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Regionales

10. Dezember 2016 | 10:02 Uhr

Besuch beim Kieler Meteorologen : Meeno Schrader: Der Mann, der SH das Wetter erklärt

vom
Aus der Onlineredaktion

Täglich referiert Schleswig-Holsteins wetterfestester Promi über die Aussichten für morgen. Manchmal wird er sogar von fremden Frauen umarmt.

Kiel | Draußen ist es grau in grau. Ab und zu fällt Regen aus dicken Wolken. Schmuddelwetter, sagt der Laie. Bei dem bekanntesten Wetterexperten aus Schleswig-Holstein klingt das so: „Ein flaches Tiefdruckgebiet, das zu Instabilitäten führt.“

Meeno Schrader (55) sitzt in seinem Büro bei der „Wetterwelt“ in Kiel vor einem Mikrofon und wollte eigentlich gerade eine Vorhersage für den Hörfunk einspielen. „Aufsager“ nennt sich das, und fünf davon für unterschiedliche Regionen spricht er jeden Tag ein. Aber jetzt redet er erst einmal davon, was das für ein Wetter draußen ist und wie das Wetter wird und warum es so wird und wieso er das weiß. Der Diplom-Meteorologe Dr. Meeno Schrader ist so etwas wie Schleswig-Holsteins oberster Wetterfrosch. Jeder kennt ihn, wahrscheinlich mag ihn auch jeder, denn er ist ein Schwiegermuttertyp, mindestens: Sympathisch, gut aussehend, locker, mit einer Leidenschaft, für die sich jeder interessiert: dem Wetter. Täglich verrät Schrader den Schleswig-Holsteinern im Radio und Fernsehen, ob sie morgen einen Regenschirm brauchen oder Sonnencreme, und ob sie für die Gartenparty am Wochenende doch lieber noch ein Zelt besorgen.

Bereit zum Einsprechen für NDR 1: Meeno Schrader an seinem Schreibtisch.
Bereit zum Einsprechen für NDR 1: Meeno Schrader an seinem Schreibtisch. Foto: Michael Ruff

Woher er das weiß? Schrader zeigt auf die Bildschirme vor sich. Darauf Bilder, die man kennt: ziehende Wolkenfelder zum Beispiel. Und Bilder, die man überhaupt nicht kapiert: Schleswig-Holstein, dicht überzogen mit winzigen Ziffern. „Die Windgeschwindigkeiten“, sagt Schrader. Er klickt durch drei Animationen gleichzeitig; Wolken, Regen, Nebel und Sturmböen verschieben sich im Drei-Stunden-Takt. Mit sieben verschiedenen Vorhersagemodellen arbeiten Schrader und seine Mitarbeiter, „ich kenne keinen anderen Wetterdienst, der so viele hat“.

<p>Vier Vorhersagemodelle nebeneinander – und jedes unterscheidet sich vom anderen.</p>

Vier Vorhersagemodelle nebeneinander – und jedes unterscheidet sich vom anderen.

Doch die Modelle sind erst der Anfang – denn sie liefern bloß die Rohdaten, die die Meteorologen bewerten und interpretieren. Wo liegen die Unterschiede zwischen den Modellen? Welches zeigt erfahrungsgemäß häufiger Regen, welches ist bei einer bestimmten Wetterlage das stärkste? Was zeigen die Wetterkameras im Land? „Die Modelle sind nur Vorschläge. Wir stricken daraus eine Wettervorhersage“, sagt Schrader. Die Jalousie direkt neben Schraders Computern ist heruntergelassen, damit das Licht auf den Bildschirmen nicht stört. Aber durch ein weiteres Fenster geht der Blick in graue Wolken. Gucken Meteorologen überhaupt noch raus? „Natürlich“, sagt Meeno.

Theoretisch könnte Meteorologe ein Job für Stubenhocker sein. Meeno Schrader macht es anders. „Die Nähe zum Wetter“ sei eines der Dinge, die er so an seinem Beruf mag. Bewusst dreht er mit seinem Team jeden Tag an einem anderen Ort in Schleswig-Holstein seine NDR-Wettervorhersage; dort, wo Sturm braust oder ein Lüftchen weht, wo die Sonne knallt oder der Regen pladdert. Wer Meeno kennt, dem ist vielleicht mal aufgefallen, dass er, selbst wenn es regnet, nie unter einem Schirm steht. Wetter ist, wie es ist, und „jeden Tag draußen zu sein ist ein Geschenk.“

Über einen wettertrotzenden Sport Schleswig-Holsteins, ist Schrader denn auch zu seinem Beruf gekommen: Er ist leidenschaftlicher Segler. Es gibt ein Foto von dem kleinen Meeno mit der Pinne in der Hand, da ist er vier. „Ich habe als Kind immer die Seewetterberichte abgehört. Das hat mich angefixt.“ Schrader wurde Meteorologe und promovierte, 1999 gründete er die „Wetterwelt“, die etwa 20 Mitarbeiter hat. Die klassische Wettervorhersage ist ihr Kerngeschäft; nicht nur Radler, Ausflügler oder Pendler, sondern auch Fotografen, Landwirte und Winterdienste wollen genau wissen, wie es wird. Hinzu kommen Dienstleistungen wie meteorologische Gutachten, wetterabhängige Absatzprognosen oder Wettersoftware.

