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Palmarum : Die Nacht, als in Lübeck die Bomben fielen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zum 75. Mal jährt sich in diesem März der Luftangriff auf Lübeck. Es ist das erste Flächenbombardement einer deutschen Großstadt.

Lübeck | Die Nacht ist frostig und sternenklar. Der Vollmond spiegelt sich in Trave, Elbe-Lübeck-Kanal und Wakenitz, die das Oval der Altstadt umfließen. Es ist Sonnabend, der 28. März 1942, am nächsten Tag ist Palmsonntag. Hitler-Deutschland führt im dritten Jahr Krieg, Bomben sind schon in Kiel gefallen, im Ruhrgebiet, doch in Lübeck scheint die Welt einigermaßen heil zu sein.

Es gibt keine militärisch bedeutenden Ziele in der Stadt und somit keinen Anlass für Fliegerangriffe, hoffen die Lübecker. Sie hoffen es auch, als um 23.18 Uhr Fliegeralarm die Stille zerreißt. Vergebens. Nur wenige Minuten später schlagen die ersten Bomben in der Altstadt ein, sie fallen bis 2.58 Uhr früh.

400 Tonnen sind es insgesamt, 234 englische Kampfflugzeuge kommen in drei Wellen aus Richtung Neustadt. Mehr als 320 Menschen sterben in den Trümmern, fast 800 sind verletzt, 15.000 obdachlos. Vom Dom bis zur Marienkirche zieht sich eine 300 Meter breite Schneise der Verwüstung. Hart getroffen sind außerdem das Altstadtviertel nördlich der Aegidienkirche und St.  Lorenz westlich des Holstentors. Die Flugbedingungen sind ideal in dieser Nacht zu Palmarum. Und die alten Gemäuer, erst mit Sprengbomben abgedeckt, dann von Brandbomben entzündet, brennen gut.

Die deutsche Propaganda weiß die Ereignisse schnell zu klittern: Nichts könne diesen ruchlosen Überfall rechtfertigen, bei dem weltberühmte Kunstschätze vernichtet wurden, heißt es in der Wochenschau mit Verweis auf den „militärisch und wirtschaftlich völlig sinnlosen Luftangriff“. Kein Wort von der englischen Stadt Coventry, die im November 1940, im April und im August 1942 angegriffen worden war. Ziel: Flugmotorenwerke. Mehr als 1200 Menschen waren dort umgekommen.

Nun ist Lübeck verwüstet. Dom und St. Petri, die Marienkirche, deren herabgestürzte Glocken bis heute unter dem Süderturm liegen. St.  Aegidien kann im letzten Moment gerettet werden, von den großen Altstadtkirchen hat einzig St. Jakobi die Nacht unbeschadet überstanden. 11.000 Häuser sind beschädigt, 1468 Gebäude zerstört, auch das Buddenbrookhaus.

Aus dem US-amerikanischen Exil meldet sich Thomas Mann zu Wort: „Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt“, sagt er. „Aber ich denke an Coventry und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss.“ Dies können ihm viele Lübecker über seinen Tod hinaus nicht verzeihen.

In St.  Lorenz steigt am Palmsonntag Pastor Karl Friedrich Stellbrink auf die Kanzel der Lutherkirche. Auch er hat löschen und bergen geholfen. „Gott hat mit mächtiger Stimme zu uns gesprochen. Die Lübecker werden wieder lernen zu beten“, sagt er nun. Der Satz verbreitet sich, befördert von einem Spitzel, der den Luftangriff in der Predigt als „Gottesgericht“ gedeutet sieht, in Windeseile in der Stadt. Am 7. April wird Stellbrink verhaftet. Zusammen mit den katholischen Geistlichen Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller wird ihm der Prozess gemacht. „Die Angeklagten sind hartnäckige, fanatisierte und auch gänzlich unbelehrbare Hasser des nationalsozialistischen Staates“, heißt es in der Urteilsbegründung. Die vier sterben unter dem Fallbeil. Gemeinsam werden sie heute als Lübecker Märtyrer geehrt.

Mit dem Lübecker Palmsonntag kommt das Nazi-Regime in Erklärungsnot, insbesondere, weil Reichsmarschall Hermann Göring getönt hatte, er wolle Meier heißen, wenn auch nur ein feindliches Flugzeug über Deutschland erscheint. Das Ende ist bekannt. Flächenbombardements gibt es nach Lübeck auf Rostock, Köln, Hamburg, Hannover, Kassel, Kiel, Braunschweig, Berlin, Dresden, Helgoland. In Kiel fallen bis Mai 1945 insgesamt 44.000 Sprengbomben, 900 Luftminen, 500.000 Brandbomben; 35 Prozent aller Gebäude sind zerstört, 40 Prozent beschädigt, 167.000 Menschen obdachlos, 5000 verletzt, 3000 tot.

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erstellt am 18.Mär.2017 | 20:39 Uhr

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