potsdam.

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erstellt am 08.Mai.2016 | 10:44 Uhr

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