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Schleswig-Holstein am Sonntag

03. Dezember 2016 | 07:56 Uhr

Geburtsstationen : Der große Kreißsaal-Schwund in Schleswig-Holstein

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Besonders in Nordfriesland und Ostholstein müssen Schwangere weit fahren. Wie sieht die Zukunft der Geburtshilfe aus?

Zuletzt gingen in Wyk auf Föhr die Lichter aus. Im Oktober 2015 machte das Klinikum Nordfriesland die Geburtsstation der Inselklinik dicht. Die Meldung kam überraschend, insgesamt reiht sie sich aber in eine Serie von Schließungen ein. Allein fünf Entbindungsstationen in Schleswig-Holstein wurden in den vergangenen fünf Jahren zugemacht. Und eine weitere wackelt: Wie der Verband der Ersatzkassen in seinem Report meldet, steht auch die Geburtshilfe in Niebüll zur Debatte – das Klinikum Nordfriesland erwäge eine Schließung zum 1.1.2017.

„Untragbare Haftungsrisiken“ werden von den Kliniken meist als Gründe genannt. So war der Sargnagel für den Föhrer Kreißsaal laut Geschäftsführung ein Gutachten, nach dem Standards der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe nur ansatzweise erfüllt waren. Unter anderem wurde die Laborversorgung und die für Notfälle erforderliche kinderärztliche Versorgung bemängelt. Außerdem üben Gutachter bei kleinen Geburtsstationen Kritik an den geringen Fallzahlen und die dadurch eingeschränkte Praxis von Ärzten und Hebammen. Das gefährde das Wohl von Frauen und Kindern.

Der Hebammenverband Schleswig-Holstein sieht den Hauptgrund aber woanders. „Geburtshilfe lohnt sich für die Kliniken nicht, andere Abteilungen sind viel lukrativer“, sagt die Vorsitzende Margret Salzmann. Die Kreißsäle fielen dem Rotstift zum Opfer.

Mitte der Neunziger Jahre gab es in Schleswig-Holstein noch 34 Kliniken mit Geburtsstationen. Mittlerweile ist die Zahl um ein Drittel geschrumpft. In nur noch 21 Krankenhäusern stehen die Kreißsaal-Türen für werdende Mütter offen. Gleichzeitig wurden in Schleswig-Holstein immer weniger Babys geboren: Kamen 1990 noch etwa 30  000 Kinder zur Welt, waren es im Jahr 2010 nur noch knapp 23  000. Bis 2025 wird ein weiterer Rückgang um 13 Prozent vorausgesagt. Weitere Faktoren, die den Kreißsälen das (Über-)Leben schwer machen, sind der Ärzte- und Pflegekraftmangel, der insbesondere in ländlichen Gebieten die Besetzung von Stellen erschwert.

Die Schließung von Geburtsstationen hat dazu geführt, dass die Anfahrtswege in einigen Bereichen des Landes weit geworden sind. Auf dem Festland – dies betrifft 99 Prozent der Geburten – kann bei normalen Straßenverhältnissen von jeder Gemeinde aus innerhalb von 45 Minuten eine Entbindungsklinik erreicht werden, vermeldet die Landesregierung im aktuellen Bericht zur Geburtshilfe. Doch gleichzeitig werden „zunehmende Versorgungsprobleme in Ostholstein und Nordfriesland“ eingeräumt.

 

Als „unheimlich kritisch“ bewertet auch der Hebammenverband die dortige Situation. „Die Frauen müssen lange Wege in Kauf nehmen“, sagt Salzmann. „Beim ersten Kind mag die Zeit noch reichen, bei weiteren kann es eng werden. Wenn schlechte Witterung dazukommt, schaffen sie es nicht mehr rechtzeitig“, warnt sie. Die Folge: Kinder werden häufiger im Rettungswagen geboren. So eine Geburt wünscht sich keine Frau.

Abhilfe soll in den Problem-Regionen Nordfriesland und Ostholstein das sogenannte Boarding schaffen. Risikoschwangere oder werdende Mütter mit weiten Wegen zur nächsten Klinik haben die Möglichkeit, für bis zu zwei Wochen vor dem Geburtstermin in Krankenhausnähe untergebracht zu werden. Für den Hebammenverband ist das keine Lösung – zu sehr belaste das Verlassen der gewohnten Umgebung so kurz vor der Geburt Mutter und Familie.

Im europäischen Vergleich landet Deutschland bei der Qualität der Geburtshilfe nur im Mittelfeld. Insbesondere im Vergleich zu Nordeuropa habe Deutschland mehr und kleinere geburtshilfliche Einrichtungen, mehr Frühgeburten, eine höhere Kaiserschnittrate und erreiche insgesamt schlechtere Ergebnisse bei Säuglingssterblichkeit
und Müttersterblichkeit, schildert Prof. Rainer Rossi, der in Berlin eine Kinderklinik leitet und als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin auch mit Vertretern der Kieler Landesregierung über das Thema Geburtshilfe im Austausch steht. Rossi sieht die Zukunft in einer „Regionalisierung der Geburtshilfe“, sprich: weniger, aber größere Stationen. Mindestfallzahlen sollen festgelegt werden. Dann könnte es schnell eng werden für so manchen Kreißsaal im Land.

Dagegen argumentiert der Hebammenverband: „Die guten Ergebnisse in den nordischen Ländern haben ihre Begründung nicht in der zentralisierten Medizin, sondern in den besseren sozialen Bedingungen und in besser gesicherten Lebensumständen.“ Die Geburtshelferinnen geben zu bedenken, dass je vereinzelter Schwangere leben – je schwächer das soziale Netz, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit einer Frühgeburt. „Es hat also psychosoziale Ursachen und keine medizinischen“, heißt es in einem Schreiben des Verbandes an den Sozialausschuss des Landtags.

Geburtshilfe in Deutschland muss neu gedacht und vor allem neu gestaltet werden – da sind sich alle einig. Doch während Ersatzkassen, Gutachter und Mediziner-Verbände auf die Zusammenlegung zu Geburtszentren mit Top-Ausstattung setzen, geht der Appell der Hebammen in die andere Richtung. „Wir müssen weg vom Risikodenken, hin zum verantwortungsvollen Zutrauen“, schreibt Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, in der Fachzeitschrift „Hebammenforum“. Der Schlüssel für eine normale Geburt liege in der vertrauensvollen Zusammenarbeit der Hebamme mit der Frau, die möglichst früh in der Schwangerschaft beginnen sollte. Auch diese Betreuung ist gefährdet. Denn wird ein Kreißsaal in einer Region geschlossen, bedeutet das häufig auch den Verlust des Arbeitsplatzes für Hebammen in der Umgebung, die neben ihrer Freiberuflichkeit in der Klinik tätig sind. „Der Mangel an Hebammen wird sich proportional zu den Schließungen der geburtshilflichen Abteilungen entwickeln“, warnt der Verband. Im Kreis Stormarn sei diese Entwicklung bereits zu beobachten.

Die Schließung von Geburtsstationen wird als Steigerung der Patientensicherheit verkauft. Doch man muss sich fragen: Was zählt mehr – die wohnortnahe Versorgung oder eine Top-Ausstattung im Kreißsaal? In Eckernförde haben die Einwohner und Hebammen vor drei Jahren ein Zeichen gesetzt. Mit einer starken Kampagne konnten sie die drohende Schließung der Geburtsstation abwenden. Aber nicht immer helfen Banner und Demos, wie die Beispiele Sylt und Föhr in den Folgejahren zeigten.

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erstellt am 23.Apr.2016 | 17:57 Uhr

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