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Kiel

07. Dezember 2016 | 17:28 Uhr

Idee der Techniker Krankenkasse : Smart gegen Migräne: Wie eine App Kranken helfen kann

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Schmerzklinik Kiel und die Techniker Krankenkasse haben eine Kopfschmerz-App entwickelt. Was die kann, zeigt ein Video.

Der Schmerz dröhnt, pocht und hämmert. Breitet sich aus, bis unter der Schädeldecke ein Gewitter tobt, das stunden-, aber auch tagelang andauern kann – und häufig von Schwindel und Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet wird. Pro Tag sind rund eine Million Menschen in Deutschland von Migräneattacken betroffen, 100.000 davon sind bettlägerig. 8,3 Millionen nehmen nach Angaben der Techniker Krankenkasse (TK) täglich Medikamente gegen schwere Kopfschmerzen ein. Hilfe soll nun per Smartphone oder Tablet kommen: Mediziner der Schmerzklinik Kiel und des Kopfschmerzbehandlungsnetzes – ein bundesweiter Zusammenschluss von Kopfschmerzexperten – haben mit der TK eine Migräne-App (Applikation) entwickelt, die Betroffene bei der Vorsorge und Behandlung der Krankheit unterstützt.

Mediziner unterscheiden heute zwischen 363 verschiedenen Formen von Kopfschmerzen, erläuterte Prof. Hartmut Göbel, Direktor der Schmerzklinik und Chef-Entwickler der App, am Mittwoch in Kiel. Häufig würden die Beschwerden von den Patienten selbst behandelt – „oft aber leider nicht gut“. Medikamentenabhängigkeit und Chronifizierung der Beschwerden seien die Folge. „Das Wichtigste für die erfolgreiche Behandlung ist das Wissen über die Krankheit“, betonte der Neurologe.

Solches Wissen durch „gesicherte Informationen“ liefert die Migräne-App: In einem Kalender können Nutzer die Schmerzattacken, ihre Dauer, Intensität und die jeweilige Behandlung eintragen. Ein Schnelltest hilft, den individuellen Kopfschmerztyp zu erfassen. Skalen ermitteln, wie hoch das Risiko ist, dass der Schmerz chronisch wird, und nennen den besten Zeitpunkt für die Einnahme von Medikamenten. Darüber hinaus bietet die App Entspannungsmethoden an, informiert über gesunde Ernährung und neue Erkenntnisse aus der Forschung. Und das zu jeder Zeit, an jedem Ort – „denn das Smartphone hat man heute ständig dabei“, so Göbel. „Der Patient wird zum Experten für seine Krankheit, kann selbst aktiv werden, anstatt ihr hilflos ausgeliefert zu sein.“

Beim Arztbesuch könne der Mediziner die Daten und Auswertungen schnell erfassen, die Therapie entsprechend anpassen. Denn: „Die App soll die ärztliche Behandlung nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen.“ Über die Migräne-App ist auch der Zugang zum „TK-Kopfschmerzcoach“ möglich, einer Online-Schulung, die Betroffenen zeigt, wie sie den Schmerz in den Griff bekommen können. Über eine Suchfunktion können Patienten Schmerzmediziner in ihrer Nähe ausfindig machen; außerdem ermöglicht sie einen bundesweiten Austausch von Betroffenen untereinander und mit Migräne- und Kopfschmerzexperten der Kieler Klinik.

„Diese App hilft uns unheimlich gut“, sagte Bettina Frank, Vorsitzende des bundesweiten Selbsthilfenetzes „Headbook“. Migränepatienten hätten durch oft unvorhersehbare Anfälle Probleme, neben Beruf und Familie Termine für Selbsthilfetreffen wahrzunehmen; digitale Angebote im Bereich eHealth und Internet ermöglichten dagegen die gegenseitige Unterstützung rund um die Uhr.

Effektiver und damit auch kostengünstiger soll die Therapie werden, erhoffen sich die Initiatoren von dem digitalen Angebot. Denn neben dem persönlichen Leid der Betroffenen, die durch die Schmerzattacken in ihrer Lebensqualität oft stark eingeschränkt sind, sei auch die „gesellschaftliche Relevanz“ der Volkskrankheit Kopfschmerzen groß. Häufige Besuche beim Arzt oder in der Notaufnahme, Fehldiagnosen und erfolglose Therapien – in der Europäischen Union verursachten Kopfschmerzen bei Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren jährlich Kosten in Höhe von 173 Milliarden Euro. „Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten und nach Demenz und Schlaganfall zu den ausgabenträchtigsten Erkrankungen des Nervensystems“, betonte Dr. Johann Brunkhorst, TK-Leiter in Schleswig-Holstein. Die App sei ein „Meilenstein“, der die medizinische Versorgung von Patienten mit Migräne- und Kopfschmerzen richtungsweisend verbessern werde.

„In zehn Jahren werden solche Apps zum festen Therapiebestand gehören“, sagte Klaus Rupp, Fachbereichsleiter Versorgungsmanagement der TK, voraus. Auch bei älteren Menschen, von denen immer mehr ein Smartphone nutzten. „Wichtig ist, dass die Informationen fachlich gesichert und kommerzielle Interessen ausgeschlossen sind.“ Dies sei bei der Migräne-App der Fall. Ebenso müsse sich niemand um seine persönlichen Daten Sorgen machen: „Die Daten bleiben auf dem jeweiligen Gerät und werden nicht automatisch in einer Cloud gespeichert. Nur der Nutzer kann seine Daten – etwa an den Arzt – weiterleiten.“

Die Migräne-App ist für IOS im iTunes-Store kostenlos erhältlich. Eine Version für Android ist derzeit in Vorbereitung und wird in der ersten Jahreshälfte 2017 verfügbar sein.

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erstellt am 05.Okt.2016 | 19:48 Uhr

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