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Prostitution in Schleswig-Holstein : „Keine macht es gerne“ - Eine Prostituierte erzählt

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Das Geschäft mit der käuflichen Liebe boomt. Doch die Wünsche der Freier werden immer riskanter.

Neumünster | Lena, was für ein schöner Name. Fein, leicht, fröhlich. Die Lena in dieser Geschichte hat wenig zu lachen. Von einem leichten Leben ist sie weit entfernt. Lena ist auch nicht ihr richtiger Name, sondern ihr „Arbeitstitel“. „Man muss einen haben, der sich einprägt und mit dem man gefunden wird“, sagt sie. Lena ist Prostituierte und arbeitet in Neumünster in einer sogenannten Modellwohnung. Sie ist 23 Jahre alt, hat keine Ausbildung und vermisst ihre Tochter, zu der sie keinen Kontakt hat. An guten Tagen benutzen zehn Männer ihren Körper.

Lena ist schmal, zierlich und plaudert mit einer fröhlichen Stimme. Sie redet klar, klug und sehr reflektiert.  Sie ist gleich bereit, ein Gespräch zu führen, zögert keine Sekunde, ist nicht abwehrend oder misstrauisch. Fast so, als freue sie sich, als Mensch wahrgenommen zu werden und nicht als Ware. Als hätte sie darauf gewartet, jemandem ihre Geschichte zu erzählen.

Sie ist erst 23 Jahre alt. Ein junges Leben. Seit vier Jahren arbeitet sie im Gewerbe. Sie ist die Erste in der Familie, die als Prostituierte arbeitet. „Ich bin da irgendwie hineingerutscht; über eine Bekannte.“ Mit 17 wird sie zu früh schwanger. Ihre Schule beendet sie mit einem Hauptschulabschluss. Eine Ausbildung macht sie nicht. Stattdessen jobbt sie, arbeitet in der Altenpflege, kellnert. „Ich bin früh Mutter geworden. Ich fühlte mich allein gelassen, hatte keine Hilfe, war überfordert mit Beruf und Kind. Ich hatte kein Durchhaltevermögen, keine Kraft. Ich habe das einfach nicht geschafft.“ Diesen Satz sagt sie ganz oft. Und es gibt noch einen Satz, der immer wieder  fällt: „Der Ausstieg ist ganz, ganz schwer.“

Ponys für die Gentlemen

Wie ist das eigentlich mit der käuflichen Liebe in Neumünster? Wo gibt es Sex gegen Geld? Oder findet das älteste Gewerbe der Welt, wie es ja auch gern etwas romantisch genannt wird, hier gar nicht statt? Fragt man im Bekanntenkreis, hört man vorwiegend aus Männer-Mündern: „Also ich kenne mich da ja nicht aus, aber in der Wrangelstraße ist doch ein Swinger-Club.“ Oder: „Ich gehe ja nicht in solche Dinger, aber im Krokamp ist doch ein Puff.“  Alles ganz normal. Harmlos. Man kichert ein bisschen. Jeder kann aus dem Stand gewesene und schon längst wieder dicht gemachte Etablissements nennen. Da fallen Namen wie die „Lido-Bar“, „Tiffany“ oder ein „Massage-Club“ in der Kieler Straße, ein „Sex-Shop“ in der Christianstraße. Und das passende Kino dazu gehört in der Gasstraße auch schon ewig zum Stadtbild.  Jüngst hat ein „Gentlemen’s Club“  in einem Anzeigenblatt nach neuen „Ponys“ gesucht.

Ein „richtiger Job“ kam für Lena nie infrage, sie habe nichts lange durchgehalten, sich schnell gelangweilt, sagt sie. Gelockt hat sie auch das schnelle Geld. Sie hat schon viel gesehen in dieser Branche. Viele Biografien, Gewalt, Elend, Traurigkeit. Es sind nicht mehr viele deutsche Frauen unter ihren Kolleginnen. Polnische, russische, türkische, rumänische, von überall her. „Oft können sie nicht miteinander sprechen, weil es Sprachprobleme gibt. Meistens sind sie sehr arm und schicken das Geld ihren Familien.“

Zwangsprostitution und Gewalt

„Warum wollen sie ausgerechnet dieses Thema machen?“, fragen die Leute. Ob ich nach Sensationen suche? Nein, ich möchte nur wissen, wie die Lage ist. „Darüber gibt es überhaupt nicht viel zu sagen.“ „Die meisten sind freischaffende Künstlerinnen.“ „Das ist hier kein Thema.“ „Das ploppt hier nur am Rande auf.“ „Zwangsprostitution – glauben wir nicht, dass das hier eine Rolle spielt.“ „Gewalt? Also ausschließen kann man das ja nie, aber ein großes Thema ? Nein. Das ist vielleicht in Kiel oder Hamburg so, aber hier? Nein. Das ist eher ein unauffälliges Treiben.“ Das sind die Antworten auf meine Anfragen bei zuständigen Stellen bei Polizei und Verwaltung.

Lena weiß es besser. „Natürlich gibt es hier Zwangsprostitution und Gewalt. Aber eben nicht so offensichtlich. Es gibt nur noch wenige deutsche Frauen. Viele der ausländischen Kolleginnen sind unter einem Vorwand aus ärmlichsten Verhältnissen hierher gelockt worden und werden nun unter Druck gesetzt. Sie drohen ihnen damit, ihren Familien etwas anzutun.“

Auch sie hat schon schlechte Erfahrungen mit Gewalt gemacht. Gleich der erste Mann, der ihr Schutz anbot, versuchte über Einschüchterung, Bedrohung und Gewalt, sie gefügig zu machen. Sie konnte fliehen, ist untergetaucht und arbeitet seitdem auf eigene Rechnung in wechselnden Modellwohnungen. „Hier fühle ich mich sicher, weil wir immer mehrere sind. Wir halten zusammen. Andere machen nur Hausbesuche, gehen in Hotels oder arbeiten privat bei sich zu Hause. Das ist nicht meins.“ 

Lukratives Geschäft

Wenn man sich in Neumünster mit dem Thema Prostitution beschäftigt, erinnert das an eine Decke. Es gibt die helle, leichte Seite. Gesellschaftlich erfährt der Umgang mit der Ware Sex einen lukrativen Imagewandel. Die Branche hat die Frauen als zahlungskräftige Kaufgruppe entdeckt.  Raus aus der Schmuddelecke.

Statt schummrig beleuchteter Sexshops mit Hardcore-Pornos unterm Tresen gibt es heute moderne Glaspaläste, schön ausgeleuchtet mit allerlei Erwachsenen-Spielzeug und eindeutig dekorierten Schaufenstern. Die müssen alle aushalten. Auch jene, die das nicht wollen oder vielleicht noch gar nicht sehen sollten.

Bewertungs-Portal für Prostituierte

Diese Verharmlosung trifft man auch im Gewerbe. „Dirne“, „Hure“, „Nutte“, „Puff“– so sagte man früher. Auf der hellen, sauberen Seite benutzt man lieber die Begriffe „Modell“, „Escortbegleitung“, „Laufhaus“.  Das klingt doch viel harmloser. Geradezu elegant. Beim Blick unter die Decke ist gar nichts elegant. Das Gewerbe ist, was es ist – ein knallhartes, brutales Geschäft auf Kosten der Frauen. Das bekommt auch Lena zu spüren. Viele ihrer Kunden sind verheiratet und haben ein eingeschlafenes Sexleben. Weil sie jung und hübsch ist, wird sie gern besucht. Aber sie spürt auch die Verachtung. Es gibt einen schlimmen Trend: Die Männer wollen es immer härter und tabuloser. Für Geld wollen sie alles haben. Und sie glauben, sich auch dafür alles erlauben zu können. Erniedrigung, Entwertung, moderner Sklavenhandel.

In Neumünster stehen die Frauen nicht an der Straße, sondern sie sind im Internet zu finden. Es dauert genau eine Minute, um im Netz unter den entsprechenden Suchbegriffen auf einen Schlag 40 Frauen zu finden. Die Stadt ist übersät mit Modell-Appartements. Jetzt lüftet man die Decke und kommt auf die sehr dunkle Seite. Schwer auszuhalten. Vor allen Dingen, die Foren, in denen die Prostituierten „bewertet“ werden. Ware Frau. Immer härter, immer erniedrigender. Diese Seite bleibt vielen verborgen.  Mit der will niemand etwas zu tun haben. Weil die Damen ruhig ihrer Arbeit nachgehen, gibt es eben kein Problem. „Gab es doch schon immer.“ „Dann gibt es weniger Vergewaltigungen.“ „Die machen das doch freiwillig.“ All das sind gern genannte Argumente

Einen Aufschrei gibt es nur, wenn man offensichtlich mit dem Thema belästigt wird. Dann werden Anwohner aufmerksam. So wie vor zwei Jahren auf  die beiden rumänischen Frauen. Der Ort, an dem sie ihre Dienstleistungen anboten, war schlicht praktisch. Mit einem großen Parkplatz dabei, viel Durchgangsverkehr.

