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Kiel

08. Dezember 2016 | 21:08 Uhr

Kiel-Mettenhof : Sieben Tage unter Lehrern: Ein Fernsehjournalist macht Schule

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Lehrer haben morgens recht und nachmittags frei? Ein Journalist räumt mit Vorurteilen auf.

Kiel | Rote Ohren, verlegenes Gestammel, den Blick zu Boden gerichtet. Es ist ein Gefühl als ob einen der Lehrer vor der gesamten Klasse auf dem falschen Fuß erwischt hat. Tatsächlich stehe ich das erste Mal seit 16 Jahren wieder vor einer Klasse. Nur, dass ich es jetzt bin, der unterrichten soll. Mathe in der 5. Klasse. Doch die 22 Augenpaare, die mich da abschätzen, beeindrucken mich mehr als ich zugeben möchte. Es ist ein klassischer Fehlstart in meiner Woche als Aushilfslehrer in der Leif-Eriksson-Gemeinschaftsschule (LEG) in Kiel-Mettenhof.

„Schüler testen einen neuen Lehrer genau. Wie weit können wir bei dem gehen?“, sagt Malte Duggen. Er ist Sport- und Mathelehrer. Für die NDR-Doku-Reihe „7 Tage“ begleite ich ihn und seine Kollegen, lerne wie im Praktikum ihren Alltag kennen. Ziemlich schnell merke ich, dass das alte Vorurteil „Lehrer haben morgens recht und nachmittags frei“ eben nur ein Vorurteil ist.

Stunden vorbereiten, Deutsch, Chemie und Mathe unterrichten, von Klasse zu Klasse hetzen, im strengen Takt des Schulgongs. Dazwischen: kaum Zeit durchzuatmen oder zu hinterfragen: Bin ich allen Schülern, die hier gemeinsam auf Haupt-, Real- und Förderschulniveau lernen, gerecht geworden? Und der Kampf im Zwiespalt: Wer hat deine Hilfe besonders nötig? Und wer muss darauf verzichten? Gemeinschaftsschule – das bedeutet für die Lehrer in besonderem Maße, sich jede Stunde entscheiden zu müssen.

„Du würdest gern jeden Schüler zum Abschluss bringen, aber manchmal geht das einfach nicht“, sagt Emmi Levsen. Sie ist seit 30 Jahren Lehrerin, hat manche Schulreform mitgemacht. Und gelernt, nicht alles aus der Schule mit nach Hause zu nehmen. „Das macht dich sonst kaputt.“ In einem Umfeld wie dem der LEG ist das gar nicht so einfach. Überforderte Eltern, kaum Platz und Ruhe Zuhause, um auch dort lernen zu können. Viele haben Geldsorgen. All das überlagert manch anderes im Leben der Kinder. Schule genießt nicht immer Priorität in einem Stadtteil, den manche als Brennpunkt bezeichnen.

Mittendrin: Hendrik Buth mischt sich im Klassenraum unter die Schüler.
Hendrik Buth mischt sich unter die Schüler. Foto: NDR
 

Mettenhof. Kiels größter und kinderreichster Stadtteil. In den 60er Jahren als Viertel der Zukunft geplant und am Rand von Kiel hochgezogen. Viele Bewohner leben in den Hochhausschluchten immer noch am Rand. Vor allem die Kinder. Zwei von drei stammen aus armen Familien. „Man muss ja nicht ständig nur kiffen, wie viele ältere Jugendliche hier. Man kann sich ja auch hinsetzen und lernen, einen Job in Kiel finden und in Mettenhof weiterleben“, sagt Neuntklässler Leon. Mettenhof ist für die Kinder kein Brennpunkt, sondern Heimat. Kein Ort, den man einfach hinter sich lässt.

„Fast alle Neuntklässler wollen unbedingt in die 10. Klasse, und das nur hier, an ihrer Schule “, erklärt Malte Duggen. Das sei keine Faulheit. „Die haben Angst vor dem Neuen – und Mettenhof zu verlassen.“

In meinem sieben Tagen an der LEG lerne ich, dass es den Lehrern auch darum geht: ihren Schülern die Angst vor einer Zukunft außerhalb Mettenhofs zu nehmen. Sie darin zu bestärken, ihr Leben selbstbestimmt anzugehen. „Bei einigen Kindern bist du einfach froh, dass sie jeden Tag hier sind“, sagt Marie Exler, seit sechs Jahren Lehrerin. Sie hat sich bewusst für die Schule in dem schwierigen Stadtteil entschieden. „Gerade die Kinder, mit denen ich am meisten Stress habe, an denen ich mich am meisten abarbeite, die geben mir auch am meisten.“ Dafür sind auch die Lehrer bereit, viel zu geben. Besuche bei den Familien, Anträge auf Zuschüsse für Klassenfahrten und die Kielkarte, ausgebliebenen Beträgen für die Klassenkasse hinterhertelefonieren.

16 Jahre nach meinem Abitur war ich wieder in der Schule. Nur, dass das mit meiner eigenen Schulzeit wenig zu tun hatte. Am Ende der Woche bin ich dankbar. Dafür, dass mein Start ins Leben einfacher war. Dafür, dass es Lehrer gibt, die für ihre Schüler aus einem Ort des Mangels einen Ort der Chancen machen wollen.

Hendrik Buth hat beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag volontiert, er arbeitet jetzt  als Fernsehjournalist beim NDR.  Sein Beitrag „7 Tage ... unter Lehrern“, wird am Sonntag, 24. April, 15.30 Uhr, im NDR-Fernsehen gezeigt. Hier sehen Sie ihn schon auf ndr.de.

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erstellt am 22.Apr.2016 | 17:02 Uhr

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