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Schleswig-Holstein am Sonntag

25. September 2016 | 14:16 Uhr

Hallig Süderoog : Der Postbote aus dem Watt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Knud Knudsen ist Deutschlands einziger Watt-Postbote. Bei Niedrigwasser packt er die Briefe ein und macht sich auf den Weg: Zu Fuß durchs Watt von der Insel Pellworm auf die Hallig Süderoog.

Süderoog | Mit großen Schritten stapft Knud Knudsen durchs Watt. Trödeln darf er nicht – bis zur nächsten Flut muss er wieder zurück sein. Aber er ist gut in der Zeit, die Hälfte hat er schon geschafft. Etwa drei Kilometer liegen noch vor ihm. „Mehr als eineinhalb Stunden darf ich für eine Strecke nicht brauchen“, sagt er, „sonst komme ich nicht mehr rechtzeitig zurück“. Am Horizont zeichnen sich inzwischen die Umrisse von Süderoog ab. Die kleine Hallig in der Nordsee ist sein Ziel. Denn Knud Knudsen ist Watt-Postbote. Zweimal in der Woche läuft er bei Niedrigwasser von Pellworm nach Süderoog, um dort Post auszuliefern – in dem einzigen Haus, das dort auf der Warft steht.

Ungefähr viereinhalb Stunden bleiben ihm für die insgesamt 13 Kilometer lange Strecke von Pellworm bis Süderoog und wieder zurück, wenn er mit auflaufendem Wasser in Pellworm sein will. Einmal musste er auf dem Rückweg von Süderoog wieder umkehren. Er hatte ein Drittel der Strecke geschafft, als er bemerkte, dass das Wasser schon zu hoch stand. „Da bin ich wieder zurück gelaufen“, sagt er.

In der Regel reicht die Zeit, um auf der Hallig noch einen Kaffee zu trinken und einen Schnack mit den Bewohnern zu halten. Seit 2013 sind das Nele und Holger. Das junge Paar lebt alleine auf der Hallig und kümmert sich um den Erhalt der 60 Hektar großen Fläche. Die vielen Fragen nach der Einsamkeit und dem öden Leben im Nirgendwo, die ihnen jeder stellt, der zu Besuch kommt, können die Beiden nicht so recht nachvollziehen. „Wir leben hier wie jeder andere auch – wir müssen vielleicht nur ein bisschen mehr planen und organisieren“, sagt Holger.

So viel Zeit muss sein: Wenn Knudsen (li.) auf der Hallig ankommt, gibt es erst einmal Kaffee – und die neuesten Insel-Nachrichten.
So viel Zeit muss sein: Wenn Knudsen (li.) auf der Hallig ankommt, gibt es erst einmal Kaffee – und die neuesten Insel-Nachrichten.
 

Langweilig wird es ihnen auf Süderoog jedenfalls nicht. Beide sind beim Landesbetrieb für Küstenschutz angestellt. Neben der Instandhaltung des großen Reetdachhauses, das sie bewohnen, kümmern sie sich deshalb auch um den Küsten- und Tierschutz der Hallig, die nicht nur Unesco Weltnaturerbe, sondern auch Vogelschutzgebiet ist. Außerdem haben sie sich einen kleinen Bauernhof zugelegt und kümmern sich um die Verpflegung der Besucher, die während der Wattwanderungen im Sommer auf Süderoog Halt machen.

Viele dieser Tagestouristen bringt Postbote Knudsen mit. Die Wattwanderungen zur Hallig sind beliebt, bei einer Tour waren es über 170 Leute, die alle mit laufen wollten, erinnert er sich. Dem Nordfriesen ist das ganz recht. Er hat gerne Gesellschaft, vor allem von jungen Leuten. „Mit Kindern ist so eine Wanderung toll, die sind so begeisterungsfähig“, sagt er. Von den Erwachsenen könne man das nicht immer sagen. Einmal habe ihn eine Frau auf dem Weg gefragt, wohin sie eigentlich wandern würden. „Die ist einfach mitgelaufen, ohne zu wissen, wohin“, sagt er und schüttelt den Kopf.

Halligbewohner: Nele Wree und Holger Spreer leben seit 2013 auf Süderoog.
Halligbewohner: Nele Wree und Holger Spreer leben seit 2013 auf Süderoog.
 

Wenn die Saison vorbei ist, werden auch die Touristen weniger. Dann ist Knudsen meist allein im Watt. Stören tut ihn das nicht, im Gegenteil. „Ich bin gern allein unterwegs“, sagt er. Eigentlich ist er Wasserbauer von Beruf. Die Touren für die Post macht er nebenbei – nach Feierabend, am Wochenende oder wenn er frei hat. Inzwischen schon seit 14 Jahren.

