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Kiel

08. Dezember 2016 | 08:58 Uhr

Nord-Ostsee-Kanal : Teure Verjüngungskur für die Schleusen in Holtenau

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie stammen noch aus dem 19. Jahrhundert und sind derzeit wegen Baufälligkeit gesperrt: Der Neubau der Kleinen Schleusen in Holtenau wird auf 240 Millionen Euro taxiert. Spätestens 2030 sollen insbesondere Senioren-Segler die Erleichterungen spüren

Die gute Nachricht vorweg: Das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) will älteren Seglern das Schleusen in Holtenau spürbar erleichtern. Sie müssen dann auch keine Angst mehr haben, von den mächtigen Containerfrachtern erdrückt zu werden, Sportboote werden getrennt geschleust. Die schlechte Nachricht: Die Erneuerung der baufälligen, gegenwärtig gesperrten Kleinen Schleusen wird noch Jahre in Anspruch nehmen. Schätzungsweise erst 2030 wird in Kiel-Holtenau die moderne Schleusenanlage mit ihren dann vier Kammern zur Verfügung stehen.

Die Situation bei der Kanal-Einfahrt in Holtenau ist angespannt, seit 2014 das Paar der Kleinen Schleusen auf der Holtenauer Uferseite außer Betrieb genommen wurde. Techniker hatten Risse im Mauerwerk festgestellt, die Anlage musste für den Schiffsverkehr komplett gesperrt werden. Teilweise ist sogar das Betreten der Schleusenmauern verboten, auch die nur wenige Jahre zuvor errichtete moderne Leitstelle zwischen den beiden Kammern hat bereits ausgedient. Anfangs waren die Experten noch einer Reparaturmöglichkeit ausgegangen, doch nach genauerer Analyse erwies sich ein Neubau als alternativlos.

Diese Einschätzung hat jetzt auch der Bund übernommen, der 240 Millionen Euro für die Kieler Schleusen in seinen Investitionsplan aufgenommen hat. Die Erneuerung der Kleinen Schleusen, die noch aus dem Jahr 1895 stammen, bringt dem WSA jede Menge technischer Vorteile. Der Tiefgang für Schiffe erhöht sich von 7 auf 8,5 Meter. Und waren einst an der jeder Schleusenöffnung immer ein Flut- und ein Ebbetor vorhanden, kommt man künftig mit einem einzigen Tor aus. Die Nutzlänge der Schleuse erhöht sich folglich von 125 auf 155 Meter Länge.

„Damit können 70 Prozent aller Schiffe im Nord-Ostsee-Kanal die Kleinen Schleusen benutzen“, hat Matthias Visser errechnet, der Vize-WSA-Chef in Holtenau. Das bedeutet: Nur die Schiffsriesen – der Kanal ist für Schiffe bis 235 Meter Länge zugelassen – benötigen künftig noch die beiden Großen Schleusen, durch die gegenwärtig der gesamte Verkehr läuft. „Wir haben dann keinen Stau mehr vor der Tür“, setzt Visser auf spürbare Entspannung. Dass im Gegensatz zu Holtenau der Standort Brunsbüttel noch eine fünfte Schleusen kammer erhält, hat mit dem erhöhten Schiffsaufkommen zu tun. 20 Prozent der jährlich im Kanal gezählten Schiffe nutzen nämlich nur die Strecke von der Elbschleuse zum Industriehafen Brunsbüttel, sie fahren gar nicht bis Holtenau.

Erste Bau-Etappe auf dem langen Weg zu den neuen Schleusen in Kiel wird das Befüllen der beiden Kammern mit 120  000 Kubikmeter Sand sein. Diese ungewöhnliche Idee hat WSA-Ingenieur Jens Anke entwickelt, da der jetzige Zustand der Kammern den Einsatz von schweren Baufahrzeugen nicht gestattet. Der Sand sorgt für die nötige Stabilität. Kein Bauarbeiter muss fürchten, dass über ihm die Schleuse zusammenbricht. Das WSA bereitet zurzeit die Ausschreibung vor, theoretisch könnten noch im Herbst die ersten Schuten mit ihrer Sandfracht den WSA-Anleger auf der Schleuseninsel anlaufen.

Die neuen Schleusen werden auf der einen Seite für Seeschiffe und auf der anderen Seite für die Sportboote hergerichtet. Insbesondere die Hobby-Kapitäne wird’s freuen. Sie können an extra eingesetzten Fendern festmachen und sind nicht mehr auf die unbequemen, höher gelegenen Poller auf den Schleusenmauern angewiesen. Und sie müssen nicht mehr die steile Leiter zum Kassen-Automaten hochklettern. Künftig gibt es eine ganz normale Treppe. Mit Blick auf die alternde Gesellschaft stellt Visser nüchtern fest: „Wir denken an die Senioren.“  
Zahlen und Fakten zum Kanal:
> Der knapp 99 Kilometer lange Kanal zwischen Kiel und Brunsbüttel wurde am 21. Juni 1895 von Wilhelm II. höchstpersönlich als Kaiser Kaiser-Wilhelm-Kanal eröffnet, der Namenswechsel zum Nord-Ostsee-Kanal erfolgte 1948.
> Vorläufer war der 1784 in Betrieb genommene Eiderkanal
> Auf der Kanalstrecke zwischen Kieler Förde und Elbe gibt es zehn Brücken mit einer Durchfahrtshöhe von 42 Meter, einen Fahrzeug- und einen Fußgängertunnel (beide in Rendsburg)
> 14 Fähren gestatten Fußgängern, Radlern und Autofahrern die Überfahrt, eine Besonderheit ist die Schwebefähre, sie ist allerdings nach dem schweren Unfall zu Jahresbeginn abgebaut
> Der Kanal erspart Schiffen einen Umweg von 450 Kilometern rund um Skagen
> Jährlich passieren den Kanal 14  000 Sportboote sowie 35  000 größere Schiffe
> Die Passage zwischen Kiel-Holtenau und Brünsbüttel dauert etwa acht Stunden, die erlaubte Geschwindigkeit liegt bei acht Knoten (15 km/h).

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erstellt am 27.Apr.2016 | 23:02 Uhr

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