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Lübeck

08. Dezember 2016 | 15:34 Uhr

350 Jahre Reformierte Gemeinde

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Lübeck: Das Innere des klassizistischen Kirchengebäudes in der Königstraße erinnert an ein antikes Theater

Die Evangelische-reformierte Gemeinde in Lübeck hat mit einem Festakt an ihre Gründung vor 350 Jahren erinnert. Im seinerzeit streng lutherischen Lübeck erhielten die hauptsächlich aus den Niederlanden und England zugezogenen Reformierten, die sich auf die Schweizer Reformatoren Johannes Calvin und Ulrich Zwingli berufen, die Erlaubnis, eigene Gottesdienste zu feiern. Der erste erlaubte Gottesdienst fand am 26. August 1666 in privaten Räumen statt.

Viele Jahre später – 1736 – erhielt die Gemeinschaft die Erlaubnis, vor dem Holstentor, in der Reiferstraße, eine Kirche zu errichten. Allerdings durfte sie von außen als solche nicht erkennbar sein. Sie musste vielmehr wie ein Wohnhaus aussehen. Erst 1811, in der Franzosenzeit, erreichten die Reformierten die rechtliche Gleichstellung als anerkannte christliche Religionsgemeinschaft. Das bedeutete auch, dass sie in der Lübecker Altstadt Grundbesitz zum Bau eines Gotteshauses erwerben konnten. In den Jahren 1798 bis 1847 hatte die Reformierte Gemeinde in Johannes Geibel, dem Vater des renommierten Dichters Emanuel Geibel, einen herausragenden Prediger, der über die Gemeinde hinaus Anerkennung fand und große Zuhörerzahlen anzog.

Die kleine Kirche in der Vorstadt reichte nicht mehr aus. Da in der Königstraße das Stadtpalais des Kaufmanns Christoph Kohpeis zum Verkauf anstand, entschloss sich die Gemeinde, das aus ehemals drei gotischen Häusern „zusammengewachsene“ Gebäude nebst Gartengrundstück zu erwerben. Lübecks Stadtbaumeister Heinrich Nikolaus Börm entwarf die Pläne für den Umbau, der im strengen klassizistischen Stil ausgeführt wurde. 1826 wurde die von außen kaum erkennbare Kirche mit einer Predigt von Johannes Geibel eingeweiht.

Ein weiterer herausragender Prediger war Geibels Vorgänger im Amt, Otto Friedrich Butendach, Seelsorger von 1762 bis 1798. Im Gartenflügel ist bis heute seine Büchersammlung zu bewundern als Beispiel einer privaten Gelehrtenbibliothek des 18. Jahrhunderts.

Das markante Gebäude Königstraße 18 – genau gegenüber dem heutigen Willy-Brandt-Haus – mit der hell verputzten Fassade gilt als bedeutendstes Beispiel des Klassizismus in Lübeck. Es wurde in den vergangenen Monate gründlich saniert und renoviert. Die Gemeinde konnte im Juni wieder in den großen Kirchsaal einziehen, der mit seinem Halbrund, konzentriert auf Kanzel und Abendmahlstisch, an ein antikes Theaterrund erinnert. Auch die Orgel ist eine Besonderheit: ein mehr als 100 Jahre altes Instrument der Firma Walcker, die größte als Ganzes in Schleswig-Holstein erhaltene Orgel der Firma aus Ludwigsburg.

Auch in der Geistesgeschichte spielt das Gebäude Königstraße 18 eine interessante Rolle. Im Jahr 1847 tagte hier die zweite Germanistenversammlung. Den Vorsitz bei diesem „geistigen Landtag des deutschen Volkes“ hatte der Märchensammler Jakob Grimm. Im Jahr darauf, in den Revolutionstagen von 1848, traf sich hier die Lübecker Bürgerschaft. Thomas Mann hat das in „Buddenbrooks“ lebendig beschrieben. Hier wurde seinerzeit die Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechts beschlossen. Bekanntheit erlangte der klassizistische Bau auch mit der legendären Treppenszene in der Buddenbrooks-Verfilmung (1959) mit Natja Tiller, HansJörg Felmy, Werner Hinz, Lil Dagover, Liselotte Pulver, Gustav Knuth, Rudolf Platte und dem großen Lübecker Schauspieler Günther Lüders.



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