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Schleswig-Holstein am Sonntag

08. Dezember 2016 | 09:04 Uhr

MS Haithabu : Alte Munition in der Ostsee: Es schwelt an der Oberfläche

vom

Zehntausende Minen verrotten seit Kriegsende auf dem Grund der Ostsee. Welche Folgen das für die Umwelt hat, wollen Kieler Wissenschaftler jetzt in einem Pilotprojekt herausfinden.

Kiel | Dichte Nebelschwaden liegen auf der Ostsee, ziehen über das Wasser wie der Rauch aus Kanonenrohren und verdecken die Sicht auf die Außenförde. Vor ihnen liegt die Kiellinie und an deren Ende der Marinestütztpunkt Tripitzhafen.  Auf den Fregatten machen Matrosen alles klar zum Ablegen. Fast unbemerkt löst sich ein blau-weißes Schiff von  der Mole; die MS Haithabu setzt sich von der Kulisse grauer Militärschiffe ab und verschwindet im Nebelfeld. Ziel des Forschungsschiffes ist die Kolberger Heide, ein küstennahes Meeresgebiet vor der Probstei am Ausgang der Kieler Förde. An Bord:   Wissenschaftler des Geomar-Helmholtz-Instituts für Ozeanforschung  und eine Armada technischen Equipments.

Nach etwa einer Stunde hat die Haithabu das Gebiet erreicht. Die See ist ruhig an diesem Morgen, die Küstenlinie wegen des Nebels noch nicht zu sehen. Friedvoll verdeckt das Wasser die Gefahr, die in der Tiefe schlummert – ein Haufen von mehr als 100 Minen. Nach dem Zweiten Weltkrieg im Meer entsorgt, verrottet die Munition seit über 70 Jahren auf dem Grund. Heute ist hier ein  Sperrgebiet, für den Schiffsverkehr verboten. Darüber liegt jetzt die Haithabu – rund drei Kilometer vor dem Schönberger Strand. 

Foto: Yalim
 

Der Boden wird abgetastet Mareike Kampmeier überprüft an Deck die Schrauben an einem schwarzen Gerät, das  sich am Ende eines silbernen Stahlarms befindet. Kampmeier ist Marine Geowissenschaftlerin am Geomar, ihre Forschungsbereiche sind Marine Biogeochemie und  Geosysteme. In dem Projekt UDEMM (Umweltmonitoring für die Delaboration von Munition im Meer), das sie seit Anfang März regelmäßig vor die Schönberger Küste führt,   sind ihre Kompetenzen  beider Disziplinen gefragt.

Alle Schrauben sitzen fest, das Fächerecholot ist bereit. Seit mehr als einer Woche sendet es den Forschern Daten über den Meeresboden.   Hauptaufgabe von UDEMM ist es, giftige Substanzen wie Dynamit, die aus den Minen austreten, aufzuspüren. „Wir kartieren dafür den Boden“, erklärt die Wissenschaftlerin und verstaut ihr Werkzeug in der Tasche. 

Der Kran an Bord der Haithabu hievt das Echolot in die Höhe und lässt es behutsam an der Schiffswand hinunter. Crew-Mitglieder schrauben den Stahlarm an der Reling fest. Das Gerät tastet den Meeresboden mit Schallsignalen ab. Entscheidend ist  die Zeit, die der Schall für die Strecke zum Meeresboden benötigt. „Darüber lässt sich die Meerestiefe bestimmen“, sagt Kampmeier. Und zwar exakt: „Dynamit, das aus den Minen tritt, löst sich nicht im Wasser, sondern bleibt ein Feststoff, der wie Sediment am Boden liegt und vom Echolot erfasst werden kann“, erläutert die Forscherin während die Haithabu wendet und sich in Position bringt. Bei 17 Metern Tiefe werden etwa  90 Meter Boden erfasst. Die Kartierung soll in mehreren Abständen – voraussichtlich von einem Jahr  – geschehen. Nur so kann festgestellt werden, ob sich das Sediment bewegt und durch die Strömung Richtung Strand getrieben wird.

