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Drohungen und Tritte : Gewalt gegen Lehrer in SH: Der Krieg im Klassenzimmer

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Aus der Onlineredaktion

Lehrer im Norden werden immer häufiger von ihren Schülern getreten, geschlagen oder angespuckt. Erschreckend: Auch die Eltern teilen aus.

Kiel | Wer frech war oder die Hausaufgaben nicht erledigt hatte, bekam vor 50 Jahren in der Schule gerne mal den Rohrstock zu spüren. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Während früher die Lehrer im Klassenzimmer mit Schlägen gedroht haben, sind es heute die Schüler. Eine bundesweite Forsa-Umfrage, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegeben hatte, zeigt: Lehrer werden immer häufiger Opfer von Gewalt.

Jeder fünfte der knapp 2000 befragten Lehrkräfte gab an, dass  es  an seiner Schule in den vergangenen fünf Jahren mindestens einen oder sogar mehrere Fälle von Gewalt gab. Ganze sechs Prozent wurden selbst schon einmal angegriffen. Noch alarmierender sind die Zahlen, wenn es um psychische Gewalt geht. Hier gab jeder vierte Lehrer  an,  bereits Opfer von Mobbing Beschimpfungen, Drohungen oder Belästigungen gewesen zu sein.

Auch in Schleswig-Holsteins Klassenzimmern sind Angriffe auf Lehrer keine Seltenheit. Zwar gibt die Studie über regionale Unterschiede in den einzelnen Bundesländern keinen Aufschluss, die Ergebnisse passen jedoch zu den Erfahrungen aus dem Schulalltag. „Wir halten die Zahlen für sehr realistisch“, sagt Rüdiger Gummert, Landesvorsitzender des VBE Schleswig-Holstein. Regelmäßig hat er Fälle auf dem Schreibtisch, in denen Lehrer von Schülern geschlagen, getreten oder beschimpft werden.

Anders als häufig vermutet, finden solche Übergriffe längst nicht nur an weiterführenden Schulen statt. Selbst Grundschüler schlagen, spucken, treten oder beißen.  „Vor einiger Zeit hatten wir einen Zweitklässler, der eine Lehrerin von hinten auf der Treppe an den Kopf getreten hat. In einem anderen Fall hat ein Schüler sich im Arm einer Lehrkraft verbissen, ein weiterer hat einer Lehrerin einen Stuhl an den Kopf geworfen“, beschreibt Gummert.

Als Leiter eines Förderschulzentrums weiß er, wie es um das Sozialverhalten vieler Schüler bestellt ist. „Beschimpfungen und Beleidigungen sind keine Ausnahme, sondern normal.“  Auch im Internet werde immer heftiger gegen Lehrer gepöbelt. Beim sogenannten Cybermobbing machen Schüler ihrem Ärger über soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter Luft, indem sie Hasskommentare und Beschimpfungen über Lehrer posten.

Ein Problem, das sich durch die Ausbreitung sozialer Netzwerke und die Technik verschlimmert habe. „Seit es Smartphones gibt, ist es für die Schüler deutlich einfacher geworden, Filme oder Fotos zu machen und sie online zu stellen.“ Was als schlechter Scherz gedacht sein könnte, hat oft verheerende Folgen. „Die Lehrkräfte sind psychisch oft so angeschlagen, dass sie nicht mehr unterrichten können“, weiß Gummert.

Eltern als Täter

Die Eltern seien oft keine Hilfe. Im Gegenteil: Immer häufiger werden auch sie zu Tätern. Die Forsa-Umfrage zeigt, dass ein großer Teil der Fälle  psychischer Gewalt von den Eltern ausgehe. Gummert bearbeitet gerade so einen Fall. Aus Rücksicht auf die Opfer will er keine Namen nennen. Die Schülerin einer Gemeinschaftsschule hatte über einen längeren Zeitraum Beleidigungen und Hasskommentare im Netz über eine Lehrerin verbreitet und ihr sogar Droh-E-Mails geschickt. Als es zum Gespräch mit den Eltern kam, eskalierte die Situation: Der Vater der Schülerin ging auf die Lehrerin los und versuchte, sie aus dem Raum zu schubsen. 

