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Kiel

29. September 2016 | 06:55 Uhr

Großer Tümmler vor Kiel : Wird die Ostsee zum neuen Lebensraum für Delfine?

vom

Delfine könnten in der Ostsee ein neues Zuhause finden, sagen Experten. Was noch fehlt, sind die Weibchen.

Kiel | Wer in diesem Jahr an der Ostsee Urlaub macht, wähnt sich mitunter am Mittelmeer oder Atlantik. Nicht nur die Wärme sorgt für mediterranes Feeling, sondern auch exotische Besucher: Seit Juli tummelt sich zwischen den Inseln Rügen und Usedom ein zehn Meter großer Buckelwal. Weiter westlich - in der Kieler Bucht - sorgt ein Delfin für Begeisterung. Hinzu kommen die beiden Großen Tümmler Selfie und Delfie, die sich im Februar und März an verschiedenen Stellen der deutschen Ostseeküste blicken ließen.

Erobern sich fremde Arten mit der Ostsee einen neuen Lebensraum? Ist gar der Klimawandel schuld? Oder haben sich Arten wie Buckelwale und Große Tümmler nach konsequenten Schutzmaßnahmen so vermehrt, dass eben mehr Irrläufer in das Randmeer kommen? „Wir wissen es nicht“, sagt der Direktor des Deutschen Meeresmuseums, Harald Benke, in Stralsund. Die Forscher stehen vor einem Rätsel.

Fakt ist, dass es in den vergangenen Jahren mehr Sichtungen von Großwalen und Delfinen in der Ostsee gab. Dies könne aber mit den verbesserten Meldesystemen zusammenhängen. So hat das Meeresmuseum eine App entwickelt, mit der noch vom Boot aus jedes Tier gemeldet werden kann. Auch wird inzwischen ein Handyvideo auf Facebook schneller verbreitet als ein Delfin davon schwimmen kann.

Besonders gefräßig: Die aus dem Kaspischen Meer stammende Schwarzmundgrundel.
Besonders gefräßig: Die aus dem Kaspischen Meer stammende Schwarzmundgrundel. Foto: hfr
 

Andere fremde und weniger auffällige Arten sind in den letzten Jahren in der Ostsee durchaus heimisch geworden. So haben sich die Schwarzmundgrundel - ein Fisch - und die walnussgroße Rippenqualle als invasive Arten in der Ostsee festgesetzt und beeinflussen dort inzwischen das Ökosystem. Die amerikanische Rippenqualle (Mnemiopsis leidyi) wurde 2006 erstmals in der Ostsee entdeckt und hat sich in diesem Sommer stark vermehrt. Die im Asowschen und Kaspischen Meer beheimatete Schwarzmundgrundel kam 1990 erstmals in der Danziger Bucht bei Polen, von wo sie sich nach Norden in Richtung Finnland und Schweden und nach Westen in Richtung Dänemark ausbreitete.

Wie bei der Rippenqualle halten es die Forscher des Rostocker Thünen-Instituts für Ostseefischerei für wahrscheinlich, dass die etwas mehr als 20 Zentimeter große Schwarzmundgrundel über das Ballastwasser von Schiffen eingeschleppt wurde und Bedingungen vorfand, die sie seitdem prächtig gedeihen lassen. „Die Schwarzmundgrundel ist sehr tolerant und deshalb auch so erfolgreich“, sagt der Fischereibiologe Daniel Oesterwind. Auch wenn der Klimawandel nicht Grund für ihr Auftauchen ist, könnte er möglicherweise die Fortpflanzung begünstigt haben.

Nach Angaben des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) hat sich die Ostsee im vergangenen Jahrhundert leicht erwärmt. Wie Langzeit-Messreihen ergaben, ist die durchschnittliche Oberflächentemperatur bei der dänischen Insel Bornholm im Juli/August um anderthalb Grad gestiegen. Dies sei durchaus ein robustes Signal, dass sich die Ostsee erwärmt, sagte der Ozeanograf des IOW, Markus Meier.

Unterschiedlichen Szenarien zufolge könnte die Oberflächentemperatur in der Ostsee bis Ende des 21. Jahrhunderts um zwei bis vier Grad im Jahresmittel steigen. Welche Auswirkungen der Klimawandel auf den Salzgehalt haben wird, sei bislang nicht klar. Die Forscher gehen derzeit eher von einer Abnahme aus, da aufgrund vermehrter Niederschläge mehr Süßwasser über die Flüsse in die Ostsee gelangt als verdunstet.

Für den Großen Tümmler sehen die Meeresbiologen des Deutschen Meeresmuseums durchaus Chancen, dass er die Ostsee als Lebensraum langfristig annehmen kann - auch weil anscheinend die Population in der Nordsee steigt. „Der Große Tümmler ist sehr standorttreu“, sagt der Walforscher Benke. Mit Dorschen und Heringen gebe es in der Ostsee ausreichend Nahrung.

Voraussetzung für den dauerhaften Verbleib ist jedoch das Nachrücken von Weibchen. Bislang wurden in der Ostsee nur Männer beobachtet. Sie sind - trotz Standorttreue  - bislang isolierte Einzelgänger. Zudem hat die Ostsee eine Besonderheit, die zum Problem für die Gäste werden kann: Anders als die Nordsee friert sie bei kalten Wintern zu großen Teilen zu. Meeressäuger müssen aber regelmäßig zum Atmen an die Oberfläche. Wie Selfie und Delfie bewiesen haben, sind aber auch Delfine - ähnlich wie die heimischen Schweinswale - in der Lage, in der Ostsee zu überwintern.

Ein Buckelwal springt aus dem Wasser.
Ein Buckelwal springt aus dem Wasser. Foto: Jose Jacome
 

Die imposanten Buckelwale werden nach Einschätzung der Experten jedoch auch künftig Irrgäste bleiben. Sie benötigen fürs Überleben große Wanderungsstrecken vom Nordatlantik bis zu den subtropischen Bereichen. „Die Ostsee liegt nicht auf der Wanderroute“, sagt Benke.

Möglich, dass trotzdem künftig mehr Buckelwale zwischen Usedom und Kiel auftauchen. Die Population der Buckelwale ist nach dem Bejagungsverbot für Großwale in den 1980-er Jahren seit einiger Zeit  wieder im Steigen - vor allem im Nordatlantik, Nordpazifik und Indischen Ozean. Die IUCN hatte die geschützte Art deshalb 2008 für diese Gebiete auf Least Concern (nicht gefährdet) zurückgestuft. Gut möglich, dass sich also mehr Tiere in die Ostsee verirren.

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erstellt am 19.Sep.2016 | 10:31 Uhr

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