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Fund in Kiel : Was eine 100 Jahre alte Bierkiste erzählt...

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Auf der Suche nach Munitionsresten entdeckten Taucher eine Box der Kieler Brauerei Schifferer. Sie lag vermutlich 100 Jahre im Wasser.

Kiel | Schätzungsweise ein volles Jahrhundert dürfte eine historische Bierkiste wohl im Wasser vor der Holtenauer Kanalschleuse geschlummert haben. Bei den Vorarbeiten für den Neubau der Kleinen Schleuse brachten Taucher sie in diesen Tagen wieder ans Tageslicht. Der ungewöhnliche Fund kann einiges erzählen aus der Frühzeit der Kieler Schleusenanlage.

Matthias Visser vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) vermutet, dass die Kiste mit den 24 unversehrten Flaschen aus der Bauzeit der Großen Schleusen stammt (1914 bis 1918). Bekanntlich wurde die 100 Kilometer lange Wasserstraße nach mehrjähriger Bauzeit im Juni 1895 im Beisein von Wilhelm II. als „Kaiser-Wilhelm-Kanal“ eröffnet. Er erwies sich ziemlich schnell als zu klein. Ab 1907 wurde der Kanal von 67 Meter auf 103 Meter verbreitert und auf elf Meter vertieft. Und es entstanden zusätzlich zum Paar der vorhandenen Kleinen Schleusen die damals größten Schleusenanlagen der Welt in Brunsbüttel und Holtenau, die Großen Schleusen.

<p>Die gefundene Kiste Bier ist rund 100 Jahre alt.</p>

Die gefundene Kiste Bier ist rund 100 Jahre alt.

Foto: sh:z
 
Diese historische Aufnahme  zeigt Arbeiter und Taucher an der Großen Schleuse. Sie wechseln die sogenannten Torunterwagen aus, auf denen die Schiebetore rollen.
Diese historische Aufnahme zeigt Arbeiter und Taucher an der Großen Schleuse. Sie wechseln die sogenannten Torunterwagen aus, auf denen die Schiebetore rollen. Foto: WSA Holtenau
 

Der Bierkasten scheint aus eben dieser Zeit zu stammen. „Wir gehen davon aus, dass jemand den Kasten zum Kühlen in den Kanal gelegt und dann nicht wieder rausgeholt hat“, erklärt Visser. Ob die Arbeiter ihre Getränke schlichtweg vergessen haben, ob vielleicht das Halteseil gerissen ist oder ob die Taucher damals ein geheimes Depot angelegt haben – das lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls standen alle 24 Flaschen unbeschädigt im Kasten, als er von Tauchern entdeckt und gehoben wurde.

Die Tauchgänge gehören zu den Vorarbeiten für den Ersatzneubau der Kleinen Schleuse. Aufgrund starker Schäden ist dieses Paar seit Mitte 2014 nicht mehr in Betrieb. Seither wird der gesamte Schiffsverkehr in Holtenau über die beiden Großen Schleusen abgewickelt. Was wiederum bedeutet: Wenn – wie jetzt fürs Frühjahr angekündigt – eine der beiden Kammern wegen Wartungsarbeiten wochenlang geschlossen werden muss, steht von ursprünglich vier Kammern in Holtenau nur noch eine einzige zur Verfügung. Sollte – was gelegentlich passiert – ein Schiff in diesem Nadelöhr ein Schleusentor rammen, wäre der Verkehr im gesamten Nord-Ostsee-Kanal lahmgelegt.

Für das WSA ist die 125 Meter lange Kleine Schleuse deshalb von großer Bedeutung. Als Ausweichschleuse – und weil rund 70 Prozent aller Berufsschiffe sie nutzen können. Nur die riesigen Pötte, die 30 Prozent des Verkehrs ausmachen, sind zwingend auf die Große Schleuse angewiesen.

Für die Planungen zum Bau der neuen Kleinen Schleuse finden gegenwärtig umfangreiche Bohrarbeiten und Sondierungen statt. Sie geben dem WSA und der späteren Baufirma Hinweise auf den Baugrund. Zugleich wird das Gelände auf Reste von Kampfmitteln aus dem Zweiten Weltkrieg überprüft. Und immer wenn die Metalldetektoren anschlagen, steigen Taucher ins Wasser.

Auf diese Weise entdeckten sie auch den Bierkasten der Brauerei A. Schifferer. Auf dem Gelände am Walkerdamm, dort, wo heute das Hotel Consul steht, produzierte sie bis 1922 ihr Bier. Der Schifferer-Ausschank war ein beliebter Treffpunkt für Kieler Studenten und genoss auch Ansehen bei Touristen. In einer Anzeige der Voßschen Seebadeanstalt von 1889 und in einem Stadtführer wurde auf den Ausschank von Schifferer-Bier hingewiesen. Firmen-Patriarch Anton Schifferer saß zunächst für die Nationalliberalen im Preußischen Abgeordnetenhaus. Bei der Reichstagswahl im September 1930 wurde er für die DVP in den Reichstag gewählt. NS-Ministerpräsident Hermann Göring ernannte Schifferer 1933 zum Preußischen Staatsrat, was er bis zu seinem Tode 1943 blieb. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.  

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erstellt am 14.Mär.2017 | 13:43 Uhr

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