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Kiel

07. Dezember 2016 | 21:25 Uhr

30 Jahre nach der Atom-Katastrophe : Wie der Super-Gau das Leben eines Tschernobyl-Arbeiters für immer zerstörte

vom

Der schwerkranke ehemalige Liquidator Oleksandr Lisniak spricht über seinen Einsatz am havarierten Atomkraftwerk Tschernobyl - und über das, was danach kam.

Kiel | „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ – auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung klärt eine Delegation aus der Ukraine, aus Russland und Japan zurzeit in Schulen im Kieler Raum über die Gefahren der Atomenergie auf. Oleksandr Lisniak (57) gehörte zu den sogenannten „Liquidatoren“, die direkt in Tschernobyl, später auch in der Umgebung, an der Eindämmung der Katastrophe beteiligt waren. Der ausgebildete Schweißer war im Mai 1986 insgesamt 37 Tage lang vor Ort im Einsatz. Der sh:z sprach mit ihm.

Wo waren Sie, als der Reaktor von Tschernobyl in die Luft flog?
Ich war damals Reservist der Armee. Ich war zu Hause in meiner Wohnung in Dnipropetrowsk.

Oleksandr Lisniak (57)
Oleksandr Lisniak (57)


Wie wurden Sie Liquidator? War der Einsatz freiwillig?

Die Soldaten und Reservisten der Armee wurden eingesetzt, um die Folgen der Havarie zu beseitigen.

Was waren Ihre Aufgaben?
Ich habe Stickstoff in den Reaktorkern geschüttet. Der Stickstoff sollte die Erde und den Reaktor kühlen, um eine Kernschmelze zu vermeiden.

Wussten Sie damals von der Gefährlichkeit radioaktiver Strahlung?
Damals kannte niemand die Wahrheit. Wir wussten nichts. Niemand sprach von einer Gefahr. Wir sind aufgewachsen mit dem sowjetischen Patriotismus. Ich kenne niemanden, der den Einsatz abgelehnt hat. Wir hatten nur eine einfache Maske vor dem Gesicht, die der Wind oft verschoben hat. Man hat mir eine „Sanierung“ im Krankenhaus angeboten, aber ich habe abgelehnt. Ich hatte zwei kleine Kinder und musste Geld verdienen für meine Familie.

Sie wurden später krank. Welche Erkrankungen haben Sie?
Es ist, ehrlich gesagt, leichter zu sagen, was ich nicht habe. Meinen Invaliden-Ausweis habe ich wegen Schilddrüsenkrebs erhalten. Ich habe ständige Kopfschmerzen. Fast alle Organe in meinem Körper sind geschädigt. Ich habe auch akute Herzprobleme – aber dies wollen die Ärzte nicht mit dem Unfall von Tschernobyl erklären.

Wissen Sie, wie viele Liquidatoren insgesamt im Einsatz waren?

Nach meiner Erfahrung waren allein in der Ukraine 340.000 Liquidatoren im Einsatz, und über 200.000 sind bereits ums Leben gekommen. Es ist schwer, genaue Zahlen zu erhalten, weil es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion getrennte Listen in der Ukraine, in Russland und in Weißrussland gab. Liquidatoren kamen aber auch aus Kasachstan, Estland oder Litauen. Viele Menschen haben den Liquidatoren-Ausweis nicht erhalten, zum Beispiel Ärzte oder die Menschen, die die Evakuierung geleitet haben. Sie wurden ebenfalls verstrahlt. Auch Bauarbeiter gehören dazu. In Weißrussland gibt es neue Siedlungen, die eine höhere Strahlendosis aufweisen als die geräumten Orte. Es ist ein Wahnsinn.

Glauben Sie noch an die friedliche Nutzung der Kernenergie?

Leider liefert die Atomkraft keine absolute Sicherheit. Nach der Katastrophe von Tschernobyl hat man vor allem im Westen von menschlichem Versagen gesprochen. Aber es gibt andere Ursachen: Woran haben die Japaner gedacht, als sie in Fukushima ein AKW mitten in der Erdbebenzone geplant haben? Das Grundproblem ist: Wir können die Strahlung nicht ausatmen.


Wie es heute, 30 Jahre nach der Katastrophe in Tschernobyl aussieht, zeigen Bilder aus der Sperrzone - gesammelt in diesem Text.

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erstellt am 26.Apr.2016 | 19:12 Uhr

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