Rasenmähen über Minen

Um den Boden lückenlos zu erfassen, haben die Forscher Profile – Fahrrinnen in dem Sperrgebiet  – festgelegt, die sie nachfahren. Ähnlich einem Rasenmäher, der Bahn für Bahn das Gras stutzt, zieht die Haithabu Profil für Profil über das Messgebiet. Hin und her. Immer wieder.

Als das Forschungsschiff damit anfängt, hat Kampmeier schon vor den Computern im Mess- und Registrierraum des Schiffes Platz genommen. Auf dem Bildschirm vor ihr bewegt sich ein kleines Schiff langsam von einer Ecke zur anderen und zieht dabei einen Schweif bunter Farben hinter sich her, die die Tiefenunterschiede sichtbar machen. Der Meeresboden baut sich in knalligem gelb, rot, grün und blau auf. Jeder Hügel wird erfasst. „Die Technik ist so ausgereift, dass wir selbst kleine Gegenstände  abbilden können“, sagt Prof. Dr. Jens Greinert und hält die Tasse hoch aus der er zuvor Kaffee getrunken hat, um die Dimensionen zu verdeutlichen. Greinert koordiniert das Projekt, an dem auch die Universität Kiel und das Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde  beteiligt sind.

Eigentlich habe Geomar gar nichts mit Minen zu tun und sei auch  nicht hauptsächlich vor der Kieler Haustür unterwegs, sondern vor allem im Pazifik oder Atlantik. „Eigentlich“, wiederholt Greinert und stellt dann klar: „Wir haben aber das technische Know-How, das nötig ist, um diese Daten zu sammeln.“ Ohne die Technik wäre ihre Arbeit nicht möglich.

Wenn die Technik streikt

Gegen zehn Uhr legt ein Software-Update den Rechner  lahm. Träge fährt er sich  runter, um noch träger wieder zu starten. Mitten im Messgebiet. Die ersten Profile wurden nicht vollständig aufgezeichnet, die Haithabu drosselt ihre Geschwindigkeit und hält schließlich an. Leerlauf. Um 10.30 Uhr ist der Rechner noch nicht wieder hochgefahren, um 11 Uhr noch immer nicht, gegen 11.15 Uhr läuft er zwar, kann sich aber nicht mit den restlichen Instrumenten verbinden. Es bleibt dabei: keine Daten.

„Bei so viel Technik lauern auch viele Fehlerquellen. Das ist immer das Problem“, erklärt Kampmeier, die an dem Rechner wieder und wieder Programme öffnet, andere schließt, mit einem IT-Kollegen telefoniert, auf dem Smartphone nach Lösungen sucht.  Um 12 Uhr funktioniert die Verbindung mit einem Teil der Technik, der Rest streikt. Die Haithabu  setzt ihren Kurs fort – auch mit halber technischer Kraft.  Das Schiff wendet. Einzig die Position kann nicht exakt bestimmt werden.   Die Daten sind ungenau.

Ein Crew-Mitglied durchbricht die konzentrierte Fehlersuche der Wissenschaftler: „Mittag.“  Pause für Mensch und Maschine. Gegen 14 Uhr läuft das gesamte System wieder.  Als blaue Linie erscheint die Spur des Schiffes wieder auf dem Bildschirm. „Die Karte wächst und gedeiht“, sagt Greinert. So ziehen sie die letzten Profile. 

Tickende Zeitbomben

Langsam verflüchtigt sich jetzt auch der Nebel. Die Sonne steht hoch über der Haithabu. Wieder wendet das Schiff. Der Bug liegt jetzt im Schatten der Schiffsbrücke. Im Westen zeichnet sich die Küstenlinie ab. Von der Reling sind die Hotels an der Schöneberger Promenade deutlich zu erkennen. Drei Kilometer sehen plötzlich ganz nah aus.

Mehr als 10.000 Minen liegen seit Kriegsende auf dem Grund und verrotten. Die Gefahr sei zwar nicht akut, aber sie wächst mit den Jahren, ist sich Greinert sicher. Die  Munition könne bereits so stark verrostet sein, dass sie Dynamit an die Umwelt abgibt. „Der Super-Gau wäre, wenn die Minen schon so viel Schadstoffe abgegeben haben, dass es in die Nahrungskette gelangt ist.“ Deshalb werden die Wissenschaftler wieder zur Kolberger Heide hinausfahren, wenn sie mit dem Echolot die Grunddaten gesammelt haben.

