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Halle 400 in Kiel : Typisierungsaktion für Gina: Ohne Kutte, dafür mit viel Herzblut

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Präsident der „United Tribunes“ rief zur Aktion für seine an Leukämie erkrankte Tochter auf - und 810 Freiwillige ließen sich registrieren.

Kiel | Die besten Venen liegen unter dem Tattoo mit dem Sensenmann. Lasse Villnow streckt seinen Arm, ein Krankenpfleger zieht den Gurt straff, sprüht Desinfektionsmittel in die Armbeuge, wartet kurz – und setzt die Nadel an. Mit ruhiger Hand schiebt er die Kanüle unter die Haut. Wenig später hat sich das Röhrchen mit Blut gefüllt. Villnow (43), Gastronom und Freund der Familie der an Leukämie erkrankten Gina Behrens (28), bekommt seinen Anmeldebogen in die Hand gedrückt, dazu das Röhrchen. Beides gibt er ein paar Tische weiter ab. Schon ist er registriert. Dass er mitmacht, um zu helfen – „Ehrensache. Es wäre ein geiles Gefühl, wenn ich irgendwann als Knochenmarkspender infrage käme und Leben retten könnte“, sagt er.

Keine Angst vor Nadeln: Viele Freiwillige, die sich gestern pieksen ließen, dürften durch Tätowierungen abgehärtet sein.
Keine Angst vor Nadeln: Viele Freiwillige, die sich gestern pieksen ließen, dürften durch Tätowierungen abgehärtet sein. Foto: Rieke Beckwermert
 

Sechs Minuten, hat die Deutsche Knochenmarkspender-Datei (DKMS) berechnet, dauert eine Typisierung. Nach einer Stunde hat das Team in der Halle 400 bereits 203 Röhrchen zusammen. Ginas Vater, Präsident des Rocker-Clubs „United Tribuns“ in Kiel, ist zufrieden: „Läuft gut an“, sagt Michael Behrens am Mittag. Er hat nur zwei Stunden geschlafen, seit acht Uhr morgens alles mit 50 Helfern vorbereitet. Seine Tochter kann er an diesem Tag im Krankenhaus nicht besuchen. „Sie freut sich über die große Anteilnahme, ist aber sehr schwach“, erzählt er am Rand des Trubels. Behrens, der einen Swingerclub in Melsdorf betreibt und wegen Körperverletzung vorbestraft ist –„ in meinen Flegeljahren“ – sagt, er habe sich noch nie für etwas so eingesetzt wie für diese Hilfsaktion.

Immer mehr Spender kommen an, die sich für Gina Behrens pieksen lassen wollen. Mitunter bilden sich Schlangen am Eingang. Davor sitzen zwei muskelbepackte und tätowierte Mitglieder der „Tribuns“ auf Hockern und lassen die Freiwilligen nacheinander ein – ein bisschen was von Kiez hat das schon. Im Hintergrund überwacht die Polizei das Geschehen. Die Beamten sitzen im Gruppenwagen und beobachten. Einschreiten müssen sie nicht. Auch wenn sich der Pressesprecher der „United Tribuns“, Fritz L. aus Bayern, anfangs in seiner Kutte zur Aktion wagt. „Wusste ich nicht“, sagt er, als er direkt umkehrt und sich zivile Kleidung anzieht.

Rocker-Einsatz: Dario U.,Mitglied der „United Tribuns“, lässt sich von Krankenpfleger Lars Seifert Blut abnehmen.
Rocker-Einsatz: Dario U.,Mitglied der „United Tribuns“, lässt sich von Krankenpfleger Lars Seifert Blut abnehmen. Foto: Rieke Beckwermert
 

Am Ende der Typisierungsaktion wird die DKMS insgesamt 810 neue potenzielle Knochenmarkspender in ihre Kartei aufnehmen. Viele Rocker darunter, aber auch viele Kieler, die von Ginas Schicksal gelesen haben. Denen der Rocker-Hintergrund völlig egal ist. Caroline Husfeld (18) aus Raisdorf und ihre Freundin Sina Bandholz (17) wollen schlicht „was Gutes tun“. Dafür nehmen sie in Kauf, dass die Blutentnahme nicht immer ganz schmerzfrei ist. Bei Caroline Husfeld tat’s etwas weh.

Im Hintergrund verfolgte die Polizei die Typisierungsaktion. Eingreifen musste sie gestern nicht –alles lief friedlich.
Im Hintergrund verfolgte die Polizei die Typisierungsaktion. Eingreifen musste sie gestern nicht –alles lief friedlich. Foto: Rieke Beckwermert
 

Auch Rocker kriegen mal weiche Knie. So wie Dario U., Mitglied der „Tribuns“, der seinen echten Namen nicht öffentlich lesen will. Ihm wird beim Anblick der dicken Kanüle unwohl. „Ein Mann wie ein Baum, aber Angst vor der Nadel“, witzelt ein Kumpel. „Soll ich Händchen halten?“ Den Rocker haut dann so schnell aber nichts um. Er hat schon ganz anderes weggesteckt. Ohne eine Miene zu verziehen lässt er sich typisieren. „So schlimm war’s doch nicht“, meint der Kumpel später. Dario U. gibt lässig zurück: „Ich hab mich nicht beschwert.“

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erstellt am 08.Aug.2016 | 06:05 Uhr

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