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Schleswig-Holstein am Sonntag

10. Dezember 2016 | 12:00 Uhr

Deutsche Nationalhymne : Das Lied der Deutschen feiert 175. Geburtstag - Festakt auf Helgoland

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jubiläum: Vor 175 Jahren dichtete August Heinrich Hoffmann von Fallersleben die deutsche Nationalhymne auf Helgoland.

„Wenn ich so wandelte einsam auf der Klippe, nichts als Meer und Himmel um mich sah, da ward mir so eigen zu Muthe, ich mußte dichten“ - so berichtet August Heinrich Hoffmann von Fallersleben in seinen Lebenserinnerungen über seinen Aufenthalt 1841 auf der Hochseeinsel Helgoland. Dort vollendete er am 26. August vor 175 Jahren das „Lied der Deutschen“, dessen dritte Strophe die heutige Nationalhymne ist.

An Freitag feiert Helgoland dieses Jubiläum mit einem Festakt auf dem Nordseeplatz, auf dem eine Büste an den Dichter erinnert. Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874) sei auch für die Helgoländer eine zentrale Figur, sagt der Bürgermeister der Insel, Jörg Singer.

Erwartet wird eine größere Delegation aus Fallersleben, der Heimat des Dichters, die heute ein Teil der niedersächsischen Stadt Wolfsburg ist. Die Gäste wollen ein eigens gebrautes Festbier mit auf die Insel bringen. Der frühere SPD-Vorsitzende Björn Engholm ist als Festredner eingeladen. Der Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Werner Gatzer, will eine Sonderbriefmarke und eine Gedenkmünze übergeben.

Auf Hoffmanns Spuren

Ein Besuch im Geburtsort des Dichters: Ein wenig mürrisch blickt er von seinem Sockel herab, als ahnte er, dass ihn die Nachwelt mit gemischten Gefühlen betrachtet. Lange Mähne, Vollbart, die Augen voll Feuer, spöttischer Zug um die Mundwinkel – ein streitbarer Geist, unangepasst. Ein schlichtes „Heinrich Hoffmann von Fallersleben, 1798 – 1874“ ist in den Sockel eingemeißelt.

<p>Büste von Hoffmann von Fallersleben in Fallersleben bei Wolfsburg.</p>

Büste von Hoffmann von Fallersleben in Fallersleben bei Wolfsburg.

Foto: Imago/Werner Otto
 

Die schwerhäuptigen Fallersleber Eichen haben Hoffmans Wiege schon bewacht, als Wolfsburg auf Führer-Geheiß noch „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ hieß. Hoffmans Geburtshaus birgt, wie schon zur Kindheit des „Deutschlandlied“-Dichters, einen Gasthof. Eine Balkeninschrift an der Fassade des liebevoll restaurierten Fachwerkgebäudes zeugt vom Ungeist, der einst durch deutsche Lande wehte: Der in Blattgold gepinselte Größenwahn „Deutschland, Deutschland über alles ...“

Fallerslebens Altstadtkern suggeriert Heimat, Nostalgie, Vertrautheit: Viel schwarzweißes Fachwerk, viele Spitzendeckchen mit einem blau eingestickten „Einigkeit und Recht und Freiheit“, viele Kunsthandwerksstuben und Boutiquen unter altem Gebälk. Ein China-Mann, ein Ungarn-Grill, ein Dart- und ein Yachtclub haben sich dazwischengemogelt.

Brote, ein Chor, die Schule: Hoffmann überall

Aber Hoffmann dominiert. Schon an den Ortseingängen grüßt der prominente Bartträger den Besucher: „Willkommen in der Hoffmannstadt!“ Die Realschule, ein Chor und ein Lionsclub tragen seinen Namen. Bäckereien backen Hoffmann-Brote. Das Restaurant im Hoffmann-Haus hat eine „Hoffmannpfanne“ auf der Speisekarte – Schwein, Rind und Pute mit „viel Grillspeck“. Vor dem alten „Brauhaus“ schlürfen Touristen in der Sonne Hoffmann-Bier.

