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Schleswig-Holstein am Sonntag

04. Dezember 2016 | 15:23 Uhr

Sicherheitsdebatte : Angst und Inszenierung: Europa und der Terror

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Angst der Menschen in Europa steigt. Die Bilder des Terrors sind allgegenwärtig. Dabei stand der Kontinent schon oft im Fokus von Terroristen – selten war es in den letzten Jahrzehnten so sicher in Europa wie heute.

Auf dem Rückflug von Mallorca nach Frankfurt bringt ein palästinensisches Terror-Kommando die Lufthansa-Maschine „Landshut“ in seine Gewalt. Die Männer – unter ihnen hochrangige Vertreter der von Jassir Arafat geführten PLO – wollen die Freilassung zweier Palästinenser sowie von elf Mitgliedern der Roten Armee Fraktion (RAF) erpressen. Sie schicken die Maschine auf eine Odyssee – vom französischen Luftraum nach Dubai, dann in den Jemen und schließlich nach Somalia. Der Kapitän wird erschossen. 82 Passagiere bangen 108 Stunden um ihr Leben. Von den Terroristen werden sie geschlagen, getreten und mit Benzin übergossen. Die Sprengung des Flugzeuges wird auf dem Rollfeld des Flughafens in Mogadischu vorbereitet, bevor die GSG9 dem Horror letztlich doch noch ein Ende setzt.

Die Entführung der „Landshut“ – in deren Folge Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer umgebracht wird, und die führenden Köpfe der RAF Selbstmord in ihren Zellen begehen – gilt als Höhepunkte des deutschen Herbstes. Die alte Bundesrepublik – fest im Griff der Terror-Angst.

Deutscher Herbst: Hans Martin Schleyer wurde von der RAF entführt und ermordet.
Deutscher Herbst: Hans Martin Schleyer wurde von der RAF entführt und ermordet. Foto: dpa
 

Und heute kehrt diese Angst zurück. 39 Jahre später. Die Nachrichten der vergangenen Wochen nagen an den Nerven der Deutschen. Einer Studie der R+V-Versicherungen zufolge sind die Ängste der Bundesbürger noch nie innerhalb eines Jahres so dramatisch in die Höhe geschnellt wie jetzt. In der seit 25 Jahren durchgeführten Befragung dominiert die Furcht vor terroristischen Anschlägen erstmals das Sorgen-Ranking des Versicherers. Politiker diskutieren über schärfere Kontroll- und Sicherheitsgesetze, über den Einsatz der Bundeswehr im Inneren; kaum ein Vorschlag der vergangenen Jahre zum Thema Sicherheit und Überwachung, der nun nicht wieder Konjunktur hat. Paris, Würzburg, Nizza, Ansbach fordern es schließlich ein, so könnte man glauben. Dabei ist Europa heute so sicher wie selten in seiner Geschichte. Das zeigt der Blick in frühere Jahrzehnte.

Umstrittene Begriffe: Was ist Terror?

Eine einheitliche Definition von „Terror“ oder „Terrorismus“ existiert nicht. Auch das macht die Auseinandersetzung mit dem Thema kompliziert. Ob Taten als Terrorismus deklariert werden, hängt oftmals von der politischen Perspektive ab.

Fälle wie der des  Norwegers Anders Behring Breivik machen dies deutlich. Breivik wurde als Terrorist verurteilt. Viele Autoren machen jedoch geltend, dass es sich letztlich bei ihm um einen gewöhnlichen Massenmörder handelt. Sie begründen dies unter anderem damit, dass  die terroristische Vereinigung, die „Knights Templar“, deren Ziele Breivik vorgab zu verfolgen, nur in seinem Kopf existierte.

Im weitesten Sinne wird Terrorismus heute als Gewaltanwendung – auch gegen Zivilisten –  beschrieben, die dazu gedacht ist, politische, religiöse oder ideologische Veränderungen herbeizuführen. In der Vergangenheit wurde zudem diskutiert, inwieweit bei islamistischen Terrorismus von einem neuen Terrorismus zu sprechen sei, der gegen einen alten Terrorismus abzugrenzen ist. Verschiedene Autoren haben allerdings darauf hingewiesen, dass sich die meisten Merkmale islamistischen Terrors auch schon bei früheren terroristischen Akten fanden.

Im Jahr 1974 sterben in Europa 403 Menschen bei Terror-Anschlägen – und es ist damit kein Ausnahme. 1980 fallen 404 Menschen dem Terror verschiedenster Couleur zum Opfer, nochmals acht Jahre weiter sind es sogar 437 Menschen. Kaum ein Jahr vergeht in der Zwischenzeit mit weniger als 150 Terror-Toten in Westeuropa. Hinzu kommen etliche Verletzte. Ab Mitte der 1990er Jahre jedoch wird es ruhiger auf dem Kontinent. Die Zahlen gehen zurück. Und erst 2004 fordert der Terror wieder Opferzahlen ein, die vergleichbar sind mit jenen aus früheren Jahrzehnten – als nämlich in Madrid ein Vorortszug explodiert und 191 Menschen ums Leben kommen.

Terror von Links- und Rechtsradikalen, islamistische Angriffe, separatistische Operationen halten Europa seit den 1970er Jahren immer wieder in Atem. Wo die selbsternannten „Soldaten“ des ebenso selbsternannten „Islamischen Staates“ derzeit eine Blutspur über den Kontinent ziehen, haben andere schon früher gemordet – beseelt von fanatischen Ideologien. Obwohl sie mit ihren Taten heute die öffentliche Diskussion beherrschen, sind es nicht Islamisten, die Europas Terror-Statistiken anführen.

Am 21. Juli 1972 erschüttert eine Serie von Bombenanschlägen das irische Belfast. Neun Menschen verlieren ihr Leben, mehr als 120 werden verletzt. Die Täter stammen aus den Reihen der Provisional Irish Republican Army (IRA). Ihr Ziel: Nordirland soll wieder mit dem Rest von Irland vereinigt werden. Es ist nur einer von vielen Anschlägen, den die IRA zu verantworten hat. Zwar sind die Ziele der Organisation vorrangig Polizisten und britische Soldaten, ihre Operationen sind gegen staatliche Strukturen gerichtet, doch auch dieser Terror – der oft per Telefon im Vorfeld angekündigt wird – fordert immer wieder zivile Opfer. 1983 verstecken IRA-Mitglieder 14 Kilogramm Sprengstoff in einem Austin – und jagen ihn an einem Seiteneingang des weltberühmten Londoner Kaufhauses Harrods in die Luft. Sechs Personen werden getötet – unter ihnen drei Zivilisten. Später richtet die IRA zwei amerikanische Touristen in den Niederlanden hin, verübt Anschläge in Münster, Unna, Osnabrück und Bielefeld. In Wildenrath (Nordrhein-Westfalen) erschießen Mitglieder der Terror-Organisation einen 34-Jährigen und seine gerade einmal sechs Monate alte Tochter. Elf Schüsse feuern die Täter auf das Kind und seinen Vater, ein Mitglied der britischen Luftwaffe, ab. Noch 1998 sprengt eine Splittergruppe der IRA im irischen Omagh 29 Menschen im Zentrum der Kleinstadt in den Tod.

Bild der Verwüstung: Eine Splittergruppe der IRA hat 1998 eine Bombe in der irischen Kleinstadt Omagh gezündet.
Bild der Verwüstung: Eine Splittergruppe der IRA hat 1998 eine Bombe in der irischen Kleinstadt Omagh gezündet. Foto: dpa

 

Noch ist unklar, welche Bilanz Europol für dieses Jahr ziehen wird. Doch über die vergangenen Jahre ging die Kurve in den Anschlags-und-Terror-Statistiken der Polizei-Organisation immer weiter nach unten. 2006 zählte Europol noch 489 Anschläge in Westeuropa. Im vergangenen Jahr waren es lediglich noch 211. 17 davon verübten Islamisten. Der Angriff auf das französische Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ zählte etwa dazu, eine Messerattacke in Nizza sowie auch die Anschläge in Paris im November rund um das Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft.

