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Kiel

03. Dezember 2016 | 07:52 Uhr

„Satt sein hilft da gar nicht“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wirtschaftsminister Reinhard Meyer erklärt, warum die boomende Hochsaison die Tourismusbranche nicht zum Zurücklehnen verleiten darf

Herr Meyer, schon die letzten zwei Sommer war die Nachfrage nach Urlaub in Schleswig-Holstein außerordentlich hoch, in diesem Jahr gehen die Buchungen noch einmal mehr durch die Decke. Was macht gerade diese Hauptsaison so besonders?
Mehr noch als in den vergangenen Jahren sieht man, dass die Investitionen sowohl in die Qualität als auch die Infrastruktur tatsächlich Früchte tragen. Als Sondereffekt spielt ganz aktuell sicherlich eine Rolle, dass viele Deutsche aus Sicherheitsgründen Deutschland wieder entdecken.

Wieviel Push-, wieviel Pullfaktor steckt hinter dem jetzigen Saisonerfolg – also: Wieviel des Booms ist hausgemacht durch Angebote Schleswig-Holsteins und wieviel von der wackeligen internationalen Lage beeinflusst?

Beides spielt eine Rolle.

Manche Touristiker in Schleswig-Holstein tun sich schwer anzuerkennen, dass die allgemeine Weltlage ihnen in die Hände spielt, offenbar, weil sie ihren Stolz auf ihre berufliche Leistung nicht mit äußeren Einflüssen teilen wollen. Gekränkte Eitelkeit?

Äußere Faktoren haben immer wieder Einfluss auf eine Urlaubsentscheidung. Man kann ja derzeit durchaus sehen, dass manche Urlaubsgebiete wie etwa die Türkei, Nordafrika, teilweise auch Griechenland weniger nachgefragt werden. Aber: Wer sich auf Grund der Sicherheitslage von einem bestimmten Ziel verabschiedet, hat ja immer noch sehr viele Auswahlmöglichkeiten. Deshalb muss das Angebot einer Urlaubsregion schon überzeugend sein, um diese Menschen als Gäste zu gewinnen. Das ist immer noch der erste Grund.

Kann man mit Fug und Recht vom vollsten Sommer in Schleswig-Holstein seit Jahren sprechen?
Noch ist die Hauptsaison nicht vorbei. Die genauen Ergebnisse kennen wir erst im Herbst. Aber der Start war hervorragend, der Trend ist schon mehr als zufriedenstellend. Die meisten Orte werden das Rekord-Niveau des Vorjahres erreichen, andere es auch übertreffen. Was man allerdings auch in Rechnung stellen muss: Netto haben wir bei den Übernachtungskapazitäten keinen großen Zuwachs. Zwar treten neue Anbieter auf, aber andere, in die Jahre gekommene Angebote haben sich auch vom Markt verabschiedet. Von daher ist es begrenzt, was in den traditionell stark gebuchten Monaten Juli und August an Buchungen obendrauf kommen kann.

Sind Juli und August für den SH-Tourismus inzwischen der komplette Selbstgänger – oder sehen Sie für die Hauptsaison schon noch Herausforderungen an die Touristiker?
Selbstgänger gibt es nicht, satt sein hilft da gar nicht. Wer sich ausruht, der verliert. Wie sich die immer individuelleren Gästewünsche befriedigen lassen, wie sich immer wieder Neugier auf Schleswig-Holstein erzeugen lässt – das bleibt auch für die Hauptsaison ein Dauerthema.


Eine Herausforderung könnte sein, dass der Erfolg auch eine Kehrseite hat. Ist es auf Straßen, Parkplätzen, Promenaden oder in der Gastronomie nicht teils schon zu voll und damit auch die ein oder andere Enttäuschung für manchen Gast angesichts des Gedränges programmiert?

Ich glaube, dass das ein sensibles Thema ist, wo man genau hinschauen muss. Völlig selbstverständlich zu erwarten, dass wir Zuwachsraten haben und dass die Gäste das immer akzeptieren – das sollten wir nicht. Wenn man eine Grenze erreicht hat oder sich Botschaften verbreiten wie: Dieser oder jener Ort ist grundsätzlich zu voll, kann das schnell ins Negative umschlagen. Das kann ich bisher noch nicht erkennen. Aber wir müssen dafür ein Gefühl entwickeln, unter anderem mit Umfragen unter den Gästen.

Längst nicht alle mit Lust auf Schleswig-Holstein kommen in diesem Sommer als Urlauber zum Zuge, weil wegen der enormen Nachfrage schon so viele Quartiere sehr früh ausgebucht waren. Was schätzen Sie, wie viele potenzielle Sommergäste die Gastgeber im Land abblitzen lassen mussten?
Das ist systematisch so nicht zu ermitteln. Es wird wichtig sein, nach der Hauptsaison genau zu bilanzieren, welcher Ort wirklich über mehrere Wochen komplett ausgebucht war. Da muss man dann mit Blick auf die nächste Saison überlegen, wie man damit umgeht.

Also sich entschließen, die Kapazitäten zum Übernachten zu erweitern?

Grundsätzlich brauchen wir weitere Kapazitäten, wenn das Ziel der Landes-Tourismusstrategie aufgehen soll, bis 2025 auf 30 Millionen Übernachtungen jährlich in Schleswig-Holstein zu kommen. Das Investoreninteresse an Hotels in Schleswig-Holstein ist nach wie vor groß. Wir befinden uns mit vielen im Gespräch. Aber letztendlich ist es immer die Frage an die einzelne Kommune, ob eine Ausweitung verkraftbar ist. Ich lege Wert darauf, dass dafür vor Ort Konzepte her müssen. Man kann nicht rein auf Quantität setzen, sondern im Blick haben, ob und wie eine Destination die Zahl der Gäste auch aufnehmen kann.

Wenn einem Urlauber das Gedränge in den Küstenorten derzeit nun zu groß wird – haben Sie einen Geheimtipp, wo es leerer ist und trotzdem schön?

Ich denke da an zwei Termine, die ich unlängst an einem Freitagnachmittag hatte. Da habe ich gedacht: Da kannst du das Jackett jetzt mal in die Ecke packen und dich einfach an der Landschaft freuen. Das war einmal in Nübbel an der Eider westlich von Rendsburg und ebenfalls unweit davon an der Gieselauschleuse. Einfach eine wunderschöne, weniger besuchte Landschaft. Überhaupt gibt es im Gebiet der Eider-Treene-Sorge-Niederung viele Plätze, die malerisch und abgeschieden zugleich sind. Auch da kann man den echten Norden genießen.

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erstellt am 31.Jul.2016 | 19:17 Uhr

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