zur Navigation springen

Kiel

10. Dezember 2016 | 15:47 Uhr

Brandstiftung : Sitzt der falsche Mann auf der Anklagebank?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Erst brannte der Müllcontainer, dann die gesamte Ladenzeile: Beim Großfeuer in Altenholz im November 2014 entstand ein Schaden von 6,5 Millionen Euro. Gestern begann derProzess vor dem Kieler Amtsgericht – und gleich am ersten Tag stellte sich heraus, dass der Angeklagte wohl unschuldig ist.

Spektakulärer Auftakt im Prozess gegen den mutmaßlichen Brandstifter von Altenholz: Offenbar sitzt mit dem 23-Jährigen K. – der auch schon zweieinhalb Monate in Untersuchungshaft erdulden musste – nicht der wahre Täter auf der Anklagebank. Ursache sind Pannen, Versäumnisse und Fehleinschätzungen während der Tat-Aufklärung. Die Richterin am Amtsgericht konfrontierte gestern einen Kripo-Beamten mit dem Vorwurf „tendenziöser Ermittlungsarbeit“. Seine Antwort: „In der Gesamtschau kann ich’s heute nachvollziehen.“

Zur Erinnerung: Frühmorgens gegen 4 Uhr am 26. November 2014 hatte ein Zeitungsausträger auf der Rückseite des Altenholzer Einkaufszentrums Flammen bemerkt und die Feuerwehr alarmiert. Wie sich später herausstellen sollte, war ein Müllcontainer in Brand gesetzt worden. Das Feuer griff nicht nur schnell auf den Supermarkt über, sondern legte die gesamte Ladenzeile samt Blumenladen, Zeitungsgeschäft, Friseur und griechischem Restaurant in Schutt und Asche. Der Schaden wird auf 6,5 Millionen Euro taxiert, bis zum heutigen Tage stocken die Aufbauarbeiten.

Für seinen Mandanten hatte der Verteidiger gleich zu Beginn auf unschuldig plädiert. Der Anwalt hielt den Aufklärern vor, sich frühzeitig auf den Täter festgelegt, andere Hinweise schlichtweg ignoriert und „nicht mehr nach links und rechts“ geschaut zu haben.

Laut Anklage soll der damals 21 Jahre alte Mann aus Liebeskummer zum Brandstifter geworden sein. Doch seine damalige Freundin räumte unter Tränen ein, dass K. sie – entgegen ihrer ersten Aussage – am Tattag vom Hauptbahnhof abgeholt und sie während der Busfahrt sogar auf seinem Schoß gesessen habe. Und später in der Wohnung von K. habe es nicht nach verbranntem Zeug gerochen, sondern höchstens nach Zigarettenrauch.

Auch der Vater von K. sagte als Zeuge aus. Er habe seinen Sohn gegen 1 Uhr nachts zu Hause schlafend gesehen, später um 4.15 Uhr, als der Wecker klingelte, und noch einmal gegen 5.30 Uhr, als er die Wohnung verließ. Doch offiziell vernommen wurde der Vater nie, obwohl er mit seinem Sohn unter einem Dach lebt und ihm ein nahezu lückenloses Alibi ausstellte.

K. gab an, dass er kurz nach halb sechs aufgestanden sei und zunächst zur benachbarten Tankstelle gelaufen sei, um sich eine Schachtel „John Player Special Red“ zu besorgen. Die Protokollbücher der Tankstelle belegen auch einen Verkauf zu dieser Zeit, vorhandene Videobänder wurden allerdings weder gesichert noch analysiert. Wider besseres Wissen behaupteten die Ermittler bei der stundenlangen Vernehmung von K. später aber, dass man ihn auf den Aufnahmen nicht entdeckt habe – und folglich seine Version nicht glaubhaft sei.

Schwer wiegt auch der Vorwurf gegenüber den Polizisten, andere verdächtige Personen ausgeklammert zu haben. K. gehörte einer dreiköpfigen Clique an – er war offenbar das schwächste Mitglied. Der Wortführer dieser Gruppe belastete K., als er selber ins Ermittlerkreuz geriet. Dabei verstrickte er sich in Widersprüche, er besitzt auch kein Alibi für die Tatzeit. Doch der „in sich gekehrte, nachdenkliche Mann“ machte wohl einen verlässlicheren Eindruck auf die Ermittler. Ein zweiter Verdächtiger aus dem Dunstkreis von K. wurde „einmal angeschrieben, er hat nicht geantwortet, die Sache verlief im Sande“, hielt die Amtsrichterin der Polizei vor.

Vier Verfahrenstage sind angesetzt. Doch schon beim nächsten Termin dürfte sich zeigen, ob der Prozess gegen K. überhaupt fortgesetzt wird.

 

zur Startseite

von
erstellt am 22.Aug.2016 | 18:57 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert