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Schleswig-Holstein am Sonntag

19. Februar 2017 | 17:47 Uhr

Neue Rundfunkgebühr : Gebührensumpf und Größenwahn

vom

Ganz Deutschland spricht über die neue Rundfunkgebühr. Die Debatte hat vor allem eines beflügelt: Die Diskussion um Qualität im Fernsehen.

Kiel | Milliarden verbrennt das Deutsche Fernsehen in einem Jahr. Schauen wir den Verbrechen an Niveau und Geschmack ins Angesicht. Da ist die Seifenoper "Verbotene Liebe", da sind die Telenovelas "Rote Rosen" und "Sturm der Liebe", da ist die "Küchenschlacht", da ist das Trashmagazin "Brisant", da sind unzählige Talkshows, in denen die immer gleichen Gäste rumsitzen, da sind die Kopien erfolgreicher Quizshows von den Privaten, da ist "Unser Charly", kurz: Da ist genug, um Nacht für Nacht verzweifelt bei "Domian" anzurufen und Fragen zu stellen: Woran liegt es, dass mit so viel Geld so viel Schrott produziert wird? Warum haben wir keine Serien wie "Sherlock" oder "Luther" bei der BBC, wo ist das deutsche "Mad Men", wieso ist der Tatort zur langweiligen Moralschule verkommen, warum schmeißt ihr mit dem "Nachtstudio" die einzig originelle Talkshow aus dem Programm, in der kluge Menschen saßen, die kaum einer kennt und die Sätze sagten, die im deutschen Fernsehen sonst nie zu hören sind.

Kaum einzigartige Sendungen

Eine Sendung, die wirklich intellektuell war und nicht so tat. Täuschen wir uns, oder vermeidet ihr das sonst in euren Programmen nach Kräften? Als Repräsentant des öffentlich-rechtlichen Rundfunks würde Domian in etwa so antworten: Wir betreiben Phoenix, wir haben fantastische Politmagazine, es gibt Dokumentationen noch und nöcher, die "Tagesschau", "Entweder Broder" und "ttt", "Tatortreiniger", "Kulturzeit", Literatursendung, Regionalsport, und, und, und... Wir senden und produzieren Formate, die das Kommerzfernsehen niemals bringen würde.

Wer weniger höflich als Domian ist, drückt es anders aus und erklärt ARD und ZDF zu Verfassungsinstanzen. So bezeichnete WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn den neuen Rundfunkbeitrag, der zuvor Gebühr hieß, als "Demokratieabgabe". Und damit wollte er nicht die Ironiefähigkeit der ARD unter Beweis stellen.

Ist es dieser Größenwahn, der Schönenborn und andere ARD-Granden denken lässt, sie seien die Milliarden wert, die der Beitragsservice - ehemals Gebühreneinzugszentrale - jährlich eintreibt? Und wundert es sie nicht, dass die Jugend an ihren Programmen so gut wie kein Interesse mehr hat?

Anruf bei Volker Panzer

Der Journalist moderierte bis Sommer 2012 das eingangs erwähnte "Nachtstudio". Nachdem Rosamunde Pilcher Sonntag für Sonntag ihr südenglisches Idyll ausgeleuchtet hatte und übel gelaunte skandinavische Ermittler danach Psychopathen hinter Gitter gebracht hatten, schlug die wöchentliche Stunde der Hochkultur. "Ich wollte Themen besprechen, die über den Tag weisen aber die Aktualität nicht gänzlich leugnen", sagt Panzer. Dessen Sendung wirkte im deutschen TV-Trash wie eine Bach-Kantate im Musikantenstadl. Seine Sendungstitel: "Wenn der Körper denkt - Die Intelligenz des Unterbewussten", "Hast Du Töne - Die Macht der Musik", "Die deutsche Seele" oder "München 72 - Das Attentat und seine Folgen". Das Nachtstudio hat Woche für Woche gezeigt, zu was das Medium Fernsehen fähig wäre, wenn man klugen Leute Räume ließe, ihre Ideen auszuprobieren.

Und was macht das ZDF, nachdem Panzer vor ein paar Monaten in Rente geschickt wurde? Stellt die Sendung ein, schickt dem Gründer und Erfinder einen Dankesbrief und wiederholt ab sofort den Krimi, der wenige Stunden zuvor bereits lief. Es ist zum Verzweifeln. Heute hätte Panzers Sendung den Sprung ins Hauptprogramm vermutlich überhaupt nicht geschafft. Wenn ARD und ZDF mal etwas wagen, haben Sie Angst vor der eigenen Courage. "Roche & Böhmermann" versteckte das ZDF in seinem Spartenkanal ZDFkultur und das Moderatorenduo "Joko und Klaas" durfte "neo paradise" nebenan auf ZDFneo vor einem Publikum an der Messbarkeitsschwelle präsentieren.