An einer anderen Schule lauerte vor einiger Zeit eine ganze Gruppe von Eltern nach einer Schulaufführung einer Lehrerin auf, weil sie nicht mit den Zensuren ihrer Schützlinge zufrieden waren. „Die haben sie regelrecht in die Ecke gedrängt und beschimpft“, schildert Gummert. Auch vor körperlicher Gewalt schreckten manche Eltern nicht zurück, weiß Gummert. „In einem Fall hat ein Vater einer Lehrkraft Schläge angedroht.“

Auch wenn die Zahlen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hätten – neu sei das Problem aus seiner Sicht nicht. Es rede nur niemand darüber. „Zu oft werden solche Attacken totgeschwiegen, aus Angst, den Ruf der Schule zu schädigen.“ Genau das sei jedoch der falsche Weg, ist er sicher. „Es darf kein Tabuthema mehr sein. So etwas kommt an jeder Schule vor und es ist besonders wichtig, dass sich die betroffenen Lehrkräfte Hilfe holen.“

Doch wo? Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass ein Großteil der Lehrer sich an Kollegen oder Freunde wendet. Zu drastischen Schritten wie Anzeigen oder Schulverweisen kommt es nur selten.  In nur neun Prozent der Fälle wurde auch Anzeige gegen die Täter erstattet. Gummert kennt die Gründe. „Die Frage ist, was wir eigentlich unter Gewalt verstehen. Ist es nur das Kind, das tritt, oder auch die Eltern, die Drohungen aussprechen? Unter Gewalt fallen eben nicht nur körperliche Verletzungen, sondern auch psychische. Doch das wissen viele nicht.“

Der VBE plädiert deshalb für eine Art Leitfaden, der den Betroffenen zeigt, wie sie sich nach solchen Attacken verhalten sollen. Einer der ersten Schritte sei, das Gespräch mit den Eltern zu suchen. Die zeigten sich laut Gummert aber häufig unkooperativ – entweder ihr Verhalten ähnele dem ihrer Schützlinge und sie beschimpften oder bedrohten die Lehrer, oder sie erschienen zu den Treffen erst gar nicht. „So können wir als Schule kaum etwas machen“, klagt er.

Dabei sei die Unterstützung der Eltern ein zentraler Punkt. „Die Kinder müssen lernen, dass es in der Schule Regeln gibt. Und dazu brauchen wir die Eltern. Sonst funktioniert es nicht.“ Konkret fordert er, dass Eltern gesetzlich dazu verpflichtet werden, Termine mit der Schule einzuhalten – andernfalls müssten Bußgelder oder Strafverfahren drohen. „Wir müssen es schaffen, dass sie sich nicht mehr entziehen können.“

Wirkungslose Gesetze

Einen ersten Ansatz hat es bereits vor einigen Jahren gegeben, als Paragraph 26 in das Schulgesetz aufgenommen wurde. Hier heißt es sinngemäß: Eltern haben dafür Sorge zu tragen, dass ihre Kinder durch ein angemessenes Sozialverhalten am Unterricht teilnehmen und ihre Pflichten als Schüler erfüllen können.

Ein guter Ansatz – allerdings seien solche Paragraphen ohne die entsprechenden Konsequenzen wirkungslos, wie Gummert erklärt. „Wir können Eltern zwar darauf hinweisen, dass sie verpflichtet sind, an Gesprächen mit den Lehrkräften teilzunehmen, aber wir können ihnen keine Konsequenzen androhen.“

In einem Brief an Ministerpräsident Torsten Albig hat der VBE die Landesregierung bereits dazu aufgefordert, eine entsprechende Gesetzgebung zu unterstützen – so, wie es vor einem Monat schon Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen getan hatte. Als Reaktion auf die bundesweite Studie über Gewalt gegen Lehrkräfte sprach sie sich für eine Strafverschärfung bei Angriffen auf Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes aus.

Damit seien zumindest die rechtlichen Grundlagen geschaffen. Doch auch bei der Umsetzung strafrechtlicher Konsequenzen wünscht er sich mehr Rückendeckung durch das Land. Stelle die Schule in besonders drastischen Fällen einen Strafantrag gegen einen Schüler, könnte die Regierung beispielsweise parallel dazu ebenfalls einen entsprechenden Strafantrag stellen. „Das würde die Dringlichkeit eines solchen Falles unterstreichen.“ Andernfalls verliefen zu viele der Verfahren letztlich im Sande.

Mit einer Novellierung der Gesetzgebung allein ist es jedoch nicht getan. Die Ursachen für die steigende Gewaltbereitschaft der Schüler sind vielfältig: Ein sozialschwaches Elternhaus, zu kleine Klassenräume oder fehlende Regeln seien laut Gummert meist der Auslöser dafür, dass Schüler im Alltag überfordert seien. Die Gewalt sei dann nur eine Art Ventil, durch das sie ihre Gefühle ausdrückten. „Die Kinder haben oft keine Vorbilder mehr und wissen gar nicht, wie sie sich richtig verhalten sollen.“ Schon früh müssten deshalb feste Rituale und Regeln Bestandteil des Unterrichts sein. Junge Lehrer oder Referendare – nach dem Studium zu meist ins kalte Wasser geworfen und oft überfordert – müssten außerdem von den erfahrenen Kollegen unterstützt werden. Gummert: „Wichtig ist, dass man nicht alleine dasteht.“

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erstellt am 08.Jan.2017 | 12:03 Uhr

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