Und Action! Meeno Schrader macht eine Wettervorhersage für das Fernsehen.
Und Action! Meeno Schrader macht eine Wettervorhersage für das Fernsehen. Foto: Michael Ruff

Das Spezialgebiet Schraders liegt auf der Hand, oder eher, unter dem Kiel: Das Seewetter. Zum sechsten Mal berät er das deutsche Segelteam bei Olympia. Während der Spiele ist er in Rio dabei– und spielt dort Wetter auf höchstem Niveau. Denn bei den Profis geht es nicht um Windrichtung Nordwest oder Windstärke 3 bis 4. Sondern darum, ob der Wind auf 320 Grad bleibt oder um 15 Uhr auf 330 Grad dreht, und ob das Boot dann eher nach rechts oder nach links fahren soll, um ihn optimal zu nutzen. „Das kann schon einen Vorsprung von einem Meter ausmachen – und der kann in der Weltspitze entscheidend sein“, sagt Schrader. Er grinst. „Da wringen wir das Wetter bis an den Anschlag aus.“ Er liebt diesen Seewetter-Job; wenn er sich entscheiden müsste zwischen Fernsehen und Seewetter, wüsste er nicht, was er lieber täte.

Das hat wohl auch damit zu tun, dass Schrader es gern genau mag. Er ärgert sich sehr, wenn er mit einer Vorhersage danebenliegt. Und er ärgert sich über Wetterdienste, die vorgeben, genau zu sein, obwohl sie es gar nicht können. Online-Dienste oder Apps zum Beispiel, die den Leuten erzählen, dass in drei Wochen die Temperatur in Kiel um 15 Uhr bei 19,4 Grad liegen wird. „Das sind Idioten am Markt“, sagt Schrader. „Die hauen eine Monatsprognose raus, die sich wie die Vorhersage für die nächsten drei Tage liest.“

Im vergangenen Jahr hatte ein Meteorologe im Mai einen Gruselsommer vorhersagt, „das ist einfach unseriös. Nach einem Monat wird die Atmosphäre komplett neu gemischt.“ Für Schrader geht es nicht nur um eine Vorhersage, die zutreffen kann oder nicht, sondern um Verantwortung. „Im Tourismus kann man mit solch einer Prognose einen Schaden im Millionenbereich erzeugen!“ Steht ein heißes Wochenende bevor, sagt Schrader zu seinen Leuten: „Denkt dran, wir müssen saubere Ansagen machen, die Leute wollen raus!“ Kommt das Gewitter um 15 oder erst um 18 Uhr? „Solche Kleinigkeiten gilt es zu differenzieren.“

Wie differenziert kann man sein als Meteorologe? Fünf Tage lassen sich gut voraussagen, sagt Schrader. „Das ist ein Zeitraum, bei dem ich noch gut schlafen kann.“ Trefferquote: 70 Prozent. Ab sieben, acht Tagen spricht er nicht mehr von einer Prognose, sondern von einem Trend. „Wird kälter“, „bleibt trocken“, „wir kommen in den Bereich 17 bis 19 Grad“ sind nun eher die Formulierungen.

Dass Vorhersagen vermeintlich nicht stimmten, bekommt er übrigens auch ab und zu mal auf der Straße zu hören; dabei spielt es nicht unbedingt eine Rolle, ob die Prognose von ihm stammte oder nicht. Schrader stört das nicht weiter – der Kontakt zu Menschen sei ein Grund, aus dem seinen Job liebe, sagt er. Er mag es, wenn Leute, die ihn gar nicht kennen, Meeno zu ihm sagen. „Für mich ist das ein Kompliment.“ Und er kann damit um, wenn wildfremde Frauen ihm um den Hals fallen, um sich dann flugs zu entschuldigen: „Du bist jeden Tag bei uns im Wohnzimmer. Du gehörst halt zur Familie.“ Deshalb legt er auch keinen großen Wert auf seinen Doktortitel – „der schafft Distanz.“

Hat er heute mit dem Wetter richtig gelegen? Grundsätzlich ja, sagt Schrader. Gut, Eiderstedt und Angeln haben eher das abgekriegt, was er für den Schleswiger Raum angesagt hatte, aber das Wetter war heute auch „extrem schwierig regional vorherzusagen“.

Das Lieblingswetter des Liebslingswetterfrosches? Karibikwetter: 26 Grad, blauer Himmel. „Privat“, fügt er schnell hinzu. Denn beruflich ist es genau das hier: Schleswig-Holstein-Wetter. Das so wechselhaft und so vielfältig ist. Der Wind, die Wolken, die Schauer. Küste, Inseln, Binnenland. „Die Abwechslung ist großartig!“, schwärmt Schrader. Eine Herausforderung. „Das Wetter in der Karibik vorherzusagen wäre langweilig.“

Apropos Karibik. Wie wird der Sommer? Keine Ahnung. Tendenz? Keine Tendenz. „Man kann es einfach nicht sagen.“
 

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erstellt am 19.Jun.2016 | 10:57 Uhr

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