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Kiel

28. Mai 2016 | 11:48 Uhr

Ehrung : Starker Einsatz für Opfer sexueller Gewalt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Stadt Kiel hat Ursula Schele für deren jahrelanges Engagement mit der Andreas-Gayk-Medaille geehrt. Der Festakt stand im Zeichen der Kölner Übergriffe.

An Köln kam keiner vorbei. Nicht der Stadtpräsident, auch nicht die Geehrte. Natürlich stand dieser Festakt im Kieler Rathaus unter dem Eindruck der sexuellen Übergriffe auf Frauen an Silvester. „Gewalt gegen Frauen ist leider ein brandaktuelles Thema – in einer erschreckend neuen Dimension“, sagte Stadtpräsident Hans-Werner Tovar eingangs in seiner Laudatio. Auch Ursula Schele (61) selbst, die gestern mit der Andreas-Gayk-Medaille der Stadt für ihr starkes Engagement für Opfer sexualisierter Gewalt und Präventionsarbeit ausgezeichnet wurde, ging auf Köln ein: „Das Thema ist aktuell wie nie, und an Silvester ist es in Köln und anderen Großstädten sehr sichtbar geworden. Kiel ist keine Insel der Seligen, und umso wichtiger ist es mir, wieder die Basis unseres lang erkämpften gesellschaftlichen Konsens’ in Erinnerung zu rufen: Ein Nein ist ein Nein.“

Genau dieser lange Atem zeichne Ursula Schele aus, ehrte Tovar die in Niedersachsen geborene frühere Geschichtslehrerin. „Wie einst unser ehemaliger Oberbürgermeister Andreas Gayk“ engagiere sie sich für das Wohl der Stadt Kiel und ihrer Bürger. Wo Gayk nach 1945 Aufbauarbeit für die zerstörte Stadt Kiel leistete, „haben auch Sie Aufbauarbeit geleistet – für die Belange der Frauen in unserer Stadt“, sagte Tovar an Ursula Schele gerichtet.

Lang anhaltenden, warmen Applaus und stehende Ovationen spendeten die Rats- und Verwaltungsmitglieder sowie etliche Frauen auf der Empore des Ratssaals der Pädagogin. Die strahlte und bedankte sich erst einmal bei ihrem Ehemann Peter aufrichtig, aber augenzwinkernd: „Ohne den Mann an meiner Seite wäre das nicht möglich gewesen.“

Schele blickte zurück zu den Anfängen ihrer Arbeit. Schon vor nahezu 30 Jahren sei die Landeshauptstadt Kiel „wachgerüttelt“ worden, so Ursula Schele in ihrer Dankesrede. 1987 wurden erst drei Prostituierte ermordet, später drei junge Frauen im öffentlichen Raum kurz nacheinander vergewaltigt und ermordet. Es löste Entsetzen aus, führte zu Konsequenzen. Ein Nachttaxi wurde auf Druck von Schele und ihren Mitstreiterinnen ins Leben gerufen. Sie hatte 1979 den Frauennotruf in Kiel mit gegründet. „Wir bekamen die nötige mediale Aufmerksamkeit, hatten die breite Unterstützung der Kieler Ratsversammlung und Verwaltung“, erinnert sich Ursula Schele. Der Frauennotruf erhielt fünf volle Stellen für Beratung und Therapie für Opfer.

Heute können für den Kieler Frauennotruf gerade einmal 2,4 Stellen finanziert werden – „ bei stetig steigenden Anfragen“, mahnte sie. Nicht erst seit Köln leiste der Notruf 3000 Beratungen für 1000 Opfer. Ursula Schele beendete ihre Dankesrede mit einer Anregung an die Ratsversammlung: In Zukunft möge man die Andreas-Gayk-Medaille doch bitte abwechselnd an Männer und Frauen verleihen. Aktuell sind unter den Geehrten neun Männer, vier Frauen sowie zwei Ehepaare.

Die Entscheidung, Ursula Schele auszuzeichnen, ist übrigens lange vor Köln gefallen. Die 61-Jährige selbst hätte anderenfalls nicht zugestimmt, sagt sie. Denn dann hätte sie die Ehrung für Symbolpolitik gehalten. Ihre Haltung machte sie deutlich: „Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist Populismus, Generalverdacht, Instrumentalisierung des Themas durch die Rechten oder politische Schnellschüsse und fix durchgewinkte Gesetze.“

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erstellt am 22.Jan.2016 | 06:03 Uhr

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