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Erstwähler-Check : Parteien im Kreuzverhör der Erstwähler

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Bei der Aktion „Marktplatz für politische Möglichkeiten“ diskutierten gestern im Magistratssaal des Kieler Rathauses Schüler und Partei-Vertreter miteinander. Im Fokus der Jugendlichen: die AfD.

„Sagt mal, wollt ihr nicht mal eine Pause machen?“, fragte Moderator Heino Schomaker gestern fast schon fassungslos in die Runde der knapp 20 Jugendlichen. Aber keine Chance, die Schüler des Gymnasiums Altenholz hatten viele Fragen an die AfD-Politiker Eike Reimers, Mario Hemmersbach und Gerald Hohmann. Denn beim „Marktplatz für politische Möglichkeiten“ – einer Initiative des Jungen Rates der Landeshauptstadt Kiel – bekamen Schulklassen aus Kiel und dem Kieler Umland gestern im Rathaus die Möglichkeit, parteipolitischen Vertretern jene Fragen zu stellen, die ein Wahlprogramm nicht beantworten kann.

Im Rahmen des Schul- und Demokratieprojektes „Ich wähl’ mir die Welt“ hatte die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit dem Jungen Rat Kiel zunächst weiterführende Schulen in der Kieler Region mit einem selbst erstellten Themen-Paket versorgt, das Jugendliche ab der neunten Klasse auf die Landtags- und die Bundestagswahl vorbereiten soll. Als Unterrichtsergänzung soll die Box, sagte Yonca Akbay von der Heinrich-Böll-Stiftung, einen kreativen Weg aufzeigen, die Jugendlichen auf die Landes- und Bundespolitik vorzubereiten. „Es ist auch der Stoff, der im Lehrplan steht, nur bietet die Box die Möglichkeit, ihn auf eine andere, interessantere Art zu lehren“, erklärte die 20-Jährige. So bietet die vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Bildungs-Box Diskussionsanregungen, Spiele und Aufgabenstellungen zu den Themen-Blöcken „Meine Stimme in der Demokratie“, „Wen wähle ich – Parteien und ihre Ziele“ und „Herausforderungen und Gefahren für die Demokratie“. „Es geht uns darum“, erklärte Helen Ruck von der Heinrich-Böll-Stiftung, „dass die Schüler nachdenken, sich eine eigene Meinung bilden und im Netz nicht alles teilen, was sie dort finden.“ So gehöre auch die genaue Quellen-Recherche zum Bildungsauftrag der Box. 30 Boxen haben bereits ihren Weg in die Kieler Schulen gefunden. Weitere 20 stehen noch zur Verfügung. „Die Nachfrage ist sehr groß, wir haben schon landesweite Anfragen für die Box bekommen“, sagte Yonca Akbay.

Mit dem Markt der Parteien wollten Akbay und ihre Mitstreiter dem schleswig-holsteinischen Wähler-Nachwuchs nun auch die Möglichkeit geben, seine Fragen in kleinen Diskussionsrunden unmittelbar an die politischen Akteure – vom Jugendvertreter bis zum Spitzenkandidaten – zu richten. Die Reaktionen der Parteien seien auf Nachfrage der Heinrich-Böll-Stiftung allerdings sehr unterschiedlich gewesen, sagte Yonca Akbay: „Bei einigen Parteien wussten wir bis heute nicht, ob sie kommen, der SSW ist bis jetzt nicht erschienen, dabei war er angemeldet.“ Andere Parteien hätten zuvor mehrfach nachgefragt, auf welche Themen sie sich einstellen müssten. „Das konnten wir ihnen natürlich nicht beantworten, weil wir ja nicht wissen, welche Fragen die Schüler ihnen stellen werden.“ Am engagiertesten, so Yonca Akbay, sei die AfD gewesen. „Die haben sofort zugesagt und angeboten, Flyer und Informationsmaterial mitzubringen.“

Und auch das Interesse der Schüler lag augenscheinlich vorrangig bei der kontrovers diskutierten Partei „Alternative für Deutschland“. Während die Stände von Bündnis 90/Die Grünen, FDP, SPD und Die Linke eine überschaubare Zahl an das Gespräch suchenden Schülern aufwies, bildete sich eine ganze Traube von Interessierten und Kritikern um den AfD-Info-Stand. Und die Neugier der Schüler war groß. Mit kritischen Fragen zum Frauenbild, Homosexualität, Drogenpolitik oder der Begriffsdefinition von „Gesellschaft“ oder „völkisch“ löcherten die Jugendlichen den AfD-Direkt-Kandidaten für Kiel-West, Gerald Hohmann, und seine Parteikollegen Eike Reimers und Mario Hemmersbach, während Heino Schomaker – Geschäftsführer der Heinrich-Böll-Stiftung – die Moderation übernahm.

Schülerin Lina fand die Veranstaltung gelungen: „Es ist total interessant, weil man mit den Politikern diskutieren kann, was ja sonst nicht möglich wäre.“ Ihre anfängliche Skepsis sei schnell verflogen: „Zuerst habe ich gedacht, das wird bestimmt total langweilig, aber jetzt ist die Zeit wie im Flug vergangen.“ Besonders positiv ist der Schülerin das Gespräch mit der SPD in Erinnerung geblieben: „Dort haben sie uns auch Fragen gestellt, was wir vom Zivildienst halten zum Beispiel. Das fand ich gut, weil uns das ja auch betrifft“, sagte Lina.

Lina hatte sich auch das Programm-Heft der AfD durchgelesen, habe sich damit allerdings nicht identifizieren können, sagte die 16-Jährige: „Ich finde, die vertreten darin teilweise eine krasse Meinung.“ Ganz bewusst habe sie sich darum an der Diskussion mit den AfD-Akteuren beteiligt: „Mich interessieren Themen wie Flüchtlinge und Homosexualität. Die AfD-Leute sind schon ganz nett und beantworten auch alle Fragen, ich teile eben nur nicht ihre Ansichten.“

Simon, Loris und Matti erkundigten sich nach den Standpunkten von FDP, SPD und den Grünen zu den Themen Schulreform und Integration. Simon erklärte abschließend: „Das war sehr interessant und hat meine Meinung zu den Parteien größtenteils bestätigt.“

Auch Yonca Akbay und ihre Mitstreiter von der Heinrich-Böll-Stiftung sind zufrieden mit dem Ergebnis der Aktion „Marktplatz für politische Möglichkeiten“: „Am Anfang waren die Schüler noch schüchtern, aber dann sind sie gut in die Gespräche mit den Parteienvertretern eingestiegen“. Eine Fortsetzung der Veranstaltung ist demnach nicht ausgeschlossen.

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erstellt am 20.Mär.2017 | 15:05 Uhr

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