Einen Steinwurf vom Hoffmann-Haus entfernt jagen Schwalben um den kupfernen Turmhelm der klassizistischen Michaeliskirche. Ganz in der Nähe, zwischen denkmalgeschützten Laubbäumen, erhebt sich das Fachwerkschloss am Schlossteich. Seit 1991, fast so lange wie Einigkeit und Recht und Freiheit im ganzen Deutschland gelten, empfängt hier das Hoffmann-von-Fallersleben-Museum die Gäste aus aller Welt. Rechtzeitig zum Jubiläum hat die Auto-Stadt das Museum aufgepeppt und modernisiert.

Text: Die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland

Einigkeit und Recht und Freiheit
für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben,
brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
sind des Glückes Unterpfand:
Blüh im Glanze dieses Glückes,
blühe, deutsches Vaterland!

 

Bis zu 40.000 Touristen inspizieren alljährlich das Renaissance-Gemäuer, darunter viele Schulklassen. Sie bestaunen die unzähligen Artefakte hinter Glas: Hoffmanns Sparbüchse, seine Brieftasche mit Goldinschrift, seine Prunkuhr, seine Visitenkarte, der Konzertflügel der Ehefrau Ida, die Schleife von seinem Tauf-Häubchen.

Hoffmann - schon zu Lebzeiten ein Popstar

Auf einer Zeitreise lernen die Besucher den kleinen Fallersleber Jungen ebenso kennen wie den oft unglücklich verliebten Germanistik-Studenten in Bonn, Göttingen, Weimar und Jena, den Wissenschaftler in Breslau, den Bibliothekar in Corvey und den Kämpfer der Freiheits- und Einheitsbewegung im Vormärz. „Hoffmann war schon zu Lebzeiten ein Popstar“, sagt die Berliner Politikwissenschaftlerin Gabriele Henkel, Vize-Chefin des Museums.

550 Lieder stammen aus seiner Feder. „Er war einer der am meist vertonten Dichter des 19. Jahrhunderts.“ Ein bereits 1876 veröffentlichtes Verzeichnis nennt sogar mehr als 1500 Werke. 80 davon hat Hoffmann selbst vertont, den Rest seine Kumpels: Brahms, Schumann, Liszt, Mendelssohn-Bartholdy. Hoffmann traf sie alle. „Wer hat die schönsten Schäfchen?“ Der Mann aus Fallersleben natürlich. „Alle Vögel sind schon da“, „Kuckuck, Kuckuck“, „Summ, summ, summ“, „Winter ade“, „Morgen kommt der Weihnachtsmann“.

<p>Das Geburtshaus von Fallersleben in Fallersleben.</p>

Das Geburtshaus von Fallersleben in Fallersleben.

Foto: Imago/Werner Otto

Die Franzosenzeit in Fallersleben prägt ihn nachhaltig. Der ländliche Flecken gehört zum Königreich Westphalen unter Napoleons Bruder Jérôme. Preußen, Schweden und Franzosen ziehen marodierend durch die Gassen. Zeitlebens kämpft Hoffmann gegen die „Unterdrückung der Wahrheit und jeder ... freisinnigen Regung“.

Irgendwann hat er Fürstenwillkür und Ständegesellschaft satt. 1841 geißelt der selbst ernannte Berufsquerulant in seinen „Unpolitischen Liedern“ Kleinstaaterei, Adelsherrschaft, Zensur und Polizeibespitzelung. Die bissige Schelte trifft den Nerv der Zeit und die Nerven der Herrschenden. Der Professor für Sprache und Literatur in Breslau wird gefeuert, bespitzelt, steckbrieflich gesucht. Er landet auf der Straße, geht ins Exil.

Dichten, um unglückliche Liebe auszukurieren

Hoffmann flüchtet auf das damals noch englische Helgoland. Er geht auf Hummer- und Haifischfang, beobachtet das Begräbnis eines politischen Flüchtlings. Nach einem ordentlichen Saufgelage mit Patrioten vom Festland fühlt er sich „sehr verwaist“. Ebbe und Flut der Gefühle: Hoffmann hat eine unglückliche Liebe auszukurieren. Wieder einmal zu einer adeligen Dame, die er als Bürgerlicher nicht erreichen konnte: „Da ward mir so eigen zu Muthe. Ich musste dichten...“ So entsteht am 26. August 1841 auf dem roten Felsen das Deutschlandlied.

<p>Briefmarke der Deutschen Bundespost aus dem Jahr 1991 mit einem Porträt von Hoffmann von Fallersleben.</p>

Briefmarke der Deutschen Bundespost aus dem Jahr 1991 mit einem Porträt von Hoffmann von Fallersleben.

Foto: Imago/Schöning
 

Drei Tage später offeriert der Exilant dem Verleger Campe während eines Strandspaziergangs das Lied: Stolz liest er den Text vor. „Noch ehe ich damit zu Ende bin, legt mir Campe vier Louisdor auf meine Brieftasche.“ Der Verleger wittert ein gutes Geschäft: „Kann ein Rheinlied werden.“ Am 4. September überbringt Campe dem Dichter auf Helgoland den Erstdruck. Ausgerechnet mit Haydns Kaiser-Quartett, der Lobpreisung auf einen Monarchen: „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ von Österreich. Einen Monat später, am 5. Oktober 1841, ertönt das Lied erstmals öffentlich bei einem Fackelzug auf dem Hamburger Jungfernstieg.

Mit der – heute verbannten – Textzeile „Deutschland, Deutschland über alles“ zu Beginn der Hymne brachte Hoffmann seinen Wunsch nach einer vereinten Nation zum Ausdruck. Aus damaliger Sicht eine Utopie: Deutschland war zersplittert in 39 Einzelstaaten, die sich 1815 auf dem Wiener Kongress im Deutschen Bund zusammengeschlossen hatten.

An Hoffmanns Vermächtnis scheiden sich die Geister

Die Karriere seines Liedes zur Nationalhymne hat Hoffmann nicht mehr erlebt. 1860 übernimmt er das Amt des Bibliothekars in der fürstlichen Bibliothek von Schloss Corvey. Das Familienglück mit Frau und Kind währt nur ein paar Monate. Ehefrau Ida stirbt noch im selben Jahr nach einer Totgeburt. Der frühe Tod trifft Hoffmann hart. Trost findet er in seinem Sohn Franz (1855 – 1927), der später als Landschaftsmaler reüssiert. Am 19. Januar 1874 raffen zwei aufeinander folgende Schlaganfälle Hoffmann dahin. 4000 Menschen folgen dem Sarg bei der Beerdigung auf dem Klosterfriedhof von Corvey.

Erst 1922, 81 Jahre nach seiner Entstehung, erhebt die sozialdemokratische Regierung unter Reichspräsident Friedrich Ebert das „Deutschlandlied“ zur Nationalhymne. Ab 1933 wehen Hakenkreuze am Hoffmannhaus in Fallersleben: Seither scheiden sich an Hoffmanns Vermächtnis die Geister: Heinrich Böll fand die Zeilen immer nur „peinlich“, Golo Mann erkannte in dem Lied „zarte Lyrik“. Kurt Tucholsky bezeichnete die erste Strophe als „törichten Vers eines großmäuligen Gedichts“.

<p>Büste von Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland.</p>

Büste von Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland.

Foto: Imago/Imagebroker
 

Auch Bundespräsident Heuss hätte das Lied gern ganz aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen gestrichen. Von den Nazis missbraucht, von den Alliierten verboten, von vielen geschmäht, wird das Lied 1952 dennoch zur Nationalhymne bestimmt. Nach dem Mauerfall ist die dritte Strophe auch die Hymne des wiedervereinigten Deutschlands. Sie erklingt bei jedem Olympiasieg für deutsche Sportler, bei jedem Staatsbesuch und an jedem Tag der deutschen Einheit.

Die Deutsche Post bringt im Oktober eine Sonderbriefmarke heraus, das Bundesfinanzministerium eine 20 Euro-Silbermünze. Fallersleben ehrt seinen berühmtesten Sohn mit diversen Theateraufführungen, musikalischen Soireés, Dichterlesungen und Jubiläumskonzerten. Jörg Singer (49), Helgolands Bürgermeister, erwartet Staatsgäste vom Festland. Schäubles bester Mann habe sich schon angekündigt: „Staatssekretär Werner Gatzer.“ Mehr will die Landratte aus Konstanz noch nicht verraten. Nur soviel: Auf Hoffmanns Eiland wird ein Quartett Haydn streichen.

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erstellt am 26.Aug.2016 | 10:05 Uhr

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