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Schleswig-Holstein am Sonntag

27. Juli 2016 | 21:11 Uhr

Klimawandel : Die Halligen – eine bedrohte Welt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zwischen 30 und 80 Zentimeter wird der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 ansteigen. Darüber sind sich Wissenschaftler einig. Ohne umfassende Eingriffe in die Natur sind die Halligen im Wattenmeer dem Untergang geweiht.

Hallig Hooge | Im Haus von Matthias Piepgras sind die Steckdosen in einem Meter Höhe angebracht. Fast alle Fußböden wurden gefliest und jeder Raum im Erdgeschoss ist mit Wasserabläufen ausgestattet, die zu einer zentralen Pumpe führen. Sicher ist sicher. Denn der Bürgermeister von Hallig Hooge und Amtsvorsteher des Amtes Pellworm und Halligen lebt mitten im Wattenmeer, dort, wo sich mehrfach im Laufe eines Jahres tosende Sturmfluten auftürmen.

Dabei hat man es auf der nach Langeneß zweitgrößten Hallig noch relativ bequem, ein Sommerdeich hält hier immerhin Fluten bis zu 1,4 Metern über Mitteltidehochwasser ab. Auf Gröde, Nordstrandischmoor oder Langeneß ist bereits bei 1,10 Metern Land unter. „Die haben dann nur die Warft zum Leben. Auf diesen Halligen ist das jährlich 30 bis 40 Mal der Fall, manchmal sind die Bewohner nacheinander zwei bis drei Tage von der Außenwelt abgeschnitten.“

Richtig ernst wird es für die sieben bewohnten der insgesamt zehn schleswig-holsteinischen Halligen ab einer Flut von 2,5 Metern Höhe. In schlechter Erinnerung blieb deshalb Orkan Xaver im Dezember 2013, für den die prognostizierten Wasserstände erst bei 3,5 Metern, dann bei 2,5 Metern und schließlich bei 3 Metern lagen. „Gekommen sind 2,6 Meter. Auf allen Warften stand das Wasser bis zur Oberkante, aber die Schäden waren noch gering“, erinnert sich Piepgras. „Wenn es 3,5 Meter geworden wären, dann wäre in allen Häusern Wasser gewesen. Es hätte Schäden bis zu zehn Millionen Euro gegeben.“ Er kenne die Redeweise, man habe keine Angst vor der Nordsee aber großen Respekt. „In dieser Situation hatten wir schon mehr als großen Respekt. In manchen Momenten war uns äußerst mulmig.“

Was würde sich beim Anstieg des Meeresspiegels und einer zunehmenden Zahl von Fluten verändern? „Es gäbe schwierigere ökonomische Bedingungen, die Erreichbarkeit wäre eingeschränkt, die Vermietung von Ferienwohnungen an Gäste wäre schwerer und die Leute kämen bei Land unter ja auch nicht zur Arbeit“, zählt Piepgras auf. Wenn pro Jahr 60 Mal der Unterricht ausfalle, sei zudem die Beschulung der Kinder in Gefahr, ebenso wäre die Notfallversorgung problematisch. „Wenn wir eine so starke Verschlechterung der Bedingungen haben, dass normales Wirtschaften und Leben nicht mehr möglich ist, dann wird es eine massive Abwanderung auf den Halligen geben, dann ist es da nicht mehr lebenswert für die Menschen“, so Piepgras.

Und wissenschaftliche Prognosen geben Piepgras allen Grund, sich große Sorgen zu machen. „Früher stieg der Meeresspiegel um zwei Millimeter pro Jahr, aber seit einigen Jahrzehnten sind es drei Millimeter“, sagt Götz Flöser, Wattenmeerforscher am Helmholtz Zentrum in Geesthacht (Kreis Herzogtum Lauenburg). Man orientiere sich dabei am letzten Bericht des UNO-Weltklimarats. „Die Zahl wird kaum angezweifelt. Ich halte die Berechnungen für realistisch.“ Es gibt in diesem Bericht allerdings noch mehrere extremere Szenarien, wonach der Meeresspiegel unter bestimmten Umständen bis zum Jahr 2100 sogar um bis zu 80 Zentimeter steigen könnte.

Doch auch bei nur 30 Zentimetern werden die Halligen ohne umfassende Eingriffe des Menschen in die Natur untergehen. „Klare Sache, mit den Häusern muss man irgendwas machen“, sagt Flöser. „Drei Millimeter jedes Jahr scheinen nicht gut geeignet für Schlagzeilen, aber was machen wir in den nächsten 50 oder 100 Jahren? Da muss man sich etwas überlegen.“ Abreißen und an höherer Stelle wieder neu bauen sei denkbar. Gegen den durch den Klimawandel bedingten Anstieg des Meeresspiegels könne man jedenfalls nichts machen. Und auch die Zahl der Stürme nehme zu. „Es gibt eine Studie zu Hundert Jahren Sturmtätigkeit der Nordsee, diese ist von 1970 bis 2000 deutlich angestiegen. Allerdings hat sie von 1900 bis 1930 auch abgenommen, sodass sich hier keine verlässliche Aussage für die Zukunft treffen lässt.“

