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Schleswig-Holstein am Sonntag

05. Dezember 2016 | 11:36 Uhr

Mangel an Hebammen : Kellnern statt Kreißsaal – Geburtsstation Niebüll ist dicht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wegen Personalmangels wird der Kreißsaal in Niebüll geschlossen - wie bereits andere vor ihm. Das kann für werdende Mütter und Kinder gefährliche Konsequenzen haben, mahnt der Hebammenverband.

Jetzt doch: Seit Monaten zogen Gerüchte über eine Schließung der Geburtsstation in Niebüll ihre Kreise, zwischenzeitlich gab es Licht am Horizont – aber jetzt ist es zappenduster. Am Freitag wurde der Betrieb niedergelegt. Der Grund ist laut Angaben des Klinikums Nordfriesland ein akuter Mangel an Hebammen. Es fehlen demnach drei Beleghebammen, um die Geburtshilfe ordnungsgemäß weiterführen zu können. Damit rund um die Uhr eine qualifizierte Versorgung sichergestellt ist, müssten es fünf sein. Zwar soll die Schließung laut Geschäftsführer Christian von der Becke nur vorübergehend sein, jedoch scheint daran kaum jemand zu glauben.

Immer mehr Geburtenstationen im Land schließen ihre Türen. Allein fünf Entbindungsstationen in Schleswig-Holstein wurden in den vergangenen fünf Jahren zugemacht. Das hat dazu geführt, dass die Anfahrtswege in einigen Bereichen des Landes weit geworden sind.

„Der Fall ist ein weiteres Puzzleteil der Zentralisierung der Geburtshilfe im Land, der auch politisch forciert wird“, meint Margret Salzmann, Vorsitzende des Hebammenverbands Schleswig-Holstein. „Die Tendenz geht dahin, dass Stationen mit unter 500 Geburten im Jahr in naher Zukunft geschlossen werden, aus wirtschaftlichen Gründen.“ Preetz, Ratzeburg und Geesthacht seien ihrer Einschätzung nach ebenfalls Wackelkandidaten. Selbst hat sie kürzlich einen Aufruf bei ihren Berufskolleginnen in ganz Deutschland gestartet, um mögliche Kräfte für Niebüll zu gewinnen. Bislang aber erfolglos.

Wurde in Schleswig-Holstein zu wenig ausgebildet? Haben die Schließungs-Gerüchte abgeschreckt? „Wir haben genug Hebammen im Land“, sagt Salzmann. Mit knapp 600 Mitgliedern sei der Verband derzeit sogar so stark wie lange nicht. „Aber die meisten sind gezwungen, Nebenjobs nachzugehen, weil sie sonst nicht über die Runden kommen.“

Viele Kliniken stellen nur noch sogenannte Beleghebammen ein, Freiberuflerinnen, die für eine gewisse Anzahl Stunden auf der Station tätig sind, ihre Berufshaftpflicht aber selbst tragen. Die exorbitant gestiegenen Versicherungsprämien (aktuell 6843 Euro im Jahr) bei gleichzeitig schlechter Vergütung der Betreuung von Schwangeren und Müttern im Wochenbett zwinge viele, sich einen lukrativeren Job zu suchen. „Die Hebammentätigkeit machen sie dann eher als Hobby weiter, um drin zu bleiben“, so Salzmann.

Wo eine Hebamme in der Regel sieben bis acht Frauen im Monat betreut, sind es dann nur noch eine bis zwei. So komme es vermehrt zu Versorgungslücken im Land. „Die Vergütung muss dringend angehoben werden“, mahnt sie auch mit Blick auf die Zukunft ihres Berufsstandes – denn die Zeiten von 1000 Bewerberinnen für 20 Plätze in der Kieler Hebammenschule seien längst Vergangenheit. Zur Zeit klagt der Deutsche Hebammenverband gegen die Gesetzlichen Krankenkassen, mit denen sie sich seit Jahren um eine höhere Vergütung streiten.

Leidtragende sind die Schwangeren und Familien. Die Wege zum nächsten Kreißsaal werden immer weiter. „Was Frauen in erster Linie brauchen ist eine Klinik in ihrer Nähe, damit sie ihre Kinder nicht zu Hause oder auf der Straße bekommen müssen“, sagt Salzmann. „Wenn es so weitergeht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Frauen und Kinder zu Schaden kommen.“

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erstellt am 02.Jul.2016 | 18:40 Uhr

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