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Kiel

09. Dezember 2016 | 10:47 Uhr

Künstlerinnen zu Kaisers Zeiten : Von wegen Terpentin-Tanten!

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bei der Gemeinschaftsschau „Kunst in der Kaiserzeit“ zeigt der Warleberger Hof die wachsende Bedeutung malender Frauen. Zutritt zu offiziellen Akademien hatten die „Mal-Weiber“ und „Terpentin-Tanten“ bislang nicht, jetzt aber holen die Künstlerinnen auf. Das kann der Besucher anhand der Bilder gut erkennen.

Sie waren verpönt, jene Frauen, die zum Pinsel griffen und sich an die Staffelei setzten. Kunst war männliche Domäne. Wenn überhaupt, so blieb den Künstlerinnen die Blumen-Malerei vorbehalten, mit der sich die männlichen Kollegen nicht abgaben. Der Warleberger Hof zeigt ab morgen, wie sich langsam, Stück für Stück und von mancherlei Rückschlägen begleitet, die Frauen in der Kunst durchsetzten. Wie aus den „Mal-Weibern“ und „Terpentin-Tanten“ ernst zu nehmende Künstlerinnen wurden. Die Bilderschau ist Teil der beeindruckenden Gemeinschaftsschau mit der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek, sie trägt den Titel „Kieler Künstler und Künstlerinnen in der Kaiserzeit 1871 bis 1918“.

Passend zur Ausstellung ist in der Reihe „Kieler Künstler“ der zweite Band erschienen. Ulrich Schulte-Wüwer hat sich in dem voluminösen Buch intensiv mit dem Leben von zwei Dutzend Malerinnen und Malern beschäftigt. Hinrich Mißfeldt gehört zu ihnen, ebenso Hans Olde und Carl Arp. Aufgenommen hat der Autor auch Sophie Sthamer, eine vielversprechende Künstlerin, die in Berlin studiert, in Paris gelebt und in Italien fortgebildet hatte. Doch nach der Heirat mit Hermann Prell war es mit dem Malen vorbei. Die Bilder des Bräutigams kamen bei der Großen Berliner Kunstausstellung bei weitem nicht so gut an wie Sophies Kunstwerke – jetzt erwartete der neidische Ehemann von seiner Frau, sich auf Heim und Herd zu konzentrieren.

Zu den außergewöhnlichen Frauen jener kaiserlichen Epoche gehörte Helene Gries-Danican. Sie war Mitglied der „Malschule“, die Georg Burmester auf dem Ostufer in Heikendorf eingerichtet hatte. Gerade weil ihnen die Anerkennung der männlichen Kollegen in Akademien lange versagt blieb, waren die Frauen in diesen Künstlerkolonien stark vertreten. Helene Gries-Danican gehörte zu den wenigen Künstlerinnen, die konsequent den Weg in die Moderne beschreiten konnten. Ihre Bilder etwa von der „Roten Scheune“ bezeugen, dass die Kielerin zu einer bedeutenden Expressionistin wurde.

Wie Doris Tillmann, Yvonne Danker und Katrin Seiler-Kroll in der Ausstellung im Warleberger Hof dokumentieren, hat Helene Gries-Danican diese Unabhängigkeit bitter bezahlt. Sie heiratete nie, blieb kinderlos und lebte nach dem Ersten Weltkrieg in ärmlichen Verhältnissen. Als die faszinierende Künstlerin 1935 starb, geriet sie schnell in Vergessenheit. Ihr Leben (und das ihrer Alterskolleginnen) wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu stellen, ist Verdienst der Ausstellung. Doris Tillmann, Museumsleiterin im Warleberger Hof, stellt fest: „Man sieht gut, wo die Frauen in ihrer künstlerischen Entwicklung stehen bleiben mussten.“ Aber eben auch, wo sie sich ausnahmsweise weiterentwickeln durften.

 

Begleitprogramm:
> Kombiführung durch beide Ausstellungen im Stadtmuseum und in der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek: sonntags, 15.30 bis 17.30 Uhr, Start: Stadtmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19;
Gruppenführung nach Vereinbarung: Tel. 0431/901-3488
> Sonnabend, 4. Februar 2017, 15 bis 17 Uhr: Themenführung mit der Kunsthistorikerin Dr. Telse Wolf-Timm, „Helene Gries-Danican und die Malerinnen im künstlerischen Aufbruch um 1900“; Eintritt: 4 Euro
> Freitag, 17. März, 18 bis 20 Uhr After-Work-Führung „Hinaus an die Kieler Förde und in die Probstei – Georg Burmester und sein Schülerinnenkreis“ mit der Kunsthistorikerin Dr. Telse Wolf-Timm mit anschließendem Umtrunk im Gewölbekeller, Eintritt: 5 Euro inklusive Getränk
> Der Warleberger Hof (Dänische Straße 19) hat dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt: 3 Euro, ermäßigt: 1 Euro

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erstellt am 18.Nov.2016 | 19:13 Uhr

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