zur Navigation springen

EEG : Der große Zählertausch: Stromkunden müssen umrüsten

vom
Aus der Onlineredaktion

Ein neues Gesetz schreibt eine Umstellung aller Stromzähler auf Digitaltechnik vor. Der Nutzen ist höchst umstritten.

Die Energiewende der Bundesregierung erreicht jetzt die deutschen Haushalte. Seit diesem Jahr gilt in der Bundesrepublik das sogenannte Messstellenbetriebsgesetz. Dahinter verbirgt sich die Einführung intelligenter, digitaler Stromzähler in den nächsten 15 Jahren. Was innovativ klingt, bedeutet für den Endverbraucher: Mehrkosten, Gefahren für den Datenschutz. Vorteile sind noch nicht erkennbar.

Die Idee dahinter scheint eher an den Energieriesen orientiert, aber nicht am Verbraucher

Intelligente Stromnetze nützen den Netzbetreibern. Netzkapazitäten können dadurch von Spitzenlastzeiten in lastschwächere Zeiten verschoben und die Energie besser genutzt werden. Denn die nach Wunsch der Bundesregierung wachsende Solar- und Windenergie macht die Stromanbieter wetterabhängig. Intelligente Stromnetze sollen in der Lage sein, Veränderungen in der Stromversorgung und im Stromverbrauch automatisch zu regulieren: Kommt viel Windenergie ins System, können die Leistung von Kraftwerken verringert oder Windparks abgeschaltet werden – und umgekehrt. Die Folge: Künftig könnten die Strompreise sogar tageweise schwanken. Steht viel Strom aus Erneuerbaren Energien zur Verfügung, sinkt der Strompreis. Um darauf reagieren zu können, sind digitale Messgeräte nötig.

Nach Einschätzung von Experten müssen deutschlandweit bis zum Jahr 2032 rund 50 Millionen Zähler getauscht werden. Für Schleswig-Holstein geht „Schleswig-Holstein Netz“ davon aus, dass 723.292 Messeinrichtungen von einer Verpflichtung zum Umbau auf moderne Messeinrichtungen (mME) und weitere 142.715 Messeinrichtungen von einer Verpflichtung zum Umbau auf intelligente Messsysteme (iMS) betroffen sein werden.

Das mME wird bei Haushalten mit einem Verbrauch von bis zu 6000 Kilowattstunden pro Jahr eingebaut werden – in Privathaushalten also. Die Kunden müssen hierfür 20 Euro im Jahr berappen. Diese Kosten können vollständig auf den Mieter umgelegt werden. Wer mehr als 6000 Kilowattstunden pro Jahr verbraucht, bekommt hingegen ein iMS. Der Unterschied: Die Zähler in den Privathaushalten müssen auch weiterhin manuell am Display abgelesen werden – einmal pro Jahr. Intelligente Messsysteme mit dem sogenannten Gateway funken hingegen alle 15 Minuten ihre Daten an den Netzbetreiber. Können der Mieter und der Einfamilienhausbesitzer per PIN am Display ihren Verbrauch ablesen, erhalten Großkunden Zugang zu einer Internetplattform. Beide können dank der digitalen Zähler beispielsweise erfahren, wie sehr die Party am Wochenende den Stromverbrauch verändert hat.

Doch rechtfertigt dieser Service das Datenschutz-Risiko?

Schließlich ermöglicht die Analyse den Netzbetreibern einen detaillierten Einblick in das Verbrauchsverhalten der einzelnen Haushalte. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen bezeichnet diese Pläne als „Zwangsdigitalisierung“ deutscher Haushalte. „Verbraucher sollten selbst entscheiden können, ob sie dem Einbau digitaler Stromzähler zustimmen“, heißt es aus dem Bundesverband. Doch der Gesetzgeber habe nicht darauf gehört.

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ weiß zu berichten: „In einer vom Verbraucherzentrale-Bundesverband in Auftrag gegebenen Untersuchung sprachen sich die Befragten mehrheitlich dagegen aus: 70 Prozent lehnten die neuen Zähler ab. Die Hälfte der Befragten sorgt sich um die Sicherheit ihrer Daten. 38 Prozent scheuen die zusätzlichen Kosten, die mit dem Einbau verbunden sind.“

Der Eigentümerverband Haus & Grund geht davon aus, dass durch die Einführung der neuen Geräte der Strom pro Haushalt jährlich um bis zu 100 Euro teurer wird. „Es ist kaum mehr glaubhaft, wenn die Bundesregierung die hohen Wohnkosten beklagt und parallel das Wohnen mit solchen Projekten immens verteuert“, kommentiert Kai Warnecke, Hauptgeschäftsführer des Verbandes, das neue Gesetz. Die Kosten und die von der Bundesregierung erwarteten Einsparungen pro Haushalt stünden nicht ansatzweise in einem vernünftigen Verhältnis. Auch Verbraucherzentrale-Bundesverband-Vorstand Klaus Müller sagt: „Es kann nicht sein, dass Verbraucher Kosten tragen, aber keinen Nutzen haben werden.“

Die Kritiker bezweifeln außerdem den Nutzen des Projekts für die Förderung der Energiewende. „Dieses Vorhaben ist auch klimapolitisch und ökonomisch vollkommener Nonsens und muss ersatzlos gestrichen werden“, so Warnecke. Als große Profiteure sieht er die Stromanbieter, die mithilfe der so gewonnenen Daten ihre Rendite optimieren könnten.

Auch IT-Sicherheitsarchitekt Klaus J. Müller erklärt: „Wenn die Speicherung der Daten beim Energieversorger, beim Verteilnetz- oder Messstellenbetreiber erfolgt, kann der Nutzer nicht mehr beeinflussen, was mit den Daten passiert.“ Christine Pinnow von Schleswig-Holstein Netz beruhigt: „Datenschutz ist von zentraler Bedeutung. Die intelligenten Messsysteme enthalten ein Sicherheitsmodul. Damit werden alle Kommunikationsverbindungen verschlüsselt.“ Die hohen Anforderungen des BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) würden erfüllt. Ein intelligentes Messsystem habe ein höheres Sicherheitsniveau als ein EC-Geldautomat. Und vor allem: „Die modernen Messeinrichtungen erheben nur die Daten, die schon die alten Zähler erhoben haben. Hier ändert sich nichts.“

Für Schleswig-Holstein steht die Umrüstung im Herbst diesen Jahres an. Start ist bei den Großkunden, die die intelligenten Systeme erhalten werden. Privatkunden erhalten dann zunächst „nur bei einem Neubau beziehungsweise einem Turnuswechsel eine moderne Messeinrichtung“, lässt Schleswig-Holstein Netz wissen. Der Wechsel bei den meisten Privatkunden werde so weit nach hinten geschoben, dass schon einige Erfahrungswerte vorlägen, und mögliche Anfangsschwierigkeiten ausgeräumt werden könnten. „Wir haben hierfür Zeit bis 2032.“

zur Startseite

von
erstellt am 04.Feb.2017 | 17:53 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen