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Lübeck

03. Dezember 2016 | 22:56 Uhr

Nach Zivilklage des Bruders : Fall Ursula Herrmann: Neuer Prozess gegen einen Kappelner

vom
Aus der Onlineredaktion

Im Herbst 1981 wurde die zehnjährige Ursula Herrmann entführt und erstickte in einer Holzkiste. Ihr Bruder zweifelt daran, dass alle Täter in Haft sitzen. Jetzt wird der Fall neu aufgerollt.

Lübeck | Die Entführung der zehnjährigen Ursula Herrmann vor 35 Jahren ist am Donnerstag erneut Thema eines Prozesses vor dem Landgericht Augsburg. Das Mädchen war 1981 am Ammersee verschleppt und in eine vergrabene Holzkiste gesperrt worden. Darin erstickte das Kind binnen Stunden, weil die Lüftung nicht funktionierte. Ursulas Bruder Michael Herrmann verlangt nun in einem Zivilprozess von dem in Lübeck inhaftierten Täter 20.000 Euro Schmerzensgeld.

Der Fall Herrmann zählt zu den bekanntesten Kriminalfällen in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Erpresser, der damals einen Millionenbetrag als Lösegeld von Herrmanns Eltern verlangt hatte, war erst im Jahr 2010 in Augsburg nach einem langwierigen Indizienprozess wegen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil.

Michael Herrmann hat Zweifel an dem damaligen Urteilsspruch und will mit seiner Zivilklage den Fall noch einmal juristisch aufrollen. Er geht insbesondere davon aus, dass es noch weitere, bisher nicht bekannte Täter gibt.

Der 66 Jahre alte Täter hat auf die Schmerzensgeldforderung entgegnet, er habe die Tat nicht begangen und sei daher in dem Zivilverfahren der falsche Beklagte. Der Inhaftierte wird nach Angaben des Gerichts nicht an dem Prozess teilnehmen. Sein Verteidiger sieht das Verfahren ebenfalls als Chance, den Fall neu aufzurollen. Er prüft derzeit auch einen Wiederaufnahmeantrag für den Strafprozess.

Der Fall Ursula Herrmann - eine Chronologie

Im Herbst 1981 schockte das brutale Verbrechen an Ursula Herrmann die Menschen in Deutschland. Die wichtigsten Daten des Kriminalfalles:

September 1981: Am 15. September wird Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee auf dem Nachhauseweg entführt und in ein Waldstück zwischen Schondorf und Eching verschleppt. Dort wird sie in einer im Waldboden vergrabenen Holzkiste eingesperrt.

September 1981: Einige Tage nach der Entführung geht bei Ursulas Eltern ein Erpresserbrief ein. Sie werden aufgefordert, ein Lösegeld in Millionenhöhe zu zahlen.

Oktober 1981: Rund drei Wochen nach der Entführung wird am 4. Oktober die Holzkiste mit der Leiche des Mädchens entdeckt. Nach dem Obduktionsergebnis war die Zehnjährige Stunden nach dem Kidnapping erstickt, da die Luftzufuhr zu der Kiste mit Laub verstopft war. In der Kiste wurden Lebensmittel und Kinderbücher gefunden. Zu den Tätern fehlt jede Spur.

2002: Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ berichtet erneut über den Fall. Es gehen zahlreiche Hinweise ein, darunter aber keine heiße Spur.

2006: Ein in Taiwan inhaftierter Deutscher wird verdächtigt, Ursulas Mörder zu sein. Die Spur erweist sich als falsch.

2008: In Schleswig-Holstein wird ein 58-Jähriger unter dringendem Tatverdacht verhaftet. Es soll sich um den mutmaßlichen Entführer handeln. Er war schon früher verdächtigt worden, es fehlten aber Beweise.

Februar 2009: Vor dem Landgericht Augsburg beginnt der Indizienprozess gegen den Mann und dessen Ehefrau. Ihm wird erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge vorgeworfen, seiner Ehefrau Beihilfe dazu.

März 2010: Der Angeklagte wird zu lebenslanger Haft verurteilt, seine Frau wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Ursulas Bruder, Michael Herrmann, äußert Zweifel an dem Urteil: „Es wird Recht gesprochen, aber es geschieht keine Gerechtigkeit.“

Januar 2011: Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe bestätigt das Urteil gegen den inzwischen 60 Jahre alten Angeklagten.

Juni 2016: Michael Herrmann verklagt den Täter auf 20.000 Euro Schmerzensgeld. Herrmann will mit dem Zivilprozess auch die zahlreichen Rätsel des Falls noch einmal aufrollen. Der Bruder geht davon aus, dass es zumindest mehrere Mittäter gegeben hat. Auch die Verbindung des Falls Herrmann zu einem späteren Mord in München wurde nie aufgeklärt - an beiden Tatorten wurde die gleiche DNA-Spur sichergestellt.

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erstellt am 16.Jun.2016 | 11:42 Uhr

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