zur Navigation springen

Tag der Fische am 22. August : Aal, Dorsch und Meerforelle: Sieben Antworten zur Lage der Fische in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Warum gibt es kaum noch Aale? Wie steht es am die Meerforelle in Schleswig-Holstein? Zwei Experten haben unsere Fragen zum Thema Fisch beantwortet.

Schleswig-Holstein und der Fisch gehören zusammen wie der Wind und das Meer. Mit Nord- und Ostsee sowie zahlreichen Binnengewässern bietet der Norden verschiedenste Lebensräume für Wasserbewohner an. Die Fischerei hat hier oben eine lange Tradition, zieht Touristen an und ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Insgesamt etwa 36.000 Tonnen Fisch und Meeresfrüchte im Wert von rund 45 Mio. Euro zog die Kleine Hochsee- und Küstenfischerei hier im Jahr 2015 aus dem Wasser. Die Fischverarbeitung mit rund 1600 Beschäftigten und einem Umsatz von zirka 340 Mio. Euro spielt ebenfalls eine bedeutende Rolle.

Wir haben zwei Experten vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) zur Situation in Schleswig-Holstein befragt: Uwe Ahrens als Experten für Fließgewässer und Milan Müller als Fachmann für die Fischerei.

Welches sind die wichtigsten Arten in Schleswig-Holstein?

Dorsch, Hering und Sprotte sind die prägenden Arten in der Ostsee-Fischerei, außerdem verschiedene Plattfische – allen voran Flunder, Kliesche und Scholle. Auch Steinbutt und einige weitere Arten werden gefangen, spielen jedoch von der Menge her eine untergeordnete Rolle.

In der vom Wattenmeer geprägten Nordsee vor der Küste Schleswig-Holsteins sind die Fischbestände findet kaum gezielte Fischerei auf Frischfisch statt, vorrangig werden dort Nordseegarnelen und Miesmuscheln aus dem Wasser geholt.

In den größeren Flüssen, zu denen Schwentine, Eider, Treene, Sorge, Stör, Bille und Trave zählen, sind vor allem Bachforellen, Plötze, Barsche und Stichlinge zu Hause.

Eine bei Anglern sehr beliebte Art ist außerdem die Meerforelle, die in allen Fließgewässern, die durchgängig zum Meer sind und entlang der gesamten Ostseeküste sowie teilweise auch an der Nordsee vorkommt – allerdings im Bestand stark zurückgegangen ist.

Wie entwickeln sich die Bestände?

In der Ostsee haben sich die Bestände in den letzten Jahren deutlich vergrößert, insbesondere Heringe, Plattfische und Sprotten haben sich erholt. „Die einzige Art, die dort aktuell negativ heraussticht, ist der Dorsch“, sagt Milan Müller vom LLUR. Dessen Nachwuchs sei in der westlichen Ostsee im letzten Jahr sehr gering ausgefallen, weshalb im kommenden Jahr die Fangquoten für dieses Gebiet aller Voraussicht nach gekürzt werden. Was die Ursache des geringen Dorsch-Nachwuchses angeht, tappen die Experten noch im Dunkeln. Möglicherweise hat der starke Einstrom von Nordseewasser in den letzten Wintern für eine höhere Strömungsgeschwindigkeit gesorgt, wodurch die Eier weggedriftet sind.

Doch Müller gibt zu bedenken: „Meere sind kein Aquarium, die Bestandsberechnungen fußen auf Daten aus der Fischerei und aus Forschungsfahrten“ – also Stichproben, aus denen man auf den Gesamtbestand schließe. Gerade bei winzigen Eiern und Jungfischen seien Aussagen schwierig. Als brackiges Randmeer bilde t die Ostsee für viele Arten das Randgebiet ihrer Verbreitung, weshalb die Bestände hier in besonderem Maße von Umweltbedingungen abhängig sind.

In unseren Flüssen sieht es insgesamt deutlich schlechter aus. Laut der offiziellen Meldung an die EU im Jahr 2014 weisen nur 40 Prozent der größeren Gewässer gute Fischbestände auf, die Artenvielfalt dort also stimmt. Dennoch wurde in den meisten Flüssen eine zu geringe Anzahl an Fischen gefunden.

Warum ist es um die Fische in unseren Flüssen so schlecht bestellt?

Sie sind für viele Fische schlicht nicht mehr erreichbar, weil Bauwerke wie Wehre oder Stauanlagen die Passage behindern. Fast alle Gewässer sind begradigt und vertieft worden, natürliche Flussläufe gibt es so gut wie gar nicht mehr. Im gesamten Gewässernetz Schleswig-Holsteins schätzt Uwe Ahrens vom LLUR die Anzahl der Bauwerke in Flüssen auf 150.000. Diese sind mehr oder weniger durchgängig für Fische.

„Beim Ausbau wurden größere Bestandteile wie Kies entfernt, in den meisten Flüssen besteht die Sohle nur noch aus Sand – das ist für viele Arten schlecht“, erklärt der Experte. Zusätzlich werde Sand von den Ackerflächen in die Gewässer gespült. Da zunehmend Mais angebaut wird, sei der Boden weitgehend unbedeckt. Bei Regenfällen werde so Bodenmaterial in die Flüsse gespült – und mit diesem auch Nähr- und Schadstoffe eingespült, die als Dünger oder zur Schädlingsbekämpfung auf die Felder gebracht werden. Besonders Nitrit und Ammonium sind für Fische lebensgefährlich. Über die Flüsse gelangen diese Stoffe auch in die Meere.

„Wir müssen den Flüssen wieder mehr Raum geben“, appelliert Ahrens. Auen gebe es kaum noch, bewirtschaftet werde heute bis ans Ufer. „Der Fluss hat überhaupt keinen Platz mehr, sich zu entwickeln, geschweige denn mal über die Ufer zu treten.“

Wie geht es der bei Anglern so beliebten Meerforelle?

Die Meerforelle leidet als Wanderfisch besonders stark unter der Beeinträchtigung des Lebensraums Fließgewässer, denn Flüsse und Bäche dienen ihr als Fortpflanzungsraum. Zur Eiablage benötigt sie Kiesstrukturen, diese sind aufgrund der Begradigungen aber kaum noch vorhanden. Määander, in denen einst viel Kies lag, wurden entfernt, Sand legt sich auf die Eier, wodurch die Entwicklung der Larven und Jungfische behindert wird.

Um den Bestand trotzdem zu erhalten, werden Elterntieren Eier abgestreift, diese in einer Fischbrutanstalt erbrütet und die Jungfische schließlich wieder zurückgesetzt.

Warum gibt es kaum noch Aale?

Der Aal schwimmt genau andersherum als die Meerforelle: Er wird in der Sargassosee (nahe des Golf von Florida) geboren und gelangt dann als Larve und später als junger Aal an die europäische Westküste. Hier steigt er in die Flüsse und Seen auf und lebt bis zum jungen Erwachsenenalter im Süßwasser, bevor er sich dann wieder auf den Rückweg in Richtung Sargassosee macht und sich nur dort fortpflanzt. „Der Bestand ist seit Mitte der 1980er-Jahre im Keller und stagniert seitdem auf niedrigem Niveau“, erklärt Milan Müller. Es sei sehr schwierig, die genauen Gründe für den Rückgang festzustellen. Es darf aber als gesichert gelten, dass auch hier die vermehrte Wasserkraftnutzung und Bauwerke im Fluss seine Wanderung erschweren. Außerdem ist der Aal geplagt vom Wachsen des Kormoranbestands seit Mitte der 1970er-Jahre. „Das merken gerade die Binnenfischer in Schleswig-Holstein, für die der Aal immer die wichtigste Art war“, erklärt Müller.

Da die natürliche Zuwanderung von Jungaalen vor allem im Bereich der Ostsee nur noch sehr gering ist, werden dort Jungaale gezielt besetzt: Diese werden meist in Frankreich, Spanien oder Großbritannien gefangen und in unsere heimischen Seen, Kanäle und auch in die Ostsee selbst gesetzt. So sollen die vorhandenen „Aallebensräume“ zur Besiedelung genutzt werden, damit die ehemaligen Jungaale später selbst wieder zur Vermehrung beitragen.

Welche Rolle spielt Aquakultur im Land?

„Insgesamt eine ziemlich untergeordnete“, sagt Fischerei-Experte Milan Müller. Von Bedeutung ist die Miesmuschelkulturwirtschaft in der Nordsee vor Föhr und Sylt. Junge Muscheln werden dort gefischt und dann auf angelegten Kulturflächen ausgebracht, um ein optimales Wachstum zu ermöglichen. Knapp 4000 Tonnen/Jahr werden dort erwirtschaftet. Die klassische Teichwirtschaft im Binnenland umfasst 26 Betriebe mit Karpfen- sowie 13 mit Regenbogenforellenzucht.

Welche politischen Vorgaben bestimmen den Fischfang?

Das meiste, was die Küsten- und Meeresfischerei angeht, wird von der EU geregelt. So gibt es jährliche Fangquoten für bestimmte Arten, die nicht überschritten werden dürfen.

Ein weiteres Instrument zur Regulierung des Fischfangs sind Schonzeiten, in denen der Fang einer Art eingeschränkt ist. Diese gibt es derzeit für den Dorsch von Mitte Februar bis Ende März in der westlichen Ostsee. Schonzeiten sind dann sinnvoll, wenn man genau weiß, wann sich eine Art vermehrt.

Brüssel hat sich auf die Fahnen geschrieben, dass bis 2020 alle Fischbestände in Europa nach dem Prinzip des nachhaltigen Dauerertrags befischt werden sollen – mit anderen Worten:  Nur das, was an Überproduktion da ist, darf gefangen werden. Jede Art soll auf einem Niveau verbleiben, das genügend Elterntiere für die Nachwuchsproduktion  bereithält. So kann eine nachhaltige und optimale Nutzung der Fischbestände in Nord- und Ostsee erfolgen.  Für die Fischerei in den Binnengewässern ist das Land Schleswig-Holstein selbst zuständig.

Hintergrund: Der Dorsch und das Sauerstoff-Rätsel

In der Kinderstube des Dorsches geht nichts ohne Sauerstoff. Weil davon in der Ostsee nicht sehr viel vorhanden ist, sind seine Eier und Larven auf den Einstrom von sauerstoffreichem Nordseewasser angewiesen. In den letzten Wintern trat dieser Effekt zwar besonders ausgeprägt auf, dennoch ist der Dorsch-Nachwuchsjahrgang aus 2015 in der westlichen Ostsee extrem dezimiert. Die Ursache ist bislang nicht genau geklärt. Es könnte sein, dass die erhöhte Strömungsgeschwindigkeit durch das zufließende Nordseewasser die Larven nach Osten weggespült hat.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen