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Lübeck

30. August 2016 | 12:52 Uhr

Flüchtlingsheim : Nach Brandanschlag in Escheburg: „Das hat nicht mit Ausländerfeindlichkeit zu tun“

vom

Ein 39-Jähriger soll eine Flüchtlingsunterkunft angezündet haben. Vor Gericht erläutert er seine Beweggründe.

Escheburg | Mit einem Geständnis des Angeklagten hat am Donnerstag in Lübeck der Prozess um den Brand in einer noch unbewohnten Flüchtlingsunterkunft in Escheburg im Kreis Herzogtum Lauenburg  begonnen.

Zu Prozessbeginn zeigte der heute 39 Jahre alte Familienvater auch Reue. „Die Anklage ist richtig. Ich bekenne mich dazu, und ich schäme mich. Ich kann nicht begreifen, warum ich das getan habe“, sagte der 39-Jährige, der neben dem Flüchtlingsheim wohnte. Aus Angst um seine Familie habe er den Einzug von sechs irakischen Männer verhindern wollen.

Der Angeklagte beim Prozessauftakt in Lübeck. Der 39-Jährige soll in Escheburg einen Brandsatz in eine noch unbewohnte Flüchtlingsunterkunft geworfen haben.
Der Angeklagte beim Prozessauftakt in Lübeck. Der 39-Jährige soll in Escheburg einen Brandsatz in eine noch unbewohnte Flüchtlingsunterkunft geworfen haben. Foto: dpa
 

Dem Finanzbeamten, der in einer Neubausiedlung am Rande von Escheburg im Kreis Herzogtum Lauenburg lebt, wird Brandstiftung vorgeworfen.

Er und seine Nachbarn seien verärgert und enttäuscht gewesen, dass das Amt Hohe Elbgeest so wenig Rücksicht auf die Anwohner genommen habe, sagte der Angeklagte vor Gericht. „Das hat gar nicht mit Ausländerfeindlichkeit zu tun.“

„Als ich an meinem Car-Port vorbei ging und dort den Kanister mit Pinselreiniger stehen sah, habe ich den wie in Trance genommen und bin damit zu der Doppelhaushälfte gegangen. Ich habe das Loch, das da bereits in der Scheibe war, vergrößert, habe die Flüssigkeit in das Haus geschüttet und sie angezündet“, sagte er vor Gericht. Er habe geglaubt, durch die Brandstiftung den Einzug der Flüchtlinge hinauszögern zu können. „Dann hätten wir Zeit gewonnen, um nach Verfahrensfehlern zu suchen“, sagte der Beamte. 

Bei einer Verurteilung droht dem 39-Jährigen eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren. Der Prozess wird am Montag (11. Mai) fortgesetzt.

Was bisher geschah:

9. Februar 2015

Nach ersten Erkenntnissen der Polizei werfen bis dato Unbekannte einen mit brennenden Lappen präparierten Kanister mit Verdünnung zum Pinselreinigen durch eine Fensterscheibe ins Erdgeschoss des Holzhauses. Der Holzfußboden, Wandvertäfelungen und die Möbel des bereits für die erwarteten Bewohner hergerichteten Essplatzes geraten daraufhin in Brand. Der Schaden wird auf 20.000 Euro geschätzt.

„Wir haben hier im Dorf zwar schon längere Zeit Diskussionen über die Unterbringung von Asylbewerbern, aber dass das Thema so eskaliert, hätte ich nicht für möglich gehalten“, erklärt Bürgermeister Rainer Bork. Das Amt hatte das aus zwei Hälften bestehende Holzhaus in dem Neubaugebiet unweit der Schule und des Golfplatzes gerade erst für mehr als 300.000 Euro gekauft, um dort die dezentrale Unterbringung von Asylsuchenden im Amtsgebiet fortzuführen. Bork kündigt an, in vier Wochen soll alles neu bezugsfertig sein.

10. Februar 2015

Einen Tag nach dem Brandanschlag auf das Asylbewerberheim hat die Polizei noch keine heiße Spur von dem Täter. „Unsere Staatsschutzabteilung arbeitet mit Hochdruck an der Aufklärung“, sagt Oberstaatsanwalt Ralf Peter Anders von der Lübecker Staatsanwaltschaft. Bis in die Nacht hatten Ermittler der Kriminalpolizei an der Brandstelle Spuren gesichert. Es folgen weitere Vernehmungen in der Nachbarschaft. „Nach dem, was wir bisher wissen, können wir wohl eindeutig von einer fremdenfeindlichen Motivation für die Tat ausgehen“, sagt Anders.

