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Schleswig-Holstein am Sonntag

09. Dezember 2016 | 20:21 Uhr

Bürgermeister Krebschull : Attacke in Oersdorf: Das Dorf, der Hass und ein Haus

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach dem Anschlag auf Bürrgermeister Joachim Krebschull ist der Ort gespalten. Ein Überblick.

Es wirkt weder wie ein Schandfleck noch wie ein Fremdkörper: das alte Bauernhaus in der Mitte des Dorfes. Auch wenn der inzwischen verwilderte Garten deutlich von den akkurat gestutzten Rasenflächen angrenzender Einfamilienheime absticht. Das Wragesche Haus gehört zu Oersdorf wie Laubbaum und Speichenrad zum Gemeindewappen. Und doch machen viele der 874 Einwohner einen Bogen um das Gebäude – auch 48 Stunden nach dem brutalen Knüppelangriff auf Bürgermeister Joachim Krebschull (parteilos). Die Menschen in dem kleinem Ort im Hamburger Speckgürtel sind sich einig: Es muss einer von ihnen gewesen sein, der zuschlug.

Ein Unbekannter hatte Kebschull am Donnerstagabend mit einem Knüppel oder Kantholz vor einer Ausschusssitzung der Gemeinde im Kreis Segeberg niedergeschlagen. Zuvor waren an den 61-Jährigen rassistische Parolen und Bombendrohungen adressiert worden, sechs Polizisten mussten die Sitzung sichern.

Vergiftete Dorf-Atmosphäre

Die Polizeiermittlungen in Oersdorf dauern an.
Die Polizeiermittlungen in Oersdorf dauern an. Foto: Georg Wendt

Zulange schon hat der Streit um die Zukunft des Bauernhauses das Dorf, indem eigentlich jeder jeden kennt, entzweit; Anschuldigungen über das „Immobiliengeschacher“ hinter verschlossenen Hinterzimmertüren die Atmosphäre vergiftet. Dabei wird die Gemeinde seit über 30 Jahren von einer Wählervereinigung geführt. Zorn auf „abgehobene Politiker“ und eine Trennung in „die da oben“ und „wir hier unten“ sind für die ehrenamtlich Aktiven nicht zu verstehen, beteuert Winfried Mündlein, früher selbst Bürgermeister in Oersdorf. Allerdings: Eine Kneipe oder einen Laden gibt es hier nicht mehr. Züge und Busse des Hamburger Nahverkehrs bringen die Menschen in die Stadt.

Trotzdem ist auch für Ratsmitglied Markus Kohrt der Hass unverständlich. Der 41-Jährige hätte aus Solidarität mit den Nachbargemeinden gern Flüchtlinge in dem Bauernhaus aufgenommen, scheiterte allerdings mit seinem Antrag bereits im August 2015. „Bei den Drohbriefen klang immer an, dass heimlich Beschlüsse gefasst werden sollten, aber das war nicht so“ sagt Kohrt. Doch offenbar glaubten nicht alle an das Ende der Pläne. Seit Juli gingen bei Krebschull Drohungen ein, warnten vor dem Bau einer „Asylunterkunft“ im Dorf und kündigen Gewalt an. Der 61-Jährige informiert Bürger und Polizei. Am vergangenen Donnerstag eskalierte die Situation. Immerhin, der Gemeindeausschuss reagierte furchtlos: Eine Architektin stellte trotz des feigen Anschlages – wie vorgesehen – die Pläne für den Umbau des Bauernhauses vor. Von den vier Wohnungen sollen zwei barrierefrei und somit für Senioren geeignet sein.

Die Polizei ermittelt weiter auf Hochtouren, betont jedoch mit Blick auf ein möglicherweise rechtsextremes Motiv, Spuren noch in alle Richtungen zu verfolgen. Dies gelte, auch wenn der für politisch motivierte Straftaten zuständige Staatsschutz eingeschaltet wurde – und sich laut Innenminister Stefan Studt (SPD) „diese Richtung wegen des Ablaufs der vergangenen Wochen aufdrängt“.

