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Kiel

09. Dezember 2016 | 20:22 Uhr

Nach Belästigungen in Kiel : „Sophienhof“: Polizei findet Bilder und Videos auf Handys der Tatverdächtigen

vom

Die Polizei hat auf den Handys der Tatverdächtigen Bilder und Videos gefunden. Nun muss geklärt werden, ob sie im Tatzusammenhang entstanden sind.

Kiel | Bei den Ermittlungen zu der Belästigung von drei Mädchen im Kieler Einkaufszentrum „Sophienhof“ hat die Polizei Bilder und Videos der Opfer auf den Smartphones der Tatverdächtigen gefunden. Das teilte der stellvertretende Landespolizeidirektor, Joachim Gutt, am Mittwoch am Rande des Innen- und Rechtsausschuss des Landtages mit. Die Polizei müsse nun auswerten, ob das auf den Handys befindliche Material tatsächlich im Rahmen der Übergriffe im „Sophienhof“ entstanden ist. Möglicherweise könnten die Bilder auch von Facebook-Seiten der Frauen stammen.

Nachdem es in der Silvesternacht am Hauptbahnhof in Köln in einem großen Ausmaß zu sexuellen Übergriffen und Belästigungen an Frauen gekommen ist, sind die Medien und die Bevölkerung für das Thema stark sensibilisiert. Es tauchen vermehrt Berichte über ähnliche Taten auf, nun auch in Kiel.

Am vergangenen Freitag hatte die Polizei die Existenz von Fotos und Videos nach der Befragung der Opfer noch als Tatsache geschildert. Am Montag teilte die Polizei dann mit, Experten der Polizei untersuchten noch, ob es auf den Handys der Tatverdächtigen überhaupt Fotos und Videos der Mädchen gibt.

Zusammen mit Innenstaatssekretärin Manuela Söller-Winkler informierte Gutt den Ausschuss über das Geschehen, das von Polizei und Medien zunächst teils unterschiedlich dargestellt worden war. Der FDP-Abgeordnete Ekkehard Klug hatte wegen ungeklärter Fragen und Widersprüche darauf gedrungen. Gutt bedauerte, dass die Polizei in einer Stresssituation einen Fehler in ihrer Öffentlichkeitsarbeit zu den Übergriffen gemacht habe. Er betonte, die Polizei wolle offensiv und proaktiv über Vorfälle informieren, um nicht in den Verdacht des Verschleierns zu geraten.

So schilderte Gutt die Geschehnisse im Ausschuss

Gegen 19.30 Uhr sei die Polizei informiert worden, dass es „eine erhebliche Belästigung deutscher Mädchen durch Ausländer“ gebe.

Um 19.52 Uhr sei eine Streifenwagenbesatzung am Einsatzort gewesen. Der Sicherheitsdienst des „Sophienhofs“ habe fünf Männer umringt, etwa 20 weitere Männer hätten drumherum gestanden. Handys seien in die Luft gehalten worden, um das Geschehen offensichtlich aufzunehmen.

Da die Polizisten keine Gefährdungssituation annahmen, hätten sie zunächst keine Verstärkung angefordert - was angesichts der Bundespolizei am Hauptbahnhof gegenüber schnell machbar gewesen wäre. Die Sicherheitswahrnehmung von Betroffenen und erfahrenen Polizeibeamten könne auseinandergehen, sagte Gutt.

Unter Heulkrämpfen habe eines der Opfer geschildert, zwei südländische Typen hätten sie sehr genau gemustert und sexistische Gesten aus der Ferne gemacht, ebenso Fotos und diese vermutlich gepostet. Etwa 30 Männer hätten ebenfalls Gesten gegenüber den Frauen gemacht, aber unterhalb der Strafbarkeitsgrenze.

Zwei der jungen Frauen hätten Angst bekommen und seien aus dem „Sophienhof“ gelaufen, verfolgt von mehreren Männern. In Sorge um die zurückgebliebene Freundin seien sie aber zurückgekehrt.

