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Kiel

05. Dezember 2016 | 15:38 Uhr

Hintergrund und Kommentar : Online-Datenbank: So viel Geld bekamen Ärzte in SH von Pharmafirmen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Pharmaunternehmen haben im vergangenen Jahr 575 Millionen Euro an Mediziner gezahlt - ein üppiges Zubrot, von dem auch Ärzte in SH profitierten.

Die Pharmaindustrie hat im vergangenen Jahr in Deutschland an Ärzte, Apotheker und Krankenhäuser 575 Millionen Euro gezahlt. Die Namen von 20.000 Ärzten, die für Studien, Weiterbildungen und Vorträge Geld von der Pharmaindustrie erhalten haben, sind seit Donnerstag in einer Online-Datenbank öffentlich. Sie basiert auf Daten des Vereins „Freiwillige Selbstkontrolle der Arzneimittelindustrie“. Etwa ein Drittel aller Ärzte stimmte der Veröffentlichung ihrer Namen zu. Die Daten wurden vom Recherchezentrum „Correctiv“ aufbereitet. Jeder Internetnutzer kann in der Datenbank correctiv.org/euros Ärzte nach Namen, Ort und Postleitzahl suchen.

Sind die Ärzte eigenständig - oder abhängig von der Pharmaindustrie? Die Zahlungen lassen zumindest Zweifel, ob die Mediziner bei der Auswahl von Medikamenten nicht doch mehr beeinflusst werden als gedacht.

Im Schnitt flossen bundesweit 1646 Euro an die begünstigten Ärzte. Die Zahlen decken sich mit den Angaben aus Schleswig-Holstein. Im nördlichsten Bundesland bekamen 1224 Ärzte, die die Zahlungen offen legten, im Schnitt 1624 Euro. Den höchsten Betrag erhielt ein Arzt aus dem Kreis Stormarn – rund 66.000 Euro. Medizinische Einrichtungen in Schleswig-Holstein erhielten im Schnitt mit etwa 10.900 Euro deutlich mehr als Kliniken im Bundesvergleich (6200 Euro).

Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) lehnt eine Offenlegungspflicht für alle Mediziner wie in den USA ab. Klaus Lieb, Mitglied der Arzneimittelkommission, nannte es enttäuschend, dass nur 29 Prozent der Ärzte einer Veröffentlichung zustimmten. „Wir Ärzte haben bezüglich Interessenkonflikten einen blinden Fleck“, kritisiert der Mediziner.

Für den Kieler SPD-Gesundheitspolitiker Bernd Heinemann zeigen die Zahlen, dass „Zehntausende von Medizinern durch die Strafbarkeitslücke durchschlüpfen können“, weil der Bund die entsprechenden Gesetzesänderungen noch nicht auf den Weg gebracht habe. Sein FDP-Kollege Heiner Garg warnte hingegen davor, Pharmaindustrie und Ärzte unter Generalverdacht zu stellen. „Das sind doch nicht alles Mafiosi“, sagt Garg und weist auf bahnbrechende Innovationen bei der HIV- und der Krebstherapie hin. Statt die Ärzte an den Pranger zu stellen, sollten Anreize gegeben werden, damit möglichst viele ihre Daten veröffentlichen.

Auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Bad Segeberg kann man die Aufregung nicht nachvollziehen. Schließlich sei immer wieder Transparenz eingefordert worden. Dass viele Ärzte bereit waren, freiwillig ihre finanziellen Verbindungen zur Phamaindustrie offenzulegen, „spricht doch für ein souveränes Verhalten“, meint KV-Sprecher Marco Dethlefsen. Der Elmshorner Internist Bernd Thormählen vom Netzwerk Mezis, das Sponsoring strikt ablehnt, hat beobachtet, dass die Pharmaeinflussnahme auf die niedergelassenen Ärzte „zum Glück abgenommen hat“.

Kommentar:

Es bringt jetzt nichts, reflexhaft auf die Ärzte einzuprügeln und noch strengere Gesetze zu fordern, kommentiert Margret Kiosz.

Um Kugelschreiber und Kaffeebecher als kleine Gunstbeweise für die Ärzte geht es schon lange nicht mehr. Um sicherzustellen, dass Mediziner den Namen des „richtigen“ Medikaments auf ihren Rezeptblock schreiben, werden von der Pharmaindustrie ganz andere „Geschenke“ aufgefahren: kostenlose Software für den Praxis-Computer, Gratis-Muster, Einladungen zu Kongressen samt „Häppchen“ und Übernachtung. Und üppige Kopfgelder für fragwürdige Beobachtungsstudien, die einzig dem Ziel dienen, Patienten auf ein neues, profitables Medikament umzustellen.

Doch gegen den Würgegriff der Pillenbranche regt sich Widerstand. Der Gesetzgeber setzt seit einiger Zeit wirkungsvolle Grenzen, und auch in Schleswig-Holstein kämpfen kritische Mediziner gegen die Einvernahme durch die Konzerne. Im Netzwerk Mezis. Die Abkürzung steht für: „Mein Essen Zahl Ich Selbst“ und spielt auf die Pharma-Verwöhnmethoden an, mit denen sie sich nicht ködern lassen. Die Existenz dieser Gruppe zeigt, dass ein Generalverdacht gegen alle Ärzte fehl am Platz ist. Auch dass 20.000 Mediziner einer Veröffentlichung ihrer Pharma-Kontakte zustimmten, spricht eher für Souveränität als für Abhängigkeit.

Problematisch sind die, die nein sagten. Es bringt jetzt nichts, reflexhaft auf die Ärzte einzuprügeln und noch strengere Gesetze zu fordern. Das Problem sind längst nicht mehr die „kleinen“ Kassenärzte. Die wirklich bedenkliche Einflussnahme zu Lasten von Gesundheit und Portemonnaie der Bürger findet ganz woanders statt: Dort, wo Behandlungsleitlinien festgelegt und Selbsthilfegruppen instrumentalisiert werden, wo Pharmalobbyisten Strukturentscheidungen beeinflussen und über lanciertMedienberichte ihre Präparate promoten.

Natürlich muss sich jeder Hausarzt fragen, ob er trotz guten Einkommens auf das fragwürdige Zubrot der Pharmakonzerne angewiesen ist. Aber auch die Bürger müssen sich fragen, ob sie den sublimen Werbebotschaften der Pillendreher nicht zu oft aufsitzen und ihren Arzt damit unter Druck setzen.

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erstellt am 14.Jul.2016 | 20:51 Uhr

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