Zu den Privaten getrieben

Mittlerweile sind die beiden bei Pro7 und ZDF-Intendant Thomas Bellut entblödet sich nicht, das zu einem Erfolg für seinen Sender umzudeuten: "Seit wann ist es üblich, dass Privatsender an unseren Moderatoren interessiert sind und unsere Programme quasi übernehmen wollen?"" Stimmt wohl. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehmacher schielen sonst lieber auf die Privaten und besetzen deren Kompetenzfelder: Soaps, alberne Quizshows, Boulevardmagazine oder Champions-League-Übertragungen.

Auch dadurch werden Sat1, RTL & Co. in immer absurdere Nischen gedrängt, was die "Kommerzsender" sich dann noch als Vorwurf von ARD- und ZDF-Funktionären gefallen lassen müssen. Dabei bestimmen die mit ihren Abkupfereien das Antlitz des Privatfernsehens wesentlich mit.

Wer übrigens denkt, dass die gigantischen Einnahmen der Sender an Schauspieler, Drehbuchautoren, Regisseure oder Produzenten durchgereicht werden, täuscht sich. Sie alle klagen über miese Bezahlung und sich stetig verschlechternde Arbeitsbedingungen. Jochen Greve, Vorstandsmitglied des Verband Deutscher Drehbuachutoren: "Die Arbeitszeiten werden länger, die Drehzeiten aber erheblich kürzer." So sei es bis vor ein paar Jahren üblich gewesen, dass ein Tatort in knapp 30 Tagen gedreht wird. "Mittlerweile gibt es Produktionen, die unter 20 Tage gedrückt werden." Und als Drehbuchautor weiß er: "Die Honorare sind in den letzten zehn Jahren nicht gestiegen, sondern eher gesunken."

Suche nach Flaggschiffen

Statt aber zu überlegen, wie es den Flaggschiffen der TV-Unterhaltung - den 90-Minuten-Spielfilmen also - besser gehen könnte, stürzte sich das ZDF in die Bieterschlacht um die Champions-League. Mittlerweile sind die Mainzer über ein halbes Jahr dabei und es kann konstatiert werden: Schade, dass der gedankenschnelle und originelle Sat1-Moderator Wolff-Christoph Fuss den behäbigen ZDF-Kommentatoren weichen musste, die uns schon bei Welt- und Europameisterschaften anästhesieren.

Wie viel die Mainzer für die Übertragungsrechte der Champions-League bezahlt haben, mochten sie nicht sagen, weil ja dann die Konkurrenz informiert sei. Die 50 Millionen Euro, die durchgesickert sind, dürften aber nicht falsch sein. Man stelle sich einmal vor, andere öffentlich finanzierte Stellen würden sich derart verschlossen zeigen, wenn es um die Verwendung solcher Beträge geht.

Mogelpackung Champions Leauge

Diese Woche haben wir gesehen, was wir Beitragszahler vom Millioneninvest haben. Der vertrackten Vertragsbedingungen wegen, mussten die Mainzelmännchen Paris Saint Germain gegen Valencia zeigen. Fans von Borussia Dortmund mussten das Heimspiel des BVB gegen Donezk bei Sky schauen.

Größenwahnsinnig, wie wir sind, spielen wir jetzt mal Programmdirektor bei ARD und ZDF. "Wie wäre es", könnten wir sagen, "wenn wir uns in Zukunft darauf konzentrieren, das viele Geld, das wir haben, in Programm zu investieren, das die Privaten nicht machen können. Lasst uns auf die teuren Sportrechte verzichten, genau das können die nämlich ziemlich klasse. Stattdessen probieren wir aus. Liebe Kollegen, geht mal raus und hört den Deutschlandfunk! So wie die klingen, sollten wir aussehen. Schlau, seriös und hochinformativ. Und liebe Kollegen aus den Fernsehspielredaktionen: Schaut Euch die ollen Wedel-Serien noch mal an und fragt Euch, wer heute Filmreihen und komplexe Stoffe auf dem Niveau produzieren kann.

Das beim Sport gesparte Geld sollte er haben. Ach: Und lasst uns die Spartenkanäle dicht machen und so auch noch zugunsten der Qualität sparen. Was wir da wagen, gehört ins Erste und Zweite. Nur so werden wir unsere Einnahmen wieder wert sein und nur so wird die Debatte um unsere Existenzberechtigung aufhören."

Das wäre schön. So wird öffentlich-rechtliches Fernsehen gebraucht.

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von
erstellt am 05.Mai.2013 | 06:10 Uhr

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