Die Hauptverdächtigen hätten sich an den Tisch der Frauen gesetzt. Als sie eindringlicher geworden seien, habe ein Mann den Sicherheitsdienst informiert. Viele Männer seien geflüchtet, der Sicherheitsdienst habe fünf Männer jedoch zurückhalten können.

Die beiden Hauptverdächtigen seien wie zufällig an den Frauen vorbeigegangen, eine Frau wies darauf hin, die beiden wurden festgenommen. Die Polizei habe dann Verstärkung angefordert, da die Hauptverdächtigen stark alkoholisiert wirkten - der Wert der später genommenen Blutprobe lag am Mittwoch noch nicht vor.

Auf dem Weg zur Polizeiwache hätten sie „Beschimpfungen in astreinem Deutsch“ von sich gegeben, Beamte und auch den Arzt, der die Blutprobe nahm, bespuckt. Der Widerstand sei mit angemessenen Mitteln gebrochen worden, sagte Gutt.

Nach aktuellem Ermittlungsstand spielte sich der Vorfall vom vergangenen Donnerstag (25. Februar) aus Sicht der Staatsanwaltschaft folgendermaßen ab: Die drei Mädchen saßen am Abend im Restaurant-Bereich des Einkaufszentrums. „Sie haben bemerkt, dass sie von zwei jungen Männern offensichtlich gemustert und - nach ihrer Wahrnehmung - vermutlich fotografiert oder gefilmt wurden“, sagte der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Bieler. Später seien dann weitere Männer hinzugekommen. „Die Mädchen haben sich verunsichert gefühlt.“ Zwei von ihnen seien zunächst gegangen, dann aber wieder zurückgekehrt.

Letztlich hätten sich fünf Männer mit an den Tisch der Mädchen gesetzt, sagte Bieler. Die Männer hätten Bemerkungen gemacht wie „ich liebe Dich“, „ich will Dich küssen“ und Ähnliches. In der Folge seien weitere Personen erschienen. „Daraufhin hat ein Passant den Sicherheitsdienst gerufen.“

Als Haupttäter gelten nach Angaben der Polizei zwei 19 und 26 Jahre alte Asylbewerber aus Afghanistan. Neben den beiden Männern waren nach den Vorfällen aber auch zwei weitere Afghanen festgenommen worden. Alle vier hatten bei ihrer Festnahme laut Polizei heftigen Widerstand geleistet, wodurch auch Beamte verletzt wurden. Die Männer sind inzwischen aber wieder auf freiem Fuß.

Bieler sagte, ermittelt werde gegen die Männer wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Körperverletzung sowie unter Umständen wegen Nötigung und Beleidigung. Möglicherweise handele es sich zudem um Verstöße gegen das Recht am eigenen Bild - falls mögliche Bilder und Videos von den Tatverdächtigen an Dritte versandt worden sein sollten beispielsweise mit einem Chat-Programm.

Gutt äußerte großen Respekt für die Beamten, die in schwieriger Situation Ruhe bewahrt hätten. Mit dem Sicherheitsdienst im „Sophienhof“ arbeite die Polizei sehr gut zusammen, er habe seine Spielräume ausgenutzt, aber nicht überschritten. Auch Söller-Winkler lobte das Verhalten der Polizei. Zu deren Pressearbeit sagte sie, die Anforderungen hätten sich in den vergangenen Monaten dramatisch verändert. Seit der Silvesternacht gebe es ein Kommunikationsdilemma für die Polizei, entweder schnell zu berichten mit der Gefahr von Fehlern oder sich dem Vorwurf des Verschweigens auszusetzen. Mit den vorliegenden Erkenntnissen schon am Freitag an die Öffentlichkeit zu gehen, sei mit dem Innenministerium abgestimmt gewesen.

Einmütig lobten Abgeordnete im Ausschuss die Arbeit der Polizei und den detaillierten Bericht von Gutt. Der Grünen-Abgeordnete Burkhard Peters (Grüne) bezeichnete den Fall „Sophienhof“ als Lehrstück. Spätestens seit Köln sei die Polizei in einer Dilemmasituation, wann und wie sie die Öffentlichkeit informieren solle.

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erstellt am 02.Mär.2016 | 18:20 Uhr

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