12. Februar 2015

10.000 Euro Belohnung werden für Hinweise auf den Brandstifter von Escheburg ausgesetzt. Die Lübecker Staatsanwaltschaft erhofft sich Hinweise, die zur Aufklärung des Brandanschlags und die Ergreifung des Täters führen. Vermutet wird, dass der Brandstifter aus dem Umfeld der in der Straße Am Golfplatz stehenden Flüchtlingsunterkunft kommt.

15. Februar 2015

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) bedankt sich im Rahmen einer Mahnwache bei den Bürgern in Escheburg, die sich solidarisch für Flüchtlinge zeigen. Etwa 350 Bürger aus der Gemeinde und der Umgebung folgen dem Aufruf, ein Zeichen für Toleranz und gegen Fremdenhass zu setzen.

Etwa 350 Menschen, unter ihnen Ministerpräsident Torsten Albig, hatten sich am Sonntagabend in Escheburg zu einer Mahnwache versammelt.
Etwa 350 Menschen, unter ihnen Ministerpräsident Torsten Albig, hatten sich am Sonntagabend in Escheburg zu einer Mahnwache versammelt. Foto: Timo Jann
 

19. Februar 2015

Die Polizei nimmt einen Verdächtigen fest. Der Mann - er stammt aus der unmittelbaren Nachbarschaft der Unterkunft - steht unter dringendem Verdacht, einen Brandsatz in das Gebäude geworfen zu haben. DNA-Spuren an einem abgebrannten Streichholz und dem Kanisterdeckel vor dem Fenster führen die Ermittler auf die Spur des damals 38-Jährigen. Er wird später dem Haftrichter vorgeführt und wiederholt sein Geständnis, das er bereits bei der Polizei abgelegt hatte.

23. Februar 2015

Unter dem Motto „Auch in Escheburg sind Flüchtlinge willkommen" setzen mehr als 200 Menschen aus Escheburg und Umgebung ein deutliches Zeichen der Offenheit. Auf Einladung aller Fraktionen hatte Bürgermeister Rainer Bork die Informationsveranstaltung nach dem Anschlag organisiert. In der lebhaften Diskussion äußern viele Einwohner Verständnis für die Situation der Flüchtlinge. Einige Anwohner kritisieren die mangelnde Information durch die Gemeinde. Auch Ängste und Vorbehalte werden laut. Sie fürchten sich vor der geplanten Unterbringung von sechs aus dem Irak geflüchteten Männern.

Der Bürgermeister der Gemeinde Escheburg, Rainer Bork, spricht bei der Bürgerversammlung im überfüllten Gemeindehaus.
Der Bürgermeister der Gemeinde Escheburg, Rainer Bork, spricht bei der Bürgerversammlung im überfüllten Gemeindehaus. Foto: Axel Heimken
 

9. März 2015

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen den mutmaßlichen Brandstifter. Die Staatsanwaltschaft geht nach Angaben ihres Sprechers davon aus, dass der Angeklagte die Tat allein begangen hat. Es wird bekannt, dass wenige Stunden vor dem Brand am 9. Februar 15 aufgebrachte Bewohner der Neubausiedlung im Amt Hohe Elbgeest ins Büro der Leitenden Verwaltungsbeamtin Brigitte Mirow gestürmt waren. Dort hatten sie lautstark ihrem Unmut über die geplante Unterbringung Luft gemacht und beklagt, von der Gemeinde zu spät informiert worden zu sein. Unter den Beschwerdeführern war auch der Angeklagte, der sich besonders aggressiv gegen die Neuankömmlinge geäußert haben soll.

6. März 2015

„Inzwischen wird das gesamte Doppelhaus wie geplant für die Unterbringung von Flüchtlingen genutzt“, sagt Mirow der Deutschen Presse-Agentur. Aktuell leben in dem Ort vor den Toren Hamburgs etwa 15 Flüchtlinge. Probleme habe es seit dem Anschlag vom 9. Februar nicht mehr gegeben, sagte sie. 

Für den Prozess hat das Gericht zunächst zwei Verhandlungstage geplant. Es sind elf Zeugen geladen. „Wir rechnen mit einem großen Interesse der Öffentlichkeit, deshalb haben wir den Prozess extra in unseren größten Verhandlungssaal verlegt“, sagt der Pressesprecher des Landgerichts, Stephan Bahlmann.

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erstellt am 07.Mai.2015 | 09:30 Uhr

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