Dann werden sie Muschelkörbe an den Stellen, wo die Minen liegen, herunterlassen. „Sie strudeln das Wasser – und nehmen dadurch das  Dynamit in sich auf.“ In toxikologischen Untersuchungen werden Forscher der Universität Kiel später prüfen,  ob die Weichtiere  vergiftet sind.  Greinert hält dies jedoch für unwahrscheinlich.  Grund dafür geben ihm Fotos, die Taucher von den Minen unter Wasser aufgenommen haben. „Da sahen sie relativ intakt aus.“ Es seien in der Vergangenheit außerdem schon Muscheln ausgewertet und für unauffällig befunden worden. „Die Gefahr wird über die Jahre aber immer größer, weil die Minen schlicht wegrosten. Das ist Fakt.“ Ganz gleich, ob das freigesetzte Dynamit oder eine unkontrollierte Zündung – die Minen sind tickende Zeitbomben. So oder so.

Jahrzehntelang ist nichts passiert

Gegen Nachmittag hat die Haithabu das Datensammeln abgeschlossen und macht sich auf den Rückweg. Hinter dem Tripitzhafen ragt das Hochhaus des Umweltministeriums mit den Olympischen Ringen an der Front in den Himmel. Dass die Haithabu heute ihre Bahnen gefahren ist, wird dort wohlwollend beobachtet. „Bisher wurden  Daten nur nebenher gesammelt. Wenn man es aber richtig machen will, geht das nicht  nebenher“, erklärt Greinert in einem ruhigen Moment in der Schiffsküche.  Das Ministerium habe deshalb ein großes Interesse an dem Projekt. Denn: „Angenommen wir finden heraus, dass alle Minen lecken, müssen Land und Bund handeln.“ Eine zügige Entsorgung sei dann der nächste Schritt. Die wäre jedoch mit horrenden Ausgaben verbunden. Das sei auch der Grund, warum die Minenproblematik 70 Jahre lang nicht angegangen wurde oder nur dann, wenn es notwendig war, weil  etwa Kabeltrassen zu Offshore-Anlagen gelegt wurden. 

Mit UDEMM soll nicht nur eine Bestandsaufnahme des Meeresbodens gelingen, sondern auch eine Art Anleitung entstehen: „Wir wissen dann ja wie es geht. Der Rest ist eine Frage des Geldes.“ Auch deshalb könne UDEMM als Prestigeprojekt bezeichnet werden. Parallel wird bei Geomar ein Roboter entwickelt der  Minen aufschneiden und das Dynamit aufnehmen soll, damit es dann an Land verbrannt werden kann. Am Ende soll nur die leere Metallhülse übrig bleiben. Die Entsorgung soll so sicherer und schneller gehen. Mit insgesamt 5,2 Millionen Euro sponsert der Bund die Kartierung und Roboterentwicklung, davon gehen 1,6 Millionen Euro an UDEMM.

Viel Zeit und wenig Daten

Es ist eine Frage der Zeit, wann das Dynamit die Meere verschmutzt. Und auch die Suche nach dem giftigen Sediment, die Vermessung des Bodens, braucht ihre Zeit: Am Ende des Tages werden die Forscher eine Fläche von  3500 mal 500 Metern kartiert haben. Über die Größe des abgefahrenen Gebiets sind sie  heute unzufrieden.  „Es hätten mehr Daten sein können – ohne das Software-Problem“, fasst Kampmeier den Tag zusammen, als die Haithabu an der Mole festmacht. Die Technik hat den Ehrgeiz der Wissenschaftler torpediert. Etwa 20 Mal werden sie für das gesamte Gebiet rausfahren müssen, schätzt Greinert.

Vom Nebel ist jetzt keine Spur mehr zu sehen. Das Pulver scheint verschossen, kein Rauch  liegt mehr auf der Ostsee. Die Ladung aber schwelt weiter unter der Oberfläche.

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erstellt am 15.Mai.2016 | 09:13 Uhr

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