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Schleswig-Holstein am Sonntag

03. Dezember 2016 | 12:32 Uhr

Als die Grenze nicht mehr

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vibrationsmelder, Infrarotanlagen, Videoüberwachung: Hätte die Wende 1989 nicht das Ende der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) eingeläutet, die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland wäre im Grunde unpassierbar für Flüchtlinge geworden. Die „Grenze 2000“ hätte die DDR weit mehr als 50 Millionen Mark gekostet, wäre Anfang der 90er Jahre das komplizierte Projekt „Grenzsicherungsanlage 90“ von den DDR-Grenztruppen realisiert worden.

Der Anfang der Grenzüberwachung war wesentlich bescheidener. 1946 – mitten in den Nachwehen des Zweiten Weltkriegs – herrschte ein reger Verkehr über die damalige Demarkationsgrenze. Menschen wollten die sowjetische Besatzungszone nach Westdeutschland verlassen, andere wiederum trieben regen Handel. Nicht wenige auf illegalem Weg.

Am 18. November 1946 befahl die Sowjetische Militäradministration in Deutschland den Aufbau einer Grenzpolizei in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ), die am 1. Dezember 1946 offiziell gebildet wurde. Die deutschen Grenzer wurden ein Teil der Polizei mit einer anfänglichen Personalstärke von etwa 2500 Mann. Die Männer verrichteten zunächst „Grenzhilfsdienste“ an der Seite von sowjetischen Soldaten. Diese zogen sich Jahr um Jahr aus der Grenzüberwachung zurück. 1949 – im Jahr der Gründung der DDR – verfügte die Grenzpolizei bereits über 18  000 Mann; Ende 1961 waren es mehr als 38  000 Grenzpolizisten, von denen allein 68 Prozent an der Grenze zu Westdeutschland eingesetzt waren. Bis zur Wende wuchs die Stärke auf rund 50  000 Mann an.

Die Grenze war bis zu Beginn der 1950er Jahre kaum erkennbar. Schilder wiesen auf den Verlauf hin. Die wenigen Grenzposten hatten weite Reviere zu bestreifen. Kasernen gab es in der Regel nicht. Die Grenzer der ersten Stunde waren in Privathäusern einquartiert, Baracken dienten als Dienststelle. Erst nach und nach wurden die Grenzpolizisten kaserniert – zumal ein zu privater Kontakt zur Grenzbevölkerung nicht gewünscht war.

1952 entstanden Kontrollstreifen, erste Holz-Wachtürme und Stacheldrahtverhaue; das Grenzgebiet – ein fünf Kilometer breiter Streifen entlang der Demarkationslinie – wurde Sperrgebiet. Ab 1961 – am 13. August riegelte die DDR West-Berlin ab – wurde die Grenzüberwachung weiter perfektioniert: Zaunreihen entstanden, Minenfelder wurden angelegt.

Nach dem „Mauerbau“ erfolgte die Umwandlung der Grenzpolizei in einen militärischen Verband. Zunächst unter dem Dach der Nationalen Volksarmee wurden die Grenztruppen 1971 eigenständig. Denn im Zuge von Abrüstungsverhandlungen wollte die DDR-Spitze verhindern, dass die Grenzer abgerüstet, sprich zahlenmäßig reduziert werden mussten.

Junge Männer bewachten indes weiterhin die Sperranlagen – seit 1961 nicht mehr auf freiwilliger Basis, sondern im Rahmen des Wehrdienstes. Der Dienst in den Grenztruppen war der einzige militärische Bereich in der DDR, in dem die Soldaten täglich damit rechnen mussten, ihre Schusswaffe einzusetzen, sprich ihre Waffen gegen Flüchtlinge zu richten. Heute gehen Forscher davon aus, dass mehr als 1000 Menschen ihr Leben an der deutsch-deutschen Grenze verloren. An der „Frontlinie von Ost und West“ starben aber nicht nur Flüchtlinge: Auch Grenzer kamen bei Schusswechseln – meist mit eigenen Kameraden, die flüchten wollten – ums Leben. Einen der ersten Toten hatte die damalige Grenzpolizei bei Palingen östlich von Lübeck zu beklagen: Siegfried Apportin. Am Abend des 2. Juli 1950 ging er zum letzten Mal mit einem Kameraden auf Streife. Ein Schuss des Kollegen traf den 19-Jährigen aus nächster Nähe tödlich. Der Kamerad setzt sich in den Westen ab, wurde wegen „fahrlässiger Tötung“ verurteilt. Ein Gedenkstein erinnert bis heute am ehemaligen Grenzverlauf an den Toten. Außer diesem Relikt und dem Kolonnenweg sind ansonsten die Spuren der Teilung in diesem Bereich fast gänzlich verwischt.

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erstellt am 30.Okt.2016 | 16:02 Uhr

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