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Lübeck

10. Dezember 2016 | 04:20 Uhr

Familiendrama im Kreis Ostholstein : Prozess um Mord in Kabelhorst – Gericht verhängt lebenslang

vom

Die Verteidigung plädierte auf Totschlag, das Gericht jedoch sah in der Tat einen heimtückischen Mord.

Lübeck | Sie hält den Kopf tief gesenkt, die Augen sind niedergeschlagen, auch als sie auf der Anklagebank Platz nimmt, Dolmetscherin und Verteidiger an ihrer Seite. Doch das Bild der reuigen Ehefrau mag ihr die Große Strafkammer des Lübecker Landgerichts am Mittwoch nicht abnehmen.

Für den heimtückischen Mord an ihrem Ehemann muss eine 43 Jahre alte Angeklagte aus Kamerun lebenslang in Haft. Das Kieler Landgericht sah es am Mittwoch als erwiesen an, dass die Frau den schlafenden Familienvater im Oktober 2015 in Kabelhorst (Kreis Ostholstein) mit 14 Messerstichen tötete. Mit ihrem Urteil folgt die Strafkammer den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Nebenklage. Der Verteidiger hatte dagegen auf Totschlag plädiert. Es sei eine Tat im Affekt gewesen.

Der Mord in Kabelhorst sorgte landesweit für Schlagzeilen. Die Frau hatte erst angegeben, Unbekannte seien in ihr Haus eingedrungen. Doch dann geriet sie selbst in den Fokus der Ermittler.

Die Angeklagte gestand erst im Prozess. Nach schweren Demütigungen durch ihren Mann habe sie am 22. Oktober 2015 die Kontrolle verloren und mit einem großen Fleischermesser zugestochen. Dann rief sie die Polizei. Das Opfer wurde in einer Blutlache gefunden. Beide minderjährigen Kinder sind in dem Prozess Nebenkläger.

Sie sei bei der Tat gezielt vorgegangen, sagte der Vorsitzende Richter Christian Singelmann. „Sie war nicht die wehrlose Frau aus Afrika, als die sie sich darstellte.“ Vielmehr habe die aus Kamerun stammende Angeklagte „das größte und schärfste Messer“ aus der Küche geholt, um ihren arg- und wehrlosen Mann zu töten. „Er hatte keine Chance“, sagte Singelmann.

Dass er sich noch gewehrt hat, wie sie behauptet, gibt die Spurenlage nicht her, sagt der Richter. Um ihre Version der Affekttat zu stützen, hatte die Angeklagte zunächst über ihren Verteidiger eine Erklärung verlesen lassen. Darin ist von Okkultismus und Voodoo und Drohungen die Rede, sie nach Afrika zurückzuschicken.

Am dritten Verhandlungstag ergreift sie selbst das Wort, räumt ein, dass sie viel gelogen habe. „Ich habe die Wahrheit und die Lügen vorbereitet“, sagt sie. Mindestens vier Versionen präsentiert sie zum Tathergang, sagt Singelmann. Darunter die, dass ihr Mann auf einen der beiden Söhne losgegangen sei, dann die, dass zwei Männer in das Schlafzimmer eindrangen und ihren Mann töteten. Als sie gesteht, selbst zugestochen zu haben, stellt sie sich als Opfer ihres Mannes dar - jahrelang von ihm gedemütigt. Das Gericht glaubt nach der Beweisaufnahme keine davon.

Die Angeklagte sei „hellwach und bestimmt“ in ihrem Auftreten, sagt Singelmann. „Da gab es keine eingeschüchterte Frau.“ Seit Prozessbeginn Ende April habe sie nur erzählt, was sie wollte, und verweigerte auf viele Frage die Antworten, fasst er zusammen: „Sie ist nicht das kleine Mäuschen, das alles in der Partnerschaft mit sich machen lässt.“ Die 2011 geschlossene und dann gescheiterte Ehe war zwar „der Boden für die Geschehnisse, aber es war keine Ehehölle“, stellt Singelmann fest. Es habe keine Gewaltanwendungen des Ehemannes und auch keine sexuellen Übergriffe gegeben. Doch spätestens ab 2013 stritt man sich ständig ums knappe Geld etwa und die Ernährung.

Beidseitige Beleidigungen häuften sich. „Die Ehe war Krieg, es gab nur Machtkämpfe“, hatten Zeugen im Prozess ausgesagt.  Die Angeklagte fühlte sich diskriminiert, war allein, vermisste als gläubige Katholikin das kirchliche Leben, sagt Singelmann. In der Tatnacht, als sie ihrem Mann beim Fernsehen über den Rücken streicht, schickt dieser sie demnach barsch weg, sagt, ihr Körper sei verrottet und stinke. Wenig später fasst sie den Entschluss zur Tat.