Überlebende werden aus der Umgebung der Pariser Konzerthalle Bataclan weggebracht, wo die Terroristen um sich geschossen hatten.
Überlebende werden aus der Umgebung der Pariser Konzerthalle Bataclan weggebracht, wo die Terroristen um sich geschossen hatten. Foto: Christophe Petit Tesson
 

Separatisten steckten hinter 65 der von Europol gezählten Anschläge und Anschlagsversuchen; Rechts- und Linksradikale immerhin noch hinter 14 Taten.

Im Jahr 2004 wird in einem türkisch geprägten Kölner Stadtviertel eine Nagelbombe gezündet, 22 Menschen werden verletzt. Die Behörden schließen einen terroristischen Hintergrund aus. Heute ist bekannt, dass die Tat auf das Konto von Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt geht. Zehn Jahre lang verüben sie als Teil des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Anschläge quer durch die Bundesrepublik. Nürnberg, Hamburg, München liegen auf ihrer mörderischen Route, auf der sie zehn Menschen das Leben nehmen.

Der Nationalsozialistische Untergrund: Beate Zschäpe (v. li.), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.
Der Nationalsozialistische Untergrund: Beate Zschäpe (v. li.), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Foto: dpa
 

Sie erschießen den Hamburger Gemüsehändler Süleyman Tasköprü ebenso wie Theodoros Boulgarides, den griechischen Mitinhaber eines Münchner Schlüsseldienstes. Statt von rechtsradikalem Terror schreiben selbst Blätter wie die „Süddeutsche Zeitung“ lapidar von „Döner-Morden“. In Rundfunk-Berichten werden die Opfer zu Tätern gemacht, in die Nähe des organisierten Verbrechens gerückt. Und auch die Ermittler denken in diese Richtung. Mit keinem der Fälle, die sich bis zur Enttarnung des NSU zu Europas größter ungelöster Mordserie zusammensetzen, schnellt das Angst-Barometer der Deutschen in die Höhe. Die einzige Überlebende des mutmaßlichen Terror-Trios wartet noch immer vor Gericht – der 304. Verhandlungstag steht an.

Die Zahl der Terror-Akte durch Separatisten ist rückläufig. Große Gruppierungen wie die ETA in Spanien haben zuletzt keine Anschläge mehr verübt. Die Zahl der Links- und Rechtsradikalen hat sich stabilisiert, wie die Daten von Europol zeigen. Einen deutlichen Anstieg gibt es bei den islamistischen Fanatikern. Genau dies macht den Unterschied aus – und es gibt noch einen weiteren. Doch der lässt sich nicht ohne weiteres an der Zahl der Taten oder der Opfer ablesen.

Die „Gotteskrieger“ haben einen internationalen Terror ausgerufen. Über das Internet und die sozialen Medien ist es ihnen heute möglich, global zu agieren, in aller Herren Länder Mitglieder zu rekrutieren und ihre Propaganda effektiver zu verbreiten als jemals eine Gruppierung zuvor. So beschreibt Europol in seinem jüngsten Bericht, wie der IS über die eigene Medien-Abteilung, das „al-Hayat Media Centre“, Magazine produzieren lässt – das englischsprachige „Dabiq“ etwa oder das französische „Dar al-Islam“. Das alles mit dem Ziel „insbesondere Angehörige und Einwohner europäischer Länder zu rekrutieren“.

Über die sozialen Netzwerke verbreiten sich Berichte von den Schreckenstaten der Islamisten zudem schneller als jemals zuvor. In der Welt der geteilten Facebook-Beiträge, der Twitter-Hashtags und Instagram-Beiträge ist Terror vor allem eine Frage der Inszenierung. Pro Tag werden bei Facebook mehr als vier Milliarden Beiträge von Nutzern gepostet. Die Dokumentation der Anschläge und die Reaktion auf die Taten finden im bislang unbekanten Ausmaß ihren Widerhall im globalen Datenmeer. Der IS weiß um die Macht der Bilder, wie sie zu nutzen ist – und wie sich so die Angst mit immer neuen Gräueltaten, mit den Videos von Enthauptungen und Verbrennungen, rund um den Globus exportieren lässt.

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erstellt am 31.Jul.2016 | 10:28 Uhr

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