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Tätowieren : Ein Tattoo zum Abschied: Wenn Trauer unter die Haut geht

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Immer mehr Menschen lassen sich Tattoos stechen, um an ihre verstorbenen Liebsten zu erinnern.

Kiel | „Breathe“ steht auf ihrem Handrücken zwischen Handgelenk und Daumen. „Atme“ – das hat für Gianna Leimgrübler zwei Bedeutungen. „Es erinnert mich daran, jeden Atemzug zu genießen“, sagt die 25-Jährige.  Aber vor allem erinnert Gianna der Blick auf die Tätowierung auf ihrer linken Hand an einen Menschen, eine ältere Dame, die ihr sehr nahe stand. „Vor Kurzem ist sie gestorben“, erzählt die junge Tätowiererin. Und den einzigen Gedanken, den Gianna damals bei der Nachricht vom Tod ihrer Freundin hatte, trägt sie nun unter ihrer Haut: „Bitte atme doch!“

Der eigenen Trauer mit einer Tätowierung Ausdruck zu verleihen, ist heute Teil der individuellen Gedächtniskultur. Doch können eine Nadel und ein bisschen Tinte unter der Haut den tiefen Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen überwinden helfen? „Es ist zumindest eine Form der Trauerbewältigung“, meint Bestatterin Anja Beutler. Rituale des Abschieds, aber auch das Schaffen von Erinnerungen seien förderlich für den Trauer-Prozess. „Eine Erinnerungskultur gab es schon immer. Solange Menschen trauern, gibt es Friedhöfe, Erinnerungsbriefe, Flaschenpost oder andere ganz individuelle Rituale.“ Trauer-Tattoos, bemerkt Anja Beutler, haben in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen.

Ob es das Porträt des verstorbenen Kindes, ein Unendlichkeitssymbol für den Partner, Engelsflügel für die Mutter oder die Koordinaten des auf See bestatteten Großvaters sind, ob sichtbar oder verdeckt – Trauer-Tattoos sind so verschieden wie die Trauer selbst. „Noch vor einigen Jahren haben sich die Kunden oft einfach die Lebensdaten des Verstorbenen stechen lassen, heute sind die Wünsche etwas kreativer“, sagt Tattoo-Shop-Mitarbeiterin Marta Kalinowska.

Sie selbst trägt eine kleine Hundepfote auf ihrem linken Fußknöchel. Darüber steht in geschwungenen Buchstaben „Piciu“. Im vergangenen April ist die kleine Piciu, ein Miniatur-Tibetterrier, gestorben. „Zwei Tage später habe ich mir das Tattoo stechen lassen“, sagt Marta. Bei dem Motiv sei sie sich sofort sicher gewesen. „Ich habe mich mega gefreut, als ich es hatte“, sagt die junge Frau, dann kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Noch immer beschere ihr der Blick auf die Tätowierung schöne ebenso wie traurige Momente, berichtet Marta, während sie sich die Tränen aus dem Gesicht wischt. „Klar, es waren 14 Jahre mit ihr.“

Tätowiererin Gianna Leimgrübler weiß aus Gesprächen mit Angehörigen, dass oftmals der letzte Kontakt mit dem Verblichenen entscheidend für die Motivwahl sein kann: „Wenn diese Person gesagt hat, dass sie einen Regenbogen oder ein helles Licht sieht, nehmen das die Angehörigen in ihr Tattoo mit auf.“ Einige Kunden beschäftigten sich intensiv und lange mit dem Motiv, andere wiederum seien kurzentschlossen. Eine Freundin, erzählt Gianna, habe vor wenigen Wochen eine Fehlgeburt erlitten. „Noch am selben Tag hat sie bei mir angerufen und wollte unbedingt einen kleinen Schmetterling tätowiert bekommen. Sie brauchte das einfach für sich, und es hat ihr geholfen.“

So transportieren Regenbogen, Sterne, Schmetterlinge und Quietsche-Enten auf der Haut unter Umständen die Geschichte eines lebensverändernden Schicksalsschlages für ihren Träger. „Manche finden ein Porträt einfach zu krass und entscheiden sich eher für ein Bild, das sie an den Verstorbenen erinnert“, erklärt Gianna Leimgrübler. „Ich glaube, sehr viele Menschen haben  Tattoos, die verbunden sind mit Schicksalsschlägen. Nur nicht jedem Bild sieht man es an.“

Tattoos sind die bildgewordene Biografie ihres Trägers, sagt Prof. Dr. Aglaja Stirn. Die Leiterin des Instituts für Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des Kieler Zentrums für Integrative Psychiatrie (ZIP) weiß: „Sich den Namen oder das Bild eines Menschen auf den Körper tätowieren zu lassen, bedeutet für viele, symbolisch immer mit diesem Menschen verbunden zu sein.“ Denn im Gegensatz zu einem Foto, das sich die Hinterbliebenen an die Wand hängen oder ins Portemonnaie stecken, ist der Körper das, was wir immer bei uns tragen. „Unser Körper ist unmittelbar, dichter geht es nicht.“ Für den einen ist die ewige Erinnerung im Trauerprozess hilfreich, für andere unter Umständen schädlich: „Wir sprechen von pathologischer Trauer, wenn jemand es nicht schafft, loszulassen.“ Dass die eigene Haut zunehmend als Vermächtnis-Fläche fungiert, ist für Stirn nicht überraschend. Denn: „In den letzten Jahren hat der Körper eine zunehmend große Bedeutung in unserer Gesellschaft bekommen. Das Aussehen ist extrem wichtig, alles läuft über Bilder.“

Um über den Verlust eines geliebten Menschen oder Haustieres hinwegzukommen, gibt es keine Trauer-Checkliste, erklärt Bestatterin Anja Beutler. Ein Tattoo, erklärt die 36-Jährige, sei aber eine besondere Form der Wertschätzung: „Es zeigt, dass sich jemand vorher Gedanken gemacht hat, welches Motiv er an welcher Stelle seines Körpers tragen möchte“, erklärt Anja Beutler, „das würdigt den Verstorbenen auf einer ganz persönlichen und intimen Ebene.“ Sie wolle keine Lanze brechen für Tätowierungen, betont  die Bestatterin, denn kein Mensch trauere wie der andere. Die Wahl des Schriftzugs auf dem Grabstein gehöre ebenso zum Verarbeitungsprozess wie das Erstellen der Traueranzeige:  „Aber ich bin überzeugt davon, wenn Menschen merken, dass sie etwas für die Erinnerung tun können, bringt es sie voran in der Trauerbewältigung.“ Eine Tätowierung, die ein Leben lang an die gemeinsamen Momente mit dem Verstorbenen erinnert, sei eine Form davon. „Es gibt nicht nur Sarg, Kirche, Friedhof. Es gibt ganz viel dazwischen. Und vor allem danach.“

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erstellt am 12.Mär.2017 | 16:02 Uhr

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