Danach beseitigt sie gezielt Spuren, entsorgt unter anderem das Tatmesser unauffindbar, verbrennt ihre blutbefleckte Kleidung sowie das Handy ihres Mannes. Mit dem Urteil folgt die Strafkammer den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Nebenklage. Die zwei kleinen Kinder des Paares sind in dem Prozess Nebenkläger. Sie leben bei einer Pflegefamilie. Nach Angaben ihres Rechtsanwaltes sind sie wohlauf.

Von der Tat haben sie nach Feststellung des Gerichtes nichts mitbekommen. Ihre Mutter brachte sie vorher in einen anderen Raum. 

Ein Rückblick auf die Ereignisse:

22. Oktober 2015

Ein Familienvater liegt am Donnerstagmorgen tot in seinem Haus. Die Obduktion ergibt, dass das Opfer aufgrund multipler Stichverletzungen verblutet ist. Später berichtet eine Nachbarin: „Um 6.30 Uhr klingelte seine Ehefrau bei mir, schrie und weinte.“ Immer wieder habe sie gerufen: „Mein Mann ist tot, mein Mann ist tot!“ Und aus dem rot geklinkerten Haus des Paares sei zu hören gewesen, wie die beiden Söhne, drei und fünf Jahre alt, nach Mama und Papa schrien. Die Nachbarin bricht bei der Erinnerung daran in Tränen aus. „Bevor ich den Notruf wählen konnte, kam auch schon der Rettungswagen.“ Nach Polizeiangaben rief die Ehefrau die Rettungskräfte. Sie wird zunächst mit einem schweren Schock ins Krankenhaus nach Oldenburg gebracht und behandelt.

In Kabelhorst ist die Erschütterung an jeder Ecke spürbar. Der Getötete war bei allen beliebt. Als Jean Claude T. (58) vor ein paar Jahren aus Afrika kam und das Häuschen in Kabelhorst kaufte, haben die Menschen in der ostholsteinischen Provinz den dunkelhäutigen Mann sofort ins Herz geschlossen. Das Opfer stammt aus dem westafrikanischen Benin, war aber deutscher Staatsbürger. Er arbeitete in der Küche des Gosch-Hotels im nahen Grömitz. Von 9 bis 22.30 Uhr, wie die Kabelhorster erzählen.

23. Oktober 2015

Einen Tag nach dem gewaltsamen Tod des Familienvaters gibt es erste Tatverdächtige. Es sei aber noch niemand festgenommen worden, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft LübeckUlla Hingst. Nähere Angaben machte sie nicht, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Sie betonte: „Hinweise auf eine fremdenfeindliche Tat liegen nicht vor.“

27. Oktober 2015

Fünf Tage nach dem Mord erlässt das Amtsgericht Lübeck Haftbefehl gegen die Ehefrau. Sie stehe in dringendem Verdacht, ihren Ehemann im Schlaf erstochen zu haben, sagt der Pressesprecher der Lübecker StaatsanwaltschaftRalf-Peter Anders. Das ergebe sich unter anderem aus den Spuren am Tatort. Angaben zu einem möglichen Tatmotiv macht er nicht.

„Auffällig war unter anderem, dass es keinerlei Einbruchspuren am Haus gab“, sagte Anders. Auch die widersprüchlichen Aussagen der Frau hätten den Verdacht bestärkt, dass sie ihren Mann getötet habe. „Die Tatsache, dass das Opfer im Schlaf erstochen wurde, erfüllt den Tatbestand der Heimtücke. Deshalb hat die Staatsanwaltschaft Haftbefehl wegen Mordes beantragt.“

26. April 2016

Mit einem Geständnis der Angeklagten hat Ende April in Lübeck der Prozess um das Familiendrama begonnen. Die Angeklagte sagte, sie habe ihren Ehemann mit 14 Messerstichen getötet, weil dieser sie seit Jahren gedemütigt und erniedrigt habe, hieß es in einer von ihrem Anwalt verlesenen Erklärung. Seine Mandantin habe auch berichtet, dass ihr Mann Hexerei und Voodoo-Zauber praktiziert habe, sagte er. Die Angeklagte habe keinen anderen Weg gesehen, um ihr Martyrium zu beenden.

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erstellt am 17.Aug.2016 | 13:21 Uhr

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