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Schleswig-Holstein am Sonntag

08. Dezember 2016 | 11:03 Uhr

Statistik versus Wahrnehmung : Jugendkriminalität in SH sinkt – doch die Angst davor steigt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Zahlen machen es deutlich – durch Jugendliche werden in Schleswig-Holstein kontinuierlich weniger Straftaten begangen. Trotzdem ist immer wieder die Rede von einer zunehmenden Verrohung. Wie kann das sein?

Der Fall ist aufgrund der ausgeübten Brutalität innerhalb einer Gruppe erschreckend: Eine alkoholisierte und wehrlose 14-Jährige wird von vier männlichen Jugendlichen vergewaltigt. Ein weiteres Mädchen macht ein Video von der Tat, am Ende wird das Opfer bei Frost-Temperatur bewusstlos in einem Hinterhof sich selbst überlassen. Dieser Fall aus Hamburg erregte erst kürzlich durch den Prozess gegen die Täter erneut Aufsehen. Aber steht er als Indiz für eine insgesamt zunehmende Kriminalität und eine damit verbundene wachsende Verrohung der Jugend, wie sie seit Jahren in der Öffentlichkeit diskutiert wird?

Fakt ist: Die Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache. Bundesweit nimmt die Menge der Straftaten von Jugendlichen seit einigen Jahren kontinuierlich ab - was sich auch für Schleswig-Holstein aus Daten des Statistischen Landesamts deutlich ablesen lässt. Im Jahr 2010 wurden laut Strafverfolgungsstatistik 1672 Jugendliche vor Gericht verurteilt. Im Jahr 2015 waren es nur noch 633 – weit weniger als die Hälfte.

Bei den einzelnen verübten Taten fällt zunächst auf, das schwerere Delikte wie Mord und Totschlag mit drei Fällen sowie Vergewaltigung mit zwölf Fällen im gesamten Zeitraum bei den Jugendlichen eine vergleichsweise marginale Rolle spielen. Größeres Gewicht haben demgegenüber die Körperverletzung und der Diebstahl. Wurden 2010 allerdings noch 522 Jugendliche wegen Körperverletzung verurteilt, waren es 2015 nur noch 135. Bei den verhängten Urteilen wegen Diebstahlsdelikten sank die Zahl im gleichen Zeitraum von 335 auf 144.

Für die Hamburger Kriminologin Bärbel Bongartz bilden die Statistikdaten ihren eigenen Erkenntnisstand ab. „Die Jugendkriminalität ist rückläufig und die Jugendlichen fallen in erster Linie durch Bagatelldelikte auf, schwere Straftaten sind selten“, so die Dozentin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Bärbel Bongartz
Bärbel Bongartz Foto: ums
 

Einen wichtigen Grund für diese Entwicklung sieht sie in vermehrt zum Einsatz kommenden modernen Konzepten, wie mit gefährdeten oder bereits straffällig gewordenen Jugendlichen umgegangen wird. „Die Gründe, warum Jugendliche kriminell werden, liegen immer auf verschiedenen Ebenen, es ist nie nur ein Faktor, das sagen alle Untersuchungen. Wenn man sich den Menschen nähert und diese engmaschig betreut, dann funktioniert das auch, wie man ja an den Zahlen auch ablesen kann.“

Gute Wege seien in Schleswig-Holstein beschritten worden. Mit einem Intensivtäterkonzept wird hier mehrfach auffällig gewordenen Jugendlichen ein Weg aus der Kriminalität bereitet. Beim Diversionsverfahren werden straffällig gewordene Jugendliche für Sozialstunden herangezogen oder der Rechtsfrieden wird über den Täter-Opfer-Ausgleich hergestellt, bei dem unter anderem auf direkten Kontakt und das Entwickeln von Empathie für die Opfer gesetzt wird.

„Vor der Freiheitsstrafe müssen alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft werden“, so Bongartz. „Jede Statistik zeigt, dass alle ambulanten Maßnahmen und das Herauslösen aus einem problematischen Milieu im Rahmen der Jugendhilfe deutlich besser wirken als stationärer Vollzug, in welchem eine engmaschige Betreuung nicht geleistet werden kann.“

Auch bundesweit steht der Norden übrigens im Vergleich gut da: Laut Bundesamt für Statistik gab es in Schleswig-Holstein im Jahr 2014 auf 100.000 Jugendliche gerechnet nur 478 Verurteilungen – das ist der letzte Platz. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 885, Spitzenreiter ist Sachsen-Anhalt mit 1303 Urteilen.

Doch trotz aller Erkenntnisse auf dem Gebiet der Jugendkriminalität und der nachweislich positiven Entwicklung habe die Öffentlichkeit einen konträren Eindruck. „Die Wahrnehmung ist anders, weil heute im Gegensatz zu früher über eine Vielzahl von Kanälen und über soziale Netzwerke von einzelnen, schlimmen Taten ausführlich berichtet wird“, sagt Bärbel Bongartz. „Die Menschen können nicht differenzieren, dass es da immer nur um vereinzelte Taten geht, es entsteht eine sich steigernde Furcht vor Kriminalität.“

In einer Studie seien Menschen dazu befragt worden, um wie viel Prozent Straftaten im Zeitraum von zehn Jahren ihrer Meinung nach angestiegen seien. „Fast alle Angaben waren zu hoch. Beim drastischen Delikt vollendeter Sexualmord haben die Befragten sich um mehr als 200 Prozent verschätzt, in Wahrheit war die Zahl gesunken“, so Bongartz.

Sie befürchtet, dass sich die Entwicklung noch verschlimmern wird – und in der Folge auch die Forderung nach härteren Strafen. „Der Staat soll den Bürger beschützen, jener hat nun dieses verzerrte Bild und denkt sich, dass zu wenig hart durchgegriffen wird“, erklärt Bongartz den Zusammenhang. Dabei biete das Jugendstrafrecht einen völlig ausreichenden Rahmen und gerade bei Jugendlichen stehe die Resozialisierung immer absolut im Vordergrund. „Was soll sich tun in der Entwicklung eines 15-Jährigen, wenn er für Jahre hinter Gittern sitzt?“

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erstellt am 20.Nov.2016 | 11:06 Uhr

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