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Kiel

08. Dezember 2016 | 12:59 Uhr

Landgericht Kiel : „Sherlock Holmes“ muss in den Knast

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Diebstahl, Beleidigung und Verleumdung, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Körperverletzung: Insgesamt 80 Punkte umfasste die Anklage vor dem Landgericht gegen einen 77-Jährigen.

Überraschung im Berufungsverfahren gegen den 77-jährigen B. vor dem Kieler Landgericht: Nach nur einem Prozesstag bestätigte der Richter das Urteil des Amtsgerichtes. Der Mann, der vielen Menschen in Neumünster, Kiel und Eckernförde als selbsternannter „Sherlock Holmes“ bekannt sein dürfte, muss für ein Jahr und acht Monate ins Gefängnis. Nicht weniger als 80 Verfehlungen hatte die Anklage aufgelistet, sie reichen von Diebstahl, Beleidigung, Verleumdung bis zu Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Körperverletzung.

In früheren Jahren konnte B. als Kopie des Londoner Meisterdetektivs durchgehen. Mit Schirmmütze, Mantel, englischer Weste, Knickerbockern, Pfeife und Lupe streifte er als stolzes Sherlock-Holmes-Double durch die Innenstadt seiner Heimatstadt Neumünster. Er regelte mit seiner Trillerpfeife auch schon mal den Straßenverkehr, Psychiatrie-Aufenthalte waren die Folge. Heute ist B. sichtbar gealtert, die allzu großen Hosen werden von bunten, mit Stickern verzierten Trägern gehalten.

Zu Prozessbeginn holte er diverse Utensilien aus seiner Tasche. Auf dem grünen Filztuch stellte er ein Schild mit der Aufschrift „Reserviert“ ab, seine Ausgabe des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) drapierte er mit einer Raubkatzenfigur und einem Spielzeugbagger von Playmobil. Daneben liegen die Lupe und manchmal auch sein Gebiss.

Der Zahnarzt in Neumünster gehört zu den Personen, denen B. nachstellte – weil er ihm angeblich Zähne ohne Betäubung gezogen hatte. Da wurde dann die Tür zur Praxis mit roter Farbe besprüht. Und auf dem angeklebten Plakat war zu lesen, dass der Mediziner am „Porzellan-Syndrom“ leidet – sprich: Er hat nicht alle Tassen im Schrank.

Ähnlich erging es dem Anwalt, den sich der Zahnarzt zu Hilfe genommen hatte, Ähnliches erlebte auch die Besitzerin eines Hundesalons, für B. eine „blöde Schlampe“. Hausverbote, wie sie die Hauptpost in Neumünster, der Sophienhof in Kiel oder Karstadt ausgesprochen haben, missachtet B. strikt. Der Hausdetektiv, der ihm folgte, weil er zwei Marzipan-Kartoffeln und eine Tafel Schokolade eingesteckt hatte, war eben auch nur ein „Nazi-Verschnitt“.

B., ein notorischer Schwarzfahrer, wittert überall Feinde. Er lehnt das Landgericht ab („Wir sind hier nicht bei Adolf Erdogan“), spricht den Vorsitzenden Richter namens Döhring als „Göring“ an, misstraut auch seinem Pflichtverteidiger Achterberg („Neunterberg“). Sein Haus in Wankendorf, in dem heute sein Sohn wohnt, hätten ihm seine Ehefrau und der damalige Pastor geraubt. Dessen angeblicher „Komplize“ wiederum ist Seelsorger in Eckernförde, womit B. die St.-Nicolai-Kirche und ihr eigenes Turmcafé zu neuen Zielen machte.

Polizisten erkennt B. im Allgemeinen nicht an, auch Post-Mitarbeiter und Bank-Angestellte fallen durchs Raster. Denen wirft er schon mal Eier vor die Füße, oder er rückt ihnen mit seiner Trillerpfeife zu Leibe, woraus sich drei Tatvorwürfe wegen Körperverletzung erklären. Von sich selbst allerdings hat B. eine hohe Meinung: „Niemand kann und darf über mich bestimmen. Ich bin das frechste Schlitzohr der Welt.“

Allerdings: Nach einer halbstündigen Sitzungsunterbrechung kehrte B. gestern Mittag nicht wieder in den Gerichtssaal zurück. In Abwesenheit des Angeklagten beantragte der Staatsanwalt deshalb, die Berufung – für die vorsorglich immerhin fünf Prozesstage eingeplant waren – zu verwerfen. Der Richter folgte ihm: B. muss nach dem Urteil für ein Jahr und acht Monate mit schwedischen Gardinen leben. Der Verteidiger legte Widerspruch ein, über den die nächste Instanz zu entscheiden hat. Deshalb bleibt der 77-Jährige vorerst auf freiem Fuß, aber zum Jahreswechsel könnte B. tatsächlich in die Zelle wandern. Sofern der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nicht einschreitet – damit hatte B. bereits gedroht. Denn: „So bekloppt, wie ich aussehe, bin ich nicht.“  

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erstellt am 13.Sep.2016 | 19:15 Uhr

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