Detlef Hansen ist Leiter der Verwaltung des Nationalparks Wattenmeer in Tönning (Kreis Nordfriesland). „Vor zwei Jahren haben wir uns mit Natur- und Küstenschützern, Vertretern aus der Region und der Wissenschaft zusammengesetzt und eine Strategie Wattenmeer 2100 erarbeitet. Sie beschreibt Zukunftsbilder bei unterschiedlich schnell steigendem Meeresspiegel und mögliche Anpassungsmaßnahmen, um dem Mensch-gemachten Klimawandel zu begegnen.“ Neben wirksamem globalem Klimaschutz seien Maßnahmen hier vor Ort so zu wählen, dass sie sich in die natürlichen Prozesse des Nationalparks einpassen und die Sicherheit der Menschen gewährleisten. Alles werde dabei von der Verfügbarkeit ausreichender Sedimentmengen abhängen. „Ziel ist, mit dem Meer zu wachsen. Daher ist das Einbringen von Sand aus der Nordsee eine Option auf mittlere Sicht.“ Diese Vorspülungen mit Sedimenten sollen zukünftig dafür sorgen, dass das Watt als Teil des Küstenschutzes in ausreichendem Maße mit dem steigenden Meeresspiegel mitwachsen kann.

Auch die Halligen dienen als Wellenbrecher dem Schutz des Festlands. In dem Unterprojekt „Halligen 2050“ geht es um die Frage, wie dort Wohnen und Wirtschaften in den nächsten Jahrzehnten möglich ist. „Auf jeden Fall sollen auch in Hundert Jahren Menschen sicher auf den Halligen leben – und das werden sie auch“, sagt Hansen. „Wir haben gesagt, wir wollen, dass die Inseln bewohnt bleiben, das bekommt man mit Anpassungsmaßnahmen hin.“ Für jede Warft würden die Rahmenbedingungen überprüft. „Wo liegt sie, wie hoch sind die Warften, wie hoch ist die Bebauung und wie weit von der Kante entfernt?“ Man könne nicht jeden Fall pauschal gleich behandeln. Für jede Warft gebe es eine Risikobewertung und dann Empfehlungen, wie man baulich auf der sicheren Seite sei.

Dieses Ertüchtigungsprogramm zur Erhöhung der Warften gebe Antworten auf die Frage, wie zukünftig auf Halligen gebaut werden kann, damit die Häuser 2050 sicher sind. „Es gibt aktuell schon Planungen für mehrere Warften, deren Häuser so konzipiert sind, dass sie zukunftsfähig sind“, so Hansen.

Auch Matthias Piepgras gehört der Arbeitsgruppe „Hallig 2050“ an. Er weiß, das es bei dem Erhalt alter Häuser Grenzen gibt: „Wir werden nicht darum herumkommen, Warften neu zu erhöhen, aber wo ein altes Haus steht, geht das nur am äußeren Rand. Und das kann man nur begrenzt machen.“ Diese Warften seien nicht hoch genug, um das Wasser immer sicher von den Häusern fernzuhalten. Das sei dann bei Flut wie eine Badewanne, die volllaufe, ein ganz tiefes Haus könne schnell bis zum Dach unter Wasser stehen. „Es gibt Häuser, wo in sechzig bis siebzig Jahren Schluss ist und man einfach sagen muss: So, das muss jetzt abgerissen und höher gebaut werden.“

Dies sei im Übrigen kein neues Phänomen. „Es gehört zur Siedlungsgeschichte der Halligen dazu. Je älter desto tiefer“, so Piepgras. Man habe erst kürzlich bei Grabungsarbeiten im Zuge einer Warft-Erhöhung einen alten Hofplatz gefunden, dabei sei man auf Steine in zwei Meter Tiefe gestoßen.

Sturmfluten bewirken allerdings auch Positives: Die Halligen wachsen durch damit verbundene Sedimentablagerungen. „Je häufiger eine Hallig überflutet wird, desto mehr Möglichkeiten gibt es, dass sich Sedimente ablagern.“ Nordstrandischmoor etwa wachse um 4,2 Millimeter pro Jahr, Langeneß mit 2,2 Millimeter am wenigsten, Hooge um 2,8 Millimeter pro Jahr.

„Es ist die Verbundenheit, man kann der Natur und ihren Gewalten nicht näher sein“, erklärt der geborene Kieler Matthias Piepgras sein Faible für das Leben auf der Hallig. „Wenn man diesen Wunsch nicht hat, ist man hier verkehrt. Man mag es oder nicht.“

Als Halligbewohner müsse man ständig neue Herausforderungen meistern, bereit sein, Altes loszulassen und Neues zu beginnen. Das habe einen ganz besonderen Reiz. Dennoch möchte er sein Haus aus dem 18. Jahrhundert nicht irgendwann selbst abreißen müssen: „Ich hoffe dass mich das nicht mehr trifft.“

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erstellt am 23.Aug.2015 | 18:26 Uhr

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