Aber leider vor einer Schule und einem Friedhof. Die  aufmerksame Nachbarschaft empörte sich. Und es dauerte nicht lange, bis der medial mit großer Aufmerksamkeit begleitete Damentrupp mittels Sperrbezirksverordnung aus der Stadt gejagt wurde.

Hilfsangebote

Von Seiten des Ordnungsamtes wurde den Sexarbeiterinnen durchaus auch Hilfe angeboten. Es gibt ein Frauenhaus und den Notruf für vergewaltigte Frauen in der Stadt. Wenn man nicht lesen kann, sind diese Hilfsangebote unerreichbar. Wenn die Kraft und die Alternativen fehlen auch. Lena: „Ich kann wohl schlecht zum Arbeitsamt gehen und sagen, dass ich umschulen will.“

Ihre Dienstzeiten nennt sie, als ob es sich um Öffnungszeiten in normalen Unternehmen handelt. „Meinen Urlaub und meine freien Tage kann ich mir selber einteilen. Manchmal braucht man doch mal eine Pause.“ Ihre Eltern ahnen, wie sie ihr Geld verdient. Freunde und Verwandte wissen es. Keiner spricht darüber. „Ich schäme mich nicht für das, was ich tue. Man sollte sich nicht schämen.“

Sie hat einen Freund, der es nicht gut findet, dass sie anschafft. Sie fühlt sich oft einsam. Am schlimmsten findet sie die Trennung von ihrem Kind. „Ich sehe meine Tochter nicht. Sie lebt bei ihrem Vater. Weit weg von hier. Sie soll nicht wissen, was ihre Mutter macht. Dafür würde ich mich wirklich schämen. Sie ist jetzt sechs Jahre alt. Ich vermisse sie sehr. Für mich ist das schwer...“

Emotionale Diskussion

Männer, die Sex kaufen wollen, bilden eine muntere Reisegesellschaft. Damit sie vor Ort nicht erkannt werden, fahren sie in andere Städte – also die Freier aus Neumünster nach Kiel, Nortorf oder in andere Dörfer. Dafür verkehren in Neumünster viele Kieler. Lena zieht mit dem Zug mit. „Jeweils für eine oder zwei Wochen mieten wir die Appartements an, dann geht es weiter. Früher bin ich weitergereist. Das will ich nicht mehr. Montags bis Freitag von zehn bis 24 Uhr, an den Wochenenden bis morgens früh um drei Uhr. Zwei Frauen arbeiten immer gemeinsam in der Schicht. Platz ist für vier Kolleginnen. Das gibt auch Sicherheit.“

Steigt man tiefer ins Thema ein, findet man bundesweit hochemotionale Diskussionen zwischen Feministinnen, Befürwortern, Gegnerinnen, bekennenden Huren, die ihren Job als einen ganz normalen angesehen haben wollen. Man erfährt erstaunliche Dinge. So gibt es mehrere Berufsverbände, die die Rechte von Sexarbeiterinnen oder Bordellbetreibern vertreten.

Professionell und politisch engagiert wirken die gut gemachten Seiten im Netz. Ernüchternd allerdings die Tatsache, wenn man die Mitgliederzahlen anschaut. Unter 50. Und dass sich die Gründungsmitglieder aus Bordellbetreibern und selbstständigen gut verdienenden Domina-Damen zusammensetzen.

Vor zehn Jahren wurde das Prostitutionsgesetz auf den Weg gebracht und sollte den Frauen bessere Arbeitsbedingungen bescheren und ihnen Schutz bieten – hat nicht funktioniert.

Niemand macht es gerne

Was sagt sie zu der Diskussion, dass Kolleginnen meinen, Prostitution sei ein ganz normaler Job und viele Frauen würden das freiwillig machen? „Es mag Frauen geben, die ihr Sexleben anders ausleben wie zum Beispiel in der SM-Szene. Aber die sind in der Minderheit. Ich habe schon so viele Frauen getroffen und ich kenne keine einzige, die das gerne macht. Auch wenn nicht alle gezwungen werden. Sie sehen keinen anderen Ausweg für sich. Das ist ganz, ganz schwer, hier rauszukommen. Die Frauen trauen sich auch nicht, um Hilfe zu bitten. Wen denn auch? Wenn ich die Wahl hätte, würde ich es auch nicht machen!“

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erstellt am 12.Mär.2017 | 13:59 Uhr

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