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Sozialer Brennpunkt : Kiel-Gaarden: Ein Stadtteil schafft sich ab

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Früher war Kiel-Gaarden ein angesehener Arbeiter-Stadtteil, doch er entwickelt sich zum Problem. In Online-Portalen wird vor Gaarden als "No-Go-Area" gewarnt.

Kiel | Mord, Raub, Drogendealer mit Goldkettchen in aufgemotzten BMWs und Kinder in bitterer Armut - ein Quartier schmiert ab. Die Rede ist nicht vom Berliner Brennpunkt Neukölln, sondern vom Kieler Stadtteil Gaarden. 40 Prozent der 17.000 Bürger erhalten dort ihr Geld vom Amt. Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen leben von Sozialhilfe, mehr als die Hälfte der Menschen hat einen Migrationshintergrund.
Nirgends sonst liegen die sozialen Unterschiede so dicht beieinander wie in der Landeshauptstadt. Keine 300 Meter Luftlinie von den Luxus-Kreuzfahrern und den Einkaufstempeln der Innenstadt entfernt tut sich eine ander Welt auf: Döner-Buden, kaputte Hartz-IV-Familien, lallende Alkis, wankende Junkies, die ihr Drogenbesteck auf dem Kinderspielplatz deponieren, Häuserzüge mit hunderten von Satellitenschüsseln und jede Menge Hundehaufen und Sperrmüll. "Wer es sich leisten kann geht weg", sagt eine Gaardenerin. Zurück bleibt eine Generation auf verlorenem Posten,weil viele Arbeitgeber schon beim Lesen des Absenders auf dem Bewerbungsschreiben ihre Entscheidung getroffen haben. Chancenlosigkeit und Endstation!
Einst Studentenviertel: Schön zentral, multikulti
Längst ist es vorbei, dass Studenten in das einst angesehene Arbeiterviertel der Howaldt-Werft ziehen - schön zentral, multikulti, mit viel Grünflächen und mit einer noch bis Mitte der 90er Jahre intakten Infrastruktur. Hier und da zeugen Gründerzeit- Häuser, die im Krieg nicht zerstört wurden, noch vom einstigen Charme des Viertels.
Doch heute wird das Straßenbild geprägt von einem hohen Anteil an ausländischen Mitbürgern, von denen viele nicht bereit sind, Deutsch zu lernen. Das ist auch nicht nötig. Das lokale Gewerbe hat sich seinem Kundenstamm angepasst. Kioske verkaufen Tageszeitungen in mehreren Sprachen und jedes zweite Geschäft bietet importierte Waren aus aller Herren Länder an. Man geht zum türkischen Arzt und zum Friseur aus dem Libanon. Das Ghetto- Image und die vernachlässigte Bausubstanz haben alteingesessene Geschäfte vertrieben: Aus dem Penny-Markt wurde ein Sultan-Markt, aus Schuhgeschäften wurden Wettbüros, abgeschottete Teestuben oder "Coll-Center"(!), in denen mit der Verwandtschaft im Fernen und nahen Osten oder Afrika telefoniert wird.
Wachleute vor Supermarkt
Und vor dem letzen verbleibenden großen Sky Markt an der Ecke Karlstal sind seit Monaten zwei gutgebaute Wachleute im Einsatz. Nicht um den Raub der Supermarkt-Kasse zu verhindern, sondern um Kunden den Weg durch die große Schar "biodeutscher" Alkoholiker zu bahnen, die mitsamt ihrer (Kampf)Hunde unter dem Arkadengang Schutz vor Regen oder Sonne suchen. "Ich gehe da nicht mehr einkaufen. Im weiten Umkreis des Geschäftes stinkt es dermaßen schlimm - solange kann man gar nicht die Luft anhalten", erklärt ein alter Herr, der seit Jahrzehnten im Viertel wohnt und nicht mehr umziehen mag.
Die Zustände vor dem Supermarkt und im nahe gelegenen Bushäuschen beschäftigen den Ortsbeirat regelmäßig. "Das Urinieren und Gekotze ist unerträglich", gab die ehemalige Ortsbeirätin Sarpil Midyatli (SPD) zu Protokoll. Doch es ändert sich nichts. Die Ratspolitiker - sofern sie sich überhaupt mit der Verslumung des Stadtteils beschäftigen - sind hilflos. Mit einem Verbot, auf öffentlichen Plätzen Alkohol zu trinken, ist die Stadtverwaltung schon vor Jahren vor Gericht gescheitert. Selbst den offenen Drogenhandel bekommen die Ordnungshüter nicht in den Griff: Heroin, Koks und Marihuana wird Passanten auf Schritt und Tritt angeboten. "Man hat schon den Eindruck, dass es der Politik ganz recht ist, wenn bestimmte Probleme schön am Ostufer bleiben", schreibt ein erboster Bürger im Internet. Schließlich war es die Stadtverwaltung, die vor zehn Jahren die Trinker und Fixer aus der Innenstadt verscheucht hat, wohl wissend, dass dies nur die Situation in Gaarden verschlimmert.
Warnung vor "No-go-Area"
"Ich bin froh, dort nicht mehr zu wohnen. Nicht wegen der Migranten, sondern weil der Stadtteil einfach sich selber überlassen wird und ein rechtsfreier Raum ist", schreibt ein Blogger . Das ist keine Einzelmeinung. Viele Bürger halten Gaarden mittlerweile für eine Insel mit eigenen Gesetzen, wo Polizei und Justiz keine Rolle mehr spielen. Sogar in Polizeikreisen wird von einer "zweiten Ordnungsebene" gesprochen. "Selbst über Grundregeln der Straßenverkehrsordnung setzen sich die Bürger hinweg", hat Midyatli - inzwischen Landtagsabgeordnete - beobachtet. "Dass zwei entgegenkommende Autofahrer das Fenster runterkurbeln, sich minutenlang unterhalten und damit einen Verkehrsstau verursachen, das gibt es in keinem andern Stadtteil", wundert sie sich. Wer sich beschwert, wird rüde beschimpft. Schon wird in Online-Stadtführern vor der No-go-Area gewarnt, "der Stadtteil sollte nachts gemieden werden", heißt es.
Bereits 2006 erlangte das Viertel traurige Berühmtheit als es hier zu Festnahmen im Zusammenhang mit Al-Kaida und den Kofferbombern kam. Doch seitdem Anfang Januar ein 30-jähriger Iraker am helllichten Tag auf dem Hinterhof einer Bäckerei von einer Gruppe libanesischer Kurden regelrecht hingerichtet wurde, geht die Angst um.
Großfamilie hat Revier im Griff
Verschärft wird das Problem durch die Macht einer Kurdisch-libanesischen Großfamilie, die bislang in Berlin, Bremen und Essen viel Geld mit Drogenhandel und Geldwäsche verdient und gleichzeitig Millionen an Sozialtransfers bezieht. Seit einiger Zeit ist sie offenbar auch in Kiel aktiv. Ganze Häuserblocks sollen sich inzwischen in ihrem Besitz befinden. "Wir geraten durch den Clan schwer unter Druck", beschreibt ein türkischer Händler nebulös die Situation. Mehr will er nicht sagen. Sein Kompagnon hat beobachtet, dass rivalisierende Rockerclubs türkische und libanesische Gefolgsleute im Viertel anwerben. Das bedeutet zusätzlichen Sprengstoff, weil sich die beiden Ethnien ohnehin nicht grün sind.
Besserung ist nicht in Sicht. Das günstige Mietniveau (vier Euro pro Quadratmeter) lässt immer mehr sozial Schwache nachrücken - teilweise sogar mit Druck der Jobcenter, die nicht mehr bereit sind, Arbeitslosen die höheren Mietern in den bürgerlichen Stadtteilen zu bezahlen. Neuerdings lassen sich im Viertel viele Roma nieder, die mit Touristenvisum einreisen und in erbärmlichen Unterkünften hausen - zu zehnt in einem teuren Zimmer.
Vielen Runden Tische
Diese Gettoisierung und Zusammenballung sozialen Elends konterkariert die Millionen, die Stadt, Land, Bund und EU kontinuierlich in den Stadtteil pumpen. Seit Jahren wird an vielen Runden Tischen über die Probleme diskutiert - mit höchst engagierten Geschäftsleuten, Sozialarbeitern und Jobvermittlern. Doch sichtbare Erfolge gibt es kaum. Nötig sei vor allem eine "härtere Gangart - auch der Polizei", so die Sozialdemokratin Midyatli. Nötig sei Präsenz - nicht nur im Streifenwagen.
Dumm nur, dass kaum ein Ordnungshüter freiwillig im Problemkiez Dienst machen will. "Gaarden ist das schwierigste Polizeirevier in ganz Schleswig-Holstein. Viele Beamte wollen hier weg", beschreibt GDP-Sprecher Karl-Hermann Rehr die Situation.
Die Probleme sind bekannt, hört man immer wieder: Die Stadt müsse in ihrer Wohnungspolitik endlich für mehr Durchmischung sorgen, es müssten Kita-Plätze (Warteliste: 120 Kinder) und eine Ganztagsgrundschule her, um wenigstens die Jüngsten aus dem Millieu zu holen. Auch ein e konzentrierte Aktion der Sozial- und Arbeitsbehörden mit der Steuerfahndung wird gefordert, um krummen Geschäftemachern das Handwerk zu legen - eine Vernetzung , wie sie der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky in Berlin mit Nachdruck vorantreibt. Denn die Probleme einfach unter der Decke halten - das hilft nicht.

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erstellt am 01.Feb.2011 | 07:19 Uhr

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