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Kiel

05. Dezember 2016 | 21:36 Uhr

70 Jahre SPD-Fraktion : Von Andreas Gayk zum „Köster-Röster“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jubiläumsveranstaltung „70 Jahre SPD-Ratsfraktion“: Die Sozialdemokraten blickten gestern Abend auf ihre wechselhafte Historie zurück. Oft besaßen die Roten die absolute Mehrheit, oft wurden sie für die „Arroganz der Macht“ abgestraft.

Trümmerräumung und Wohnungsbau, Krankenversorgung, Wiederherstellung des Schulsystems und natürlich die Unterbringung der Flüchtlinge – direkt nach dem Kriege waren die Probleme (nicht nur) in Kiel riesig. Gleichzeitig aber herrschte eine unglaubliche Aufbruchstimmung – nach den brutalen Nazi-Jahren sollte alles besser, alles anders werden. „Raus aus dem Elend!“ war das Wahlplakat betitelt, mit dem die SPD im Oktober 1946 um Stimmen warb. Mit Erfolg: Mit absoluter Mehrheit (28 von 45 Plätzen) zog die SPD in die Ratsversammlung ein. Daran erinnerte gestern Abend die Festveranstaltung „70 Jahre SPD-Ratsfraktion“ im Kieler Rathaus.

Natürlich war der amtierende Fraktionschef Hans-Friedrich Traulsen der erste, der die Gäste – unter ihnen viele sozialdemokratische „Haudegen“ der Vergangenheit – begrüßte. In 70 Jahren hat die Partei insgesamt 19 Fraktionsvorsitzende erlebt, bewundert, verschlissen, manchmal auch nach kurzer Zeit aus dem Amt gejagt. Andreas Gayk macht den Anfang. Seine Genossen beauftragen ihn am 18. Oktober 1946 mit der Leitung der Fraktion. Vier Jahre später wird der starke Mann der SPD zum Oberbürgermeister gewählt, Karl Langbehn wird sein Nachfolger als Fraktionschef.

Rolf Fischer, langjähriger SPD-Kreisvorsitzender, Landtagsabgeordneter und heutiger Staatssekretär bei der Landesregierung, beschäftigte sich als Hauptredner gestern Abend vor allem mit den ersten drei Jahrzehnten nach dem Kriege. Er machte seine Genossen und die anderen Gäste wieder mit Namen vertraut, die sich heute meist auf Straßenschildern oder über dem Eingangsportal von Schulen finden.

Toni Jensen gehört dazu, die bereits vor 1933 Abgeordnete im Preußischen Landtag war und sich nach 1945 dem Aufbau des Schulsystems widmete. Gustav Schatz übernimmt in der Ära nach Gayk politische Verantwortung. In seine Ägide fällt der große Metallarbeiterstreik um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – einer der längsten Arbeitskämpfe der Republik. Ebenfalls 1957 gibt es Streit um die Verleihung des Kieler Kulturpreises: Der Senat plädiert für Ex-Theaterintendant Gustav Rudolf Sellner, der bürgerliche „Kieler Block“ für Gustav Gründgens. Schatz’ Vermittlung scheitert, die Verleihung fällt aus.

Zwar wird die SPD in den Folgejahren stets die absolute Stimmen-Mehrheit in der Ratsversammlung besitzen. Doch das schützt nicht vor Kritik, wie Fischer analysiert. Im Gegenteil: Bei der Konzentration auf das Tagesgeschäft und das Machbare „gehen das sozialdemokratische Profil und die Notwendigkeit der großen gesellschaftlichen Debatte allmählich verloren“.

Das rächt sich, als die 68er-Rebellion auch Kiel erreicht. Aus Protest gegen Fahrpreiserhöhungen blockieren Tausende von Schülern, Lehrlingen und Studenten im Juni 1968 den öffentlichen Nahverkehr. Sie halten Schilder hoch wie „Köster auf den Röster“ – Hermann Köster ist Stadtpräsident, SPD-Vorsitzender und zugleich Direktor der KVAG. Mit Ida Hinz, der ersten Kieler Stadtpräsidentin, beginnt 1970 eine neue Ära. Ihr zur Seite steht als junger Fraktionschef Karl-Heinz Luckhardt, der spätere Oberbürgermeister. In diesen Aufbruchjahren zerbricht das eherne Prinzip der „Personalunion“. Die „jungen Wilden“ verlangen die Trennung von Amt und Mandat. Sie sind erfolgreich.

Fischer machte seine Zuhörer auch mit dem Modell der Ärztin Hilde Portofee bekannt. Sie war 1946 in der ersten Fraktion die jüngste Ratsfrau und stellte Ende der 60er-Jahre ihr revolutionäres gesundheitspolitisches Projekt vor: das klassenlose Krankenhaus ohne Privatstationen, dafür mit besserer Pflege-Ausbildung. In diesem Punkt korrigierte Claus Möller, Fraktionschef von 1975 bis 1981, seinen Parteifreund Fischer. Das Konzept stamme nicht von der Gesundheitsdezernentin, sondern sei an der SPD-Spitze entworfen worden. Beifall für diese Ideen, für die sich auch noch heute viele Sozialdemokraten erwärmen, gab’s dennoch.  

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erstellt am 13.Okt.2016 | 20:16 Uhr

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