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Kiel

10. Dezember 2016 | 23:31 Uhr

Boostedt : Prozess um Missbrauch in Flüchtlingsheim - „Der Vater hat geheult“

vom

Ein 22-Jähriger soll sich an dem Kind vergangen haben. Am Donnerstag werden Polizisten, Wachleute und der Vater vor Gericht befragt.

Kiel | Es wird still vor Spannung in diesem Kieler Missbrauchsprozess. Der Vorsitzende Richter, Stefan Becker, fragt den irakischen Flüchtling und Vater, ob der Mann, den er auf der Toilette mit seinem vierjährigen Sohn überrascht habe, hier im Saal ist. Der 28-Jährige lässt bei der Verhandlung am Donnerstag im Landgericht die Augen wandern, dreht sich um und zeigt mit dem Finger auf den Hauptangeklagten: „Ja.“

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 22-jährigen Afghanen vor, am 29. März den Jungen in der Landesunterkunft Boostedt bei Neumünster massiv sexuell missbraucht zu haben. Der Angeklagte bestreitet das.

Ebenfalls vor Gericht steht ein 29-Jähriger Afghane. Er soll Schmiere gestanden und den achtjährigen Bruder, der dem mutmaßlichen Opfer helfen wollte, mit einem Messer bedroht haben. Der 29-Jährige schweigt bisher.

Dem Vater des Vierjährigen geht die Gerichtsverhandlung sichtlich an die Nieren. Er war früher bei der Armee. Richter, Staatsanwältin und Verteidiger wollen mit präzisen Fragen Widersprüche aufdecken. Die wegen der Sprachprobleme mühselige Befragung mit Dolmetschern ergibt folgende Aussage des Vaters: Er rauchte abends draußen am Eingang der Unterkunft, als sein achtjähriger Sohn zu ihm rannte und sagte: Mit dem kleinen Bruder, sei ein fremder Mann auf der Toilette. Er sei hingegangen und habe von draußen auf dem Boden einer Kabine die kleinen Schuhe seines Sohnes gesehen und die Schuhe eines Erwachsenen. Er habe gerufen und versucht die Tür zu öffnen, die dann offenbar von innen aufging.

Der Junge habe sich die Hose hochgezogen und der Erwachsene ebenso. Auf Arabisch habe er gefragt: „Was machst Du mit meinem Sohn?“, sagte der Vater. Der Mann habe Persisch geantwortet, er habe diesem nur beim Toilettengang geholfen. „Ich habe das in dem Moment geglaubt und ihm auf Persisch noch gedankt.“

Im Zimmer der Familie habe seine Frau Misstrauen geschöpft, dem offensichtlich verängstigten Sohn Schokolade gegeben und ermutigt, endlich zu sagen, was passierte, berichtete der Vater. Dann habe der Vierjährige das Geschehen detailliert geschildert.

Der Junge ist jetzt mit seiner Familie in Schleswig, das Kind macht dort eine Therapie. Die Familie hatte den Wunsch geäußert, möglichst schnell die Unterkunft zu wechseln. Seinem Sohn gehe es insgesamt gut, sagte der Vater. Er könne wie sein achtjähriger Bruder demnächst in dem Verfahren aussagen.

Den 22-jährigen Afghanen und den zweiten Angeklagten kannte der Vater nach dessen Aussagen nicht. Beide verfolgen konzentriert die Verhandlung, oft das Kinn auf die gefalteten Hände gestützt oder mit verschränkten Armen.

Vor dem Vater hatte ein Polizist ausgesagt und die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen die Angeklagten praktisch untermauert - gestützt auf die damaligen Aussagen des Vaters und der Kinder. Der Polizist war mit seinem Kollegen zum Einsatz in die Landesunterkunft gerufen worden. Nach einem DNA-Gutachten stammen Spuren von einem Penis-Abstrich des Angeklagten mit hoher Wahrscheinlichkeit von dem Jungen.

Auf dem Flur soll der Vater handgreiflich gegen den mutmaßlichen Täter geworden sein. „Er hat ihm wohl ein paar reingehauen, ihm ein paar geschossen, das ist ja menschlich“, sagte der Polizist.

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, in welchem Zustand Vater und Kinder das Erlebte geschildert hatten, sagte der Polizist: „Der Vater hat fast die ganze Zeit geheult, der war völlig fertig.“ Der Vierjährige habe geschockt und apathisch gewirkt. Der Achtjährige sei aufgeregt gewesen. Der Vierjährige habe - wie der Vater später berichtete - sich in die Hose gemacht.

Der Prozess hatte am Dienstag begonnen. Für den Prozess sind acht weitere Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil könnte im Oktober fallen. Beide Angeklagte sitzen in Untersuchungshaft.

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erstellt am 11.Aug.2016 | 18:36 Uhr

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