Spirale der Gewalt

Gerhard Ulrich. /Archiv
Gerhard Ulrich. /Archiv Foto: Daniel Bockwoldt
 

Der Landesbischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich, sieht inzwischen auf vielen Ebenen eine politische Verrohung der Gesellschaft. „Da wird mir angst und bange“, so Ulrich in Kiel. „Ich merke, dass die Schwelle, einander zu entwürdigen, in den vergangenen Jahren niedriger geworden ist als es gut ist für unser Zusammenleben.“ Gerade die Flüchtlingsdiskussion sei ein Beispiel dafür, bestätigt Anatol Stefanowitsch. Der Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin führt als Beispiel an: „Die Formulierung – Wir können hier nicht alle aufnehmen – klingt erstmal harmlos, denn erstmal ist das ja wahr“, so Stefanowitsch weiter gegenüber shz.de. Es stehe aber nicht tatsächlich zur Diskussion, dass die Bundesrepublik alle 70 Millionen Menschen auf der Flucht aufnehmen könnte. „Dieser Satz wird in den Diskurs gebracht, um zu behaupten, dass es bereits jetzt zu viele seien.“ Das aber bleibe unausgesprochen. „Auch das hat mit Verrohung zu tun.“

Eine Entwicklung, die auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière sieht. Der CDU-Politiker beklagte „eine Tendenz zur Verrohung der Sprache, die dann in Gewalt und Hass umschlägt". Dieser Entwicklung müsse durch handfeste Maßnahmen und eine gesellschaftliche Debatte“ entgegengewirkt werden, so de Maizière, der schon länger für härtere Strafen kämpft. Doch längst werden Gewalttaten nicht nur vom „harten Kern“ rechts- oder linksextremistischer Gruppierungen aufgeführt.

In Escheburg (Kreis Herzogtum-Lauenburg) war es ein im Ort angesehener Finanzbeamte und Familienvater, der mit einem Kanister Pinselreiniger eine gerade fertig gestellte Asylunterkunft anzündete, um zu verhindern, dass dort sechs Flüchtlinge aus dem Irak einziehen.

Am 9. Februar wurde auf das Haus ein Brandanschlag verübt.
Am 9. Februar wurde auf das Haus ein Brandanschlag verübt. Foto: Timo Jann
 

Vor Gericht präsentierte sich der Mann mit dem korrekt gestutzten Bart und der sanften Stimme als Stellvertreter für die Wut seiner Nachbarn, als einer, der nicht allein war, obwohl er nun allein auf der Anklagebank saß. „Alle mit Kindern hatten Angst, die Frauen weinten“, so Kim-Alexander M. in seiner Verteidigung: „Wir waren verzweifelt, dass so wenig Rücksicht auf uns Bürger genommen wird. Mit Ausländerfeindlichkeit hat das nichts zu tun.“

Suche nach Ursachen

Gerade Sätze wie diese stoßen bei Ralf Stegner auf Empörung. „Die Art und Weise, wie fremdenfeindliche und rassistische Gruppierungen Angst und Ressentiments in der Bevölkerung schüren und gegen Flüchtlinge und Zuwanderer hetzen, führt zu einer Verrohung der Debatte. Rechtspopulisten wie die AfD nutzen diese Situation schamlos aus; es wird deutlich, was sie in Wirklichkeit sind: Wölfe im Schafspelz. Gerade angesichts dieser Entwicklung ist es wichtig, dass wir dagegen Flagge zeigen. Demokratie darf sich nicht einschüchtern lassen!“, so der Chef der Nord-SPD nach dem Anschlag von Oersdorf.

Für Wolfgang Kubicki liegt die Ursache für die Gewalttaten in den Gemeinden auch im Versagen der Asylpolitik von Land und Bund. Der Chef der FDP-Landtagsfraktion analysierte gestern: „Was auch immer in dem Täter vorgegangen sein mag: Für einen solch schrecklichen Angriff gibt es keinerlei Rechtfertigung. Es ist ein hinterhältiges, feiges Attentat – noch dazu äußerst brutal ausgeführt. Den Täter muss die volle Härte des Rechtsstaates treffen. Tatsache ist aber leider auch, dass dies kein Einzelfall ist: In vielen Gemeinden in Deutschland werden Bürgermeister und Mitarbeiter wegen der Asylpolitik angefeindet. Es gibt bedauerlicherweise Menschen, die ihre Grenzen nicht mehr kennen. Ich habe immer davor gewarnt, die Verantwortlichen vor Ort mit den Problemen der Flüchtlingspolitik allein zu lassen. Egal, wie man zur Flüchtlingspolitik steht, es braucht den Mut der Anständigen, künftige Gewalttaten zu verhindern und die Täter zu ächten.“

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erstellt am 02.Okt.2016 | 11:03 Uhr

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