Krank war so gut wie nie, aber das ist auch kein Wunder. Drei Stunden flottes Marschieren pro Tour – teilweise watend durch hüfthohe Priele, und das zweimal die Woche – das hält fit. Im Gegensatz zu den Halligen Oland und Langeneß, die man mit der Lore ansteuern kann, ist Süderoog nur zu Fuß zu erreichen – oder mit dem Boot.

Knud Knudsen geht zu Fuß. Ein Boot hat er nicht, das sei „viel zu teuer“. Für die Posttouren auf die Hallig bekommt er eine Pauschale, aber viel springt dabei nicht heraus. „Wenn man das umrechnet, komme ich vielleicht auf einen Stundenlohn von fünf Euro“, vermutet Knudsen. Doch ums Geld geht es ihm dabei auch nicht. Er genießt die langen Wanderungen durchs Watt, die Weite, den Wind, das Kreischen der Möwen. „Ich mag das“, sagt der 61-Jährige.

Mit seinem grauen Bart, den zerzausten Haaren und der Lederkette um den Hals sieht er fast wie ein Seebär aus. Doch der Eindruck täuscht, gearbeitet hat er immer an Land. Wenn er sich noch einmal für einen Beruf entscheiden müsste? „Dann würde ich zur See fahren. Ich glaube, das hätte mir Spaß gemacht.“ Sein Traum sei es, einmal mit dem Segelboot um die Welt zu fahren. „Aber das wird wohl nichts mehr“, sagt er und lächelt, „dafür ist es jetzt zu spät.“

Kurs Südwest: Bei Nebel ist Knudsen auf den Kompass angewiesen.
Kurs Südwest: Bei Nebel ist Knudsen auf den Kompass angewiesen.

Trotzdem bereut er nichts. Er fühlt sich wohl auf Pellworm. „Man findet hier immer ein ruhiges Plätzchen, wo man alleine ist. In der Großstadt würde ich eingehen.“ In den Urlaub fährt er selten und wenn, dann höchstens mal für ein Wochenende. Das mit der Post ließe sich zwar arrangieren, – zur Not würden die Briefe per Schiff rübergebracht – aber ganz wohl wäre ihm dabei nicht. „Ich mag nicht wegfahren, wenn ich zu Hause eine Aufgabe zu erledigen habe. Da hab ich keine Ruhe.“

Früher, als er mit dem Austragen anfing, gab es auf Pellworm noch ein richtiges Postamt. Inzwischen hat es zugemacht. „Lohnt sich wohl nicht mehr“, vermutet er. Dafür können die Pellwormer ihre Briefe und Päckchen jetzt in einem Blumenladen abgeben. Auf die Hallig liefert Knudsen aber nicht nur Briefe. In seinem Rucksack hat er schon alles mögliche transportiert, wie zum Beispiel den kleinen Hundewelpen vor ein paar Jahren, den die vorigen Halligbewohner bestellt hatten. Dieses Mal hat Holger ihm ein paar Messer mitgegeben, die sollen geschliffen werden.

Spätestens bei Niedrigwasser muss sich der Watt-Postbote von Süderoog wieder auf den Weg zurück nach Pellworm machen – damit er unterwegs nicht von der Flut überrascht wird.
Spätestens bei Niedrigwasser muss sich der Watt-Postbote von Süderoog wieder auf den Weg zurück nach Pellworm machen – damit er unterwegs nicht von der Flut überrascht wird. Foto: Foto: marcus dewanger (5)
 

Auf dem Rückweg kommt der Wind von hinten, da läuft es sich gleich leichter. Am liebsten ist Knudsen barfuß unterwegs. Nur im Winter, wenn die Nordsee kalt ist, und er wegen der Eisschollen manchmal gar nicht loskommt, zieht er sich hohe Wattstiefel an. In den Prielen steht ihm das Wasser manchmal bis zu den Oberschenkeln. Luftlinie sind es bis zur Hallig nur fünf Kilometer, aber den direkten Weg kann er nicht nehmen. An einigen Stellen sinkt man zu tief im Schlick ein, und in den Prielen gibt es tiefe Stellen, durch die er nicht durchkommt. Als Markierung dienen ein paar dunkle Holzpfähle, die im Watt stecken und die beste Route zeigen.

Mit großen Schritten stapft Knud Knudsen durchs Watt. Seine Tour ist gleich geschafft, man kann schon den Leuchtturm von Pellworm sehen. Am Himmel ziehen Wolken auf, es sieht nach Regen aus.

Schneller läuft Knudsen deswegen nicht. Als Watt-Postbote ist er schlechtes Wetter gewöhnt, auch wenn die Touren bei Sonnenschein im Sommer ihm deutlich lieber sind. „Nützt ja nix“, sagt er und stapft davon.

 

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erstellt am 17.Jan.2016 